HOME

Scheibes Kolumne: Schalt den Rechner aus!

Die Kids und Teens von heute wissen alles über Viren, Spam-Mails und die neuesten Ballerspiele. Dabei geht das "normale" Allgemeinwissen aber fast völlig verloren. Die meisten Kinder und Jugendlichen können zwar im "Doom"-Dungeon überleben, hätten aber in der freien Natur keine Chance.

Tick, Trick und Track vom Fähnlein Fieselschweif haben immer ihr Schlaues Buch dabei. In Notlagen, von denen es in den Donald-Duck-Heften nur so wimmelt, weiß das Buch immer einen guten Rat. Verlaufen sich die Duck-Kinder im Wald, so wissen sie nach kurzer Konsultation ihres Buches, dass sie nur die Moosseite eines Baumes suchen müssen, um den Kompass zu ersetzen und die Himmelsrichtungen zu finden. Nachts hilft ihnen der Abendstern bei der Orientierung, der bereits in der Dämmerung gut am Himmelszelt zu erkennen ist. Was tun bei Hunger und Durst? Den Tau von den Blättern lecken, nach essbaren Pilzen suchen oder leckere Beeren finden? Kein Problem für einen echten Pfadfinder, der im Freien sogar Schlehen und Maulbeeren erkennen kann.

Weinen im Wald

Die Kids von heute würden wahrscheinlich schon nach drei Metern im Wald zusammenbrechen und nach ihrem Admin weinen. Sie haben das Schlaue Buch vergessen und tragen stattdessen die GameStar (die sie lesen) und die c't (die sie nicht lesen, aber cool finden) unter dem Arm spazieren. In den Magazinen steht, wie toll das neue PC-Spiel ist, wie man sein RAM optimiert und wie wichtig es ist, per Modding das Design des Rechners zu verändern. Lebensnahe Hilfestellungen vermittelt das intensive Studium des PCs allerdings nicht. In den dicken Schwarten aus dem Computerkosmos steht nichts über Mädchen, Muskeln und Moneten. Die Kinder von heute können einen Planeten schon längst nicht mehr von einer Sonne unterscheiden und wissen nicht, dass die einzige giftige Spinne in Deutschland nicht die Kreuzspinne, sondern die in den Mooren lebende Wasserspinne ist. Die Kids haben keine Ahnung, wie sie einen Champignon von einem Knollenblätterpilz unterscheiden. Und würde sich ihnen im Garten eine harmlose Ringelnatter entgegenschlängeln, so würden sie wahrscheinlich panisch nach dem Großwildjäger brüllen, weil ihnen eine tropische Anakonda nach dem Leben trachtet.

Stubenhocker heute und damals

Früher gab es Stubenhocker. Das waren die Kinder und Jugendlichen, die lieber in den Enid-Blyton-Welten versanken, anstatt mit den Freunden im Moor ein Floß zu bauen. Heute sind es die PC-Hocker, die vergessen haben, wie Frischluft riecht und dass die Muskelstränge unter dem Bauchfett sehr wichtig sind, wenn man am rissigen Stamm einer Eiche bis hinauf zum Wipfel klettern möchte. Die PC-Kids von heute schaffen es locker, den PC in einen Fernseher zu verwandeln, Millionen von DVDs raubzukopieren, die sie dann doch nicht gucken, und im Internet via Chat mit fremden Mädchen zu flirten, hinter deren freundlichen Pixelgesichtern sich wahrscheinlich doch nur behaarte Lastwagenfahrer aus Bottrop verstecken.

Aufklärungsarbeit

Gibt es eigentlich die beliebten Bluesparties aus den Achtzigern noch? Im Partykeller oder in der Garage eines abwesenden Elternpaares haben die jugendlichen Gastgeber damals das Licht gedimmt, ein paar Chipsschalen ausgestellt und die richtige Schmusemusik aufgelegt. Und schon konnten die Pärchen eng tanzen, bis seine Hände zu vorwitzig wurden und es von ihr eine erste ermahnende Schelle setzte. Ich befürchte, dass die Teenager von heute nicht mehr auf Klassenfahrten mit offenem Mund den amourösen Angebereien der Älteren lauschen, sondern sich stattdessen gleich vom Internet aufklären lassen. Das wäre fatal: Anstatt zarter Küsse gäbe es dann gleich Doppel-Anal-Penetrationen und Bukkake-Massen-Gangbangs als ToDo-Aufgabe für die erste Liebesnacht zwischen Drucker und PC-Monitor.

Morgentau statt "Myst"

Deswegen der Apell: Schaltet die Kiste doch einmal aus und nutzt die letzten Sonnenstrahlen, um einmal einen schönen Spaziergang durch den Wald zu machen. Jetzt sind die Kartoffelboviste reif, die so schön stauben, wenn man draufspringt. Jetzt suchen die Frösche nach einem Winterquartier und sind noch in der freien Natur zu finden. Die Spinnen sind herangewachsen und spinnen überall ihre Netze, was besonders im Morgentau abenteuerlicher aussieht als die "Myst"-Spielewelt. Eichhörnchen und Mäuse sammeln Eicheln, Bucheckern und Haselnüsse, um den Winter zu überstehen. Die Zeckenplage ist vorbei, auch die Wespen nerven nicht mehr. Wollen wir wetten: So ein Spaziergang kann spannender sein als der nächste "Doom"-Level.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

Themen in diesem Artikel