Steve Ballmer Mr Verantwortung


Steve Ballmer, Chef von Microsoft, erklärt im stern-Gespräch, warum der weltgrößte Software-Konzern auf einmal nett sein will.

Herr Ballmer, eigentlich ist Microsoft als schwieriger und arroganter Geschäftspartner verschrien. Jetzt haben Sie auf einmal jede Menge Freunde: Hier in Deutschland vereinbaren Sie mit Innenminister Otto Schily ebenso eine Kooperation wie mit Siemens, auch Wirtschaftsminister Clement gehört zu Ihren Gesprächspartnern. Und in den USA haben Sie sich sogar mit Erzfeind Sun versöhnt. Ist Microsoft neuerdings auf Schmusekurs?

Wir werden unserer Rolle und unserer Verantwortung in der Industrie gerecht. Ich sag es gerne so: In den achtziger Jahren waren wir das nette Kind - jeder mochte uns. In den späten Neunzigern benahmen wir uns wie ein Heranwachsender: Man konnte nur schwer mit uns in Kontakt kommen, es gab einige hausgemachte Probleme. In den letzten Jahren sind wir erwachsen geworden. Wir kämpfen weiterhin um unsere Kunden - aber wir agieren verantwortungsvoll.

Das klingt nett, aber Ihr Verhaltenswandel ist auch dadurch verursacht, dass es ernst zu nehmende Konkurrenten gibt: das kostenlose Betriebssystem Linux und Open-Source-Software, die bei deutschen Behörden besonders beliebt sind.

Ja, die öffentliche Verwaltung schaut sich natürlich alle Alternativen an. Da müssen wir eben die besten Produkte zum besten Preis anbieten können.

Im März hat Ihnen die EU-Kommission die Ausnutzung Ihrer Monopolstellung bescheinigt, wegen Marktmissbrauchs ein Rekordbußgeld von 500 Millionen Euro verhängt und angeordnet, binnen 90 Tagen eine Version von Windows ohne den sonst integrierten Media Player anzubieten. Haben Sie diese Version schon fertig?

Wir erheben vor dem Europäischen Gerichtshof Einspruch und beantragen, die Strafe auszusetzen. Wir müssen uns aber darauf vorbereiten, dass dieser Aufschub nicht gewährt wird. Also haben wir Leute, die sich damit beschäftigen. Ich hoffe, dass wir uns doch noch außergerichtlich einigen können.

Eine Zeitschrift nannte das "Windows à la carte" - weil sich der Käufer die Komponenten selbst nach Wunsch zusammenstellen könnte. Was ist daran so schlecht für den Verbraucher?

Nur ein Aspekt: Wenn heute jemand "Windows" sagt, wissen Sie genau, was gemeint ist - was die Software kann und was nicht. Das wäre mit einem "Windows à la carte" nicht mehr so. Haben Sie das Windows, das ich habe? Kopiert Ihre Version CDs so, dass meine sie lesen kann?

Der Aktienkurs von Microsoft dümpelt vor sich hin, die Wachstumsrate ist auf einstellige Werte geschrumpft. Hat Ihre Firma die beste Zeit hinter sich?

Wirtschaftsdaten sagen nicht alles über das Wohlergehen einer Firma aus. Die Innovationskraft ist uns wichtiger. Es gibt zwei Arten von Innovation: Man kann Dinge entwerfen, von denen zuvor noch nie jemand auch nur geträumt hat. Und man kann Dinge, von denen Menschen geträumt haben, einfacher, besser und eleganter machen. Wenn wir beides richtig gut beherrschen, dann müssen wir uns über Wachstum und Gewinn keine Gedanken machen.

Sie machen viel Gewinn, sitzen auf einem Geldvorrat von 53 Milliarden Dollar - könnte Ihre Software nicht viel billiger sein?

Vielleicht - aber das ist nicht sinnvoll. Wir nennen keine offiziellen Zahlen, aber die meisten Marktbeobachter schätzen, dass wir 50 Dollar für jede Windows-Kopie erhalten. Würde man das auf 40 Dollar senken, wäre ein PC mit Windows gerade mal zehn Dollar billiger - aber unsere Forschungsetats würden gekürzt, und davon hätte der Verbraucher gar nichts.

Nach wie vor hat Microsoft ein ziemlich schlechtes Image. Sind Sie nicht neidisch auf Firmen wie Apple und deren Chef Steve Jobs, die eigentlich immer nette Schlagzeilen bekommen?

Ach, das ist der Preis des Erfolgs. Da wird man eben genauer beobachtet und kritisiert. Ich will nicht unhöflich sein, aber welchen Marktanteil hat Apple jetzt im Segment Betriebssysteme? 1,5 Prozent, glaube ich. Wären wir ähnlich groß wie Apple, dann hätten wir das Problem, besonders kritisch beurteilt zu werden, wohl nicht. Nein, kein bisschen Neid. Mehr Kunden und mehr Gewinn bedeuten eben mehr Verantwortung.

"Verantwortung" ist ein neues Lieblingsmotto bei Microsoft - und bei Ihnen: Schließlich waren Sie als aggressiver Einpeitscher bekannt, der die eigenen Leute mit fanatischen Auftritten motiviert hat. Ist das jetzt vorbei?

Ich bin Pragmatiker. Unsere größte Herausforderung ist es, die Menschen in ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen - und entsprechend verhalte ich mich. Das war die ursprüngliche Vision von Bill Gates: ein Computer auf jedem Schreibtisch und in jedem Haus.

Die meisten Verbraucher wären derzeit wohl schon mit etwas kleineren Zielen zufrieden: Sie wünschen sich Schutz vor Viren, Würmern und anderen elektronischen Attacken. Warum ist Windows so angreifbar?

Wir müssen da besser werden. Noch in diesem Jahr kommt ein kostenloses Update für Windows XP heraus, das "Service Pack 2". Es wird wesentliche Verbesserungen in puncto Sicherheit bringen. Aber bedenken Sie: Es gibt 500 Millionen Computer auf der Welt. Die haben nicht alle XP, die sind nicht alle optimal geschützt. Neulich traf ich einen deutschen Politiker. Der beschwerte sich, dass sein PC einen Virus eingefangen hatte. Und ich fragte, ob er die integrierte Firewall aktiviert hatte. Seine Antwort: Nein. Deshalb liefern wir das Service Pack 2 mit aktivierter Firewall aus.

Sie haben noch eine Methode, um Angriffe zu bekämpfen: Sie setzen Kopfgelder bis zu 250.000 Dollar auf die Programmierer von Viren und Würmern aus. Das war ja wohl jetzt bei der Verhaftung des Programmierers von "Sasser" und "Netsky" entscheidend.

Ich kann leider keine Details nennen. Wichtig ist, dass wir mit den Strafverfolgungsbehörden eng zusammenarbeiten - wie letzte Woche in Deutschland.

Nicht nur dass PCs angegriffen werden, sie sind auch immer noch schwer zu benutzen und stürzen häufig ab. Wann wird sich das endlich bessern?

Computer haben riesige Fortschritte gemacht, was die Bedienbarkeit angeht. Aber ihre Fähigkeiten nehmen immer mehr zu - und damit kommen auch neue Probleme.

Im Moment wird der Börsengang von Google viel diskutiert - und Microsoft als starker Konkurrent gehandelt. Was planen Sie für die Internetsuche?

Ich glaube nicht, dass das Problem der Suche gelöst ist. Man sollte den eigenen PC, das Firmennetz und das Internet in einem Schritt durchsuchen können. Ein großer Teil der Internetseiten wird zudem nie gefunden, weil Datenbanken nicht ohne weiteres durchsucht werden können. Also haben wir einige unserer schlauesten Leute an diese Sache gesetzt.

Und wann liefern Sie die Ergebnisse?

Noch in diesem Jahr können Sie von uns etwas in Sachen Suche erwarten.

Manche der Neuheiten geben den Menschen das Gefühl, sie verlieren die Kontrolle über ihren Rechner. Windows enthält zum Beispiel ein "Digital Rights Management", mit dem Musikanbieter kontrollieren können, wie oft der Käufer eines Online-Songs das Lied abspielen und ob er es kopieren darf. Wer will so etwas haben?

Erstens: Auf einem Windows-PC passiert nichts, ohne dass der Benutzer sein Einverständnis gegeben hat. Zweitens: Sollen wir Menschen helfen, ihr geistiges Eigentum zu schützen? Das müssen wir. Es ist gesetzlich vorgeschrieben. Wenn also ein Anbieter meint, er müsse seinen Kunden verbieten, ein Lied mehr als zweimal anzuhören, dann ist das seine Entscheidung. Wir eröffnen nur alle technischen Möglichkeiten - was damit gemacht wird, ist Sache der Anbieter.

Sie sagen, die Firma habe ihre Erwachsenen-Jahre erreicht. Was können wir in zehn Jahren erwarten? Eine Speckrolle und träges Abhängen?

Wenn das so sein sollte, dann habe ich meinen Job nicht gut gemacht - und Bill Gates auch nicht. Nicht dass die ganzen neuen Ideen von uns beiden kommen müssen. Letztlich bin ich für die Kultur im Unternehmen verantwortlich. Das ist der Job des "top guy". Wenn wir das hinkriegen, dann gibt's auch keinen Bierbauch .

Thomas Borchert/Dirk Liedtke print

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