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Scheibes Kolumne: Mobiles Arbeiten: Katastrophe!

stern.de-Kolumnist Scheibe würde in dieser Woche die beste Kolumne aller Zeiten schreiben - wenn er nur die Zeit dafür finden würde. Als Elterntaxi unterwegs muss Scheibe zusehen, wie er auch unterwegs seinen Verpflichtungen nachkommt. Das liest sich in der Fachpresse immer einfacher, als es in der wirklichen Welt tatsächlich der Fall ist.

Ganz gemütlich saß ich in meinem Home Office und legte die Füße auf den Schreibtisch. Bei einem kurzen Powernapping würde mir sicherlich die beste Idee für die neue stern.de-Kolumne kommen. Gerade hatte ich es mir im Schreibtischstuhl so richtig bequem gemacht und die Äuglein ein wenig geschlossen, da rauschte auch schon meine Frau herein. Ob ich denn vergessen hätte, dass heute Donnerstag sei? Und da sei ich doch für meinen Sohn gleich zwei Mal nacheinander als Elterntaxi gebucht. In zehn Minuten müsse es losgehen. Au weia. Das hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes verpennt. Sonst schrieb ich meine Stern-Texte immer erst am Freitag. Nur waren sie dieses Mal wegen dem Feiertag schon am Donnerstag dran.

Schnell suchte ich nach meinem Notebook, fand es aber nicht gleich. Ich ahnte schon, wo es steckte und suchte stattdessen nach einem USB-Stick, um meine Textvorlagen vom Desktop-Rechner überspielen zu können. In meiner Krimskramskiste, in der ich neben Flaschenöffnern und Bleistiftanspitzern eben auch meine USB-Sticks sammelte, war nix zu finden. Das konnte nur einen Grund haben: Jeanine. Und richtig: Meine Mitarbeiterin hatte den weißen USB-Stick gerade in der Hand, um die neuesten Rechnungsdateien aufzukopieren. Dabei schwatzte sie aber hingebungsvoll mit Antonia, die gerade nach drei Wochen Florida-Urlaub nach Deutschland zurückgekehrt war - und entsprechend viel zu erzählen hatte, vor allem über die neuesten Ereignisse in den angesagten TV-Serien, die "drüben" natürlich schon viel weiter waren als hier.

Ich musste Jeanine den Stick regelrecht aus den Händen winden. "Püh, dann gibt's eben keine Rechnungen in dieser Woche", meinte sie. Dann widmete sie sich auch schon wieder Antonia. Ich hörte irgendetwas von knackigen Beachboys und war auch schon weg - den Notebook suchen. Den hatte der Sohnemann in den Fingern, um eine Buchvorstellung für die sechste Klasse zu tippen. Ich entriss ihm das Notebook und steckte auch gleich die Maus in die Hosentasche. "Papa", schrie der Nachwuchs. "Ist noch nicht gesichert!"

Ich hackte auf die Tastenkombo STRG+S, schaltete auf Sleepmodus und suchte nach dem O2-Surfstick, der einem auch unterwegs auf unkomplizierte Weise den Internet-Zugang sicherte. Er steckte nicht im Gerät. Noch 5 Minuten bis zum Abflug. Ich wurde hysterisch: "Wer hat meinen O2-Stick?", brüllte ich. Meine Frau schaute verwundert. "Der ist im Rechner ganz oben im Dach!". Mensch. Also hastete ich die Treppen hoch, immer zwei Stufen nehmend, hinauf ins Dach. Den Stick fand ich schnell im Rechner vor, zog ihn ab und steckte ihn zu der Maus in die Hosentasche. Prustend kam ich unten wieder an. Meine Frau stand vor der Haustür: "Die PIN für den Stick liegt oben auf dem Schreibtisch." Aha. Also rannte ich noch einmal hoch ins Dach, die Waden jaulten bereits. Ich fand den Zettel, steckte ihn ein und krauchte die Treppen wieder runter. Unten wartete meine Frau: "Hättest mich aber auch fragen könne. Die PIN kann ich auch auswändig." Arghh!!!

Was ich nicht wusste: Ich sollte unterwegs auch noch einkaufen gehen, den Hund mitnehmen und Flaschen wegbringen. Dreifach-Arghh. Ich packte alles ins Auto: Flaschen, Kind, Hund, Leine, Einkaufskorb und Notebook. Tennisschläger natürlich auch. Dann fuhr ich zum ersten Event. Hier parkte ich direkt vor der Tür, zog das Notebook heraus und schaltete es ein. Mist, nur noch 53 Minuten Batterieleistung. Dabei hatte ich es doch gerade erst Zuhause von der Steckdose genommen.

Egal. Das Lenkrad behinderte mich, so konnte ich das Notebook nicht in der gebührenden Entfernung von meiner Nase aufklappen. In der Folge musste ich meine Arme in einem ziemlich unnatürlichen Winkel verkanten, um die Tasten erreichen zu können. Das war sehr anstrengend und überaus mühsam. Auf diese Weise tippte man sich ganz langsam von Wort zu Wort. Die Maus parkte ich auf dem Beifahrersitz. Der hatte genügend Flecken auf dem Stoff, dass die optische Maus "Halt" fand und ich so den Mauszeiger bewegen konnte. Plötzlich tauchte neben mir auh noch ein Bagger auf, um zu baggern. Das ganze Auto vibrierte. Ich war heilfroh, als Text 1 endlich fertig war und ich ihn via O2-Surfstick endlich absenden konnte. Mobiles Arbeiten: Das hatte ich mir immer bequemer vorgestellt.

Ich düste noch einmal los, brachte die Post und die Flaschen weg, erledigte den Einkauf und kam trotzdem zehn Minuten zu spät zum wartenden Kinde zurück. Vor mir hatte eine Frau beim Bezahlen ihre Geheimnummer zur EC-Karte vergessen und probierte jetzt so lange Zahlen durch, bis ihre Karte gesperrt wurde. Mein Sohn war sauer und ich musste heizen, was der Fahrschüler vor mir erlaubte, um rechtzeitig bei der Tennishalle im Nachbarort zu sein. Hier ging ich dann erst einmal mit dem Hund im Wald spazieren - mit dem Erfolg, dass der Hund aussah wie ein Schwein und wir nicht in das Clubrestaurant hereinkonnten - und draußen sitzen mussten.

Der Bildschirm von meinem Notebook hat jetzt auch schon drei Jahre auf dem Buckel und ist darüber so trüb geworden, dass ich mich draußen in den Schatten setzen musste, um überhaupt erkennen zu können, was ich da zusammentippte. Immerhin, es klappte. Frierend und fröstelnd brachte ich meinen Text zu Ende und schickte ihn ab. Danach konnte ich mich auch endlich in die wärmende Sonne setzen. Feierabend.

Wohlgemerkt, das hätte die beste Kolumne aller Zeiten sein können - wenn ich die Zeit dafür gefunden hätte, sie zu schreiben.