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Steve Jobs: "Oh mein Gott"

Für seine Anhänger ist Apple-Chef Steve Jobs ein Guru, für seine Kritiker ein Egomane. Fest steht: Mit seinem Musikplayer iPod revolutioniert er die Unterhaltungsbranche

Der Mann hatte wieder mal eine seiner Ideen. Einen neuen Musikladen im Internet wollte er schaffen, etwas Unerhörtes; etwas, das die Käufer seines iPods immerfort mit frischen Hits versorgt und bei allen anderen das Verlangen weckt: "Das muss ich auch haben!" Aber die Plattenbosse zierten sich. Also bat Steve Jobs um ein Treffen und tat das, was er am besten kann: Er predigte. Stundenlang erklärte der Chef des Computerherstellers Apple den Musikmanagern, wie sie Raubkopierer wieder zu Käufern machen könnten. "Steve hatte eine ganz klare Vision, ich war beeindruckt", erinnert sich Ted Cohen von der Plattenfirma EMI. "Nach so einem Treffen geht man raus und denkt: Wow!"

Es war eine typische Vorstellung à la Steve Jobs, voller Charme, Wortgewalt und Überredungskunst - und am Ende bekam er genau das, was er wollte. Ein paar Monate nach dem Treffen konnte der Apple-Boss seinen iTunes Music Store vorstellen, den ersten Musikladen im Internet, bei dem alle großen Plattenfirmen mitmachten. Inzwischen hat Apple mehr als 250 Millionen Songs verkauft - und zehn Millionen iPods, fast die Hälfte davon allein im Weihnachtsgeschäft. Der Gewinn sprudelt, die Aktie steigt, innerhalb eines Jahres von 22 auf mehr als 70 Dollar. "Steve hat Apple wieder relevant gemacht", lobt Michael Gartenberg, PC-Experte beim Marktforscher Jupiter Research in New York. Nun muss es Jobs nur noch gelingen, auch wieder mehr Computer zu verkaufen. Denn über die Jahre ist seine Firma im Kampf mit Windows-Computern auf unter zwei Prozent Marktanteil gerutscht - auch, weil Macintosh-Rechner immer etwas teurer waren als herkömmliche PCs. Jetzt aber kommt der Mac mini auf den Markt: ein Rechenzwerg, kaum größer als eine Keksdose, zu haben ab 490 Euro.

Als der Apple-Anführer den kleinen Kasten kürzlich auf der Macworld-Messe in San Francisco enthüllte, feierten ihn seine Anhänger ekstatisch. Zu Tausenden waren sie ins Konferenzzentrum gepilgert, klatschten, johlten, riefen "Oh mein Gott!". Und es war nicht unbedingt klar, wen sie meinten - den neuen Computer oder den Mann auf der Bühne: ihren Messias in Turnschuhen, der wie immer jugendlich gekleidet vor ihnen stand, in Jeans und schwarzem Rollkragenpulli, auch wenn sein Haar sich lichtet, der Bart ergraut ist und man ahnen konnte, dass er Ende Februar 50 Jahre alt wird.

Apple hat nicht

einfach Kunden, sondern fanatische Gefolgsleute. Menschen, die sich das Firmenlogo eintätowieren lassen oder gar ihr Baby "Apple" taufen, wie die iPod-Enthusiastin Gwyneth Paltrow. Wer Apple leitet, ist deshalb schon von Berufs wegen Kultfigur. Steven Paul Jobs kommt am 24. Februar 1955 in Green Bay, Wisconsin, zur Welt. Die leiblichen Eltern geben ihn zur Adoption frei, er wächst in der Nähe von San Francisco auf, sein Adoptivvater springt erfolglos von einem Arbeitsplatz zum nächsten. Als der Lehrer fragt, was für ihn das größte Rätsel im Leben sei, antwortet der neunjährige Steve: "Warum ist meine Familie bloß immer so pleite?"

Jobs' Weg zu Ruhm und Reichtum verläuft alles andere als zielstrebig. Nach der Schule lungert er eine Weile an der Uni herum, probiert allerlei bewusstseinserweiternde Pillen und Gräser, pilgert nach Indien und schaut zwischendurch immer mal wieder bei seinen Freunden im Silicon Valley vorbei. Einer vor allem entwickelt sich über die Jahre zu seinem besten Kumpel: Steve Wozniak, fast fünf Jahre älter, aber ein ewiges Kind mit sonnigem Gemüt und genialischem Talent für alles Elektronische.

Die beiden sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Rings um sie herum entstehen die Giganten eines neuen Wirtschaftszweigs - Hewlett-Packard, Intel, Xerox, Atari, die Liste wird jeden Tag länger. Wozniak heuert bei HP an; Jobs bei Atari. Er ist kein Techniker, aber er weiß sich zu verkaufen - und wenn er nicht weiterkommt, bittet er seinen Freund um Hilfe. Jobs der Vermarkter, Woz das technische Wunderkind - so läuft das auch bei der Firma, die die beiden gründen, als sich abzeichnet, dass die Welt reif ist für PCs - "persönliche Computer".

Während der eine Steve

über Schaltkreisen brütet, läuft der andere durch die Nachbarschaft und versucht, Startkapital aufzutreiben. Nicht ganz einfach, denn Jobs ist zu jener Zeit ausschließlich barfuß unterwegs, trägt sein schwarzes Haar schulterlang, rasiert sich selten und badet so gut wie nie, weil er an die Theorie eines indischen Gurus glaubt, dass die richtige Ernährung (ausschließlich Früchte und Nüsse) von innen reinigt. Es spricht für Jobs' Überredungskünste, dass es ihm dennoch gelingt, einige der angesehensten Männer im Technik-Tal als Geburtshelfer für Apple zu gewinnen. "Steve kann unglaublich eindringlich und überzeugend sein", sagt Trip Hawkins, Apple-Mitarbeiter Nummer 68 und Gründer der Computerspiele-Firma Electronic Arts. Bald wird dem jungen Mann mit der hypnotischen Ausstrahlung nachgesagt, ihn umgebe ein "Realitäts-Verzerrungsfeld". "Jobs", erklärt Hawkins, "konnte sich die dämlichsten Sachen in den Kopf setzen, aber sobald man ihm näher kam als 1,80 Meter, geriet man in seinen Bann und war schnell überzeugt."

Widerspruch duldet Jobs ohnehin nicht; Mitarbeiter, die anderer Meinung sind, putzt er gern als "Volltrottel" und "Idioten" herunter. "Das ist schade", sagt Hawkins, "ich bewundere Steve, aber er muss anderen immer zeigen, dass er überlegen ist. Manchmal denke ich, er versucht, ständig die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken, um seinen leiblichen Eltern zu zeigen, welch einen Fehler sie gemacht haben, als sie ihn weggaben." Als der verstoßene Sohn 1978 selbst Vater wird - ungeplant, ungewollt - weigert er sich jahrelang, seine Tochter Lisa anzuerkennen.

Wer sagt auch

, dass brillante Menschen angenehme Menschen sein müssen? "Die Leute denken, dass ich ein Arschloch bin, nicht wahr?", fragte Jobs - mehr amüsiert als alarmiert - einen Gesprächspartner schon Anfang der 80er Jahre. Es war die Arroganz des Erfolgreichen: Mit 25 wurde Jobs der jüngste Multimillionär aller Zeiten auf der "Forbes"-Liste der Superreichen, und als IBM 1981 in den PC-Markt einstieg, tönte Apple in ganzseitigen Anzeigen: "Willkommen, IBM! Ganz im Ernst!" Jobs sah die Gefahr nicht kommen; er stemmte sich dagegen, Apple-Software an andere Hersteller zu lizenzieren - und so begann der Abstieg der Firma in ihre Nische: Computer nach IBM-Vorbild, mit Software von Microsoft, eroberten die Welt; Macs gab es höchstens bei Journalisten, Grafikern und Werbern. 1985 wurde Steve Jobs, gerade 30 Jahre alt, vom Aufsichtsrat aus der eigenen Firma gedrängt.

Apple ohne Jobs, das ging erst besser und dann stetig schlechter, bis die Firma 1997 kurz vor der Pleite stand. Jobs ohne Apple dagegen - das ging erst mäßig und dann immer besser: Der "Next"-Rechner, den Jobs entwickeln ließ, floppte zwar, doch dafür entwickelte sich eine Grafikfirma namens Pixar prächtig, die Jobs dem "Star Wars"-Vater George Lucas abgekauft hatte. "Toy Story" hieß der erste Pixar-Film und spielte gleich 362 Millionen Dollar ein. Seitdem folgte von "Monster AG" bis "Findet Nemo" Hit auf Hit.

Dann kehrte Jobs zu Apple zurück. "Der Gedanke, dass Apple-Rechner etwas Besonderes sein müssen, war verloren gegangen", klagt Jobs' ehemaliger Partner Steve Wozniak. "Unser Ziel war es immer, die fortschrittlichsten und menschlichsten Computer zu bauen. Und das merkt man den Geräten jetzt wieder an." Doch viele halten es für riskant, dass Jobs heute allein das Sagen hat. "Steve hat nie einen Nachfolger herangezogen, weil er neben sich niemanden ertragen könnte, der gleichwertig ist", sagt Roger Kay, PC-Experte beim Marktforscher IDC. "Stattdessen hat er sich mit Jasagern umgeben."

Entsprechend groß war der Schock in der Apple-Gemeinde, als bei Jobs im Sommer ein Krebsgeschwür entdeckt wurde - und noch größer die Erleichterung, als er einige Wochen später wieder auf der Bühne stand, um den Foto-iPod zu enthüllen, offenbar ganz der Alte. Oder vielleicht doch nicht ganz? Die Krankheit, glaubt Andy Hertzfeld, einer der Entwickler des ersten Macintosh-Rechners, habe Jobs ins Grübeln gebracht. "Steve hat sich immer für etwas Besonderes gehalten", sagt der 51-Jährige, der Jobs kurz nach dessen Operation besucht hat. "Er hat immer geglaubt, dass die Regeln, die für alle gelten, für ihn nicht gelten." Aber der Krebs habe ihm gezeigt, dass auch er sterblich sei. Weniger getrieben sei Jobs ihm jetzt vorgekommen, erzählt Hertzfeld, und nicht so manipulativ wie früher. Möglicherweise habe auch die Familie Jobs gezähmt: seine Frau Laurene sowie die drei gemeinsamen Kinder. "Er vergöttert sie, sie machen ihn zu einem besseren Menschen."

Man würde Jobs ja gern selbst fragen, aber der Apple-Boss spricht schon lange nur noch mit wenigen, handverlesenen Reportern. Er spielt den unnahbaren Rockstar - und kann es sich leisten: Das "Ah" und "Oh" der Presse ist ihm auch so gewiss. Neulich, als Apple den iPod Shuffle vorstellte, wagte kaum einer anzumerken, dass dieser neue Taschenspieler für 100 Euro entscheidend weniger bietet als die Konkurrenz: Er hat kein Display, man kann also nicht sehen, welches Lied gerade spielt. Die Songs werden deshalb in willkürlicher Folge wiedergegeben. Jobs schaltete sein "Realitäts-Verzerrungsfeld" auf volle Kraft und pries das Manko als Design-Innovation: "Das Leben ist Zufall", heißt sein Werbespruch dazu.

Karsten Lemm/print

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