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Videospielmesse E3 in Los Angeles: Auf der Suche nach dem 3D-Kick

Nach dem 3D-Kino nun die 3D-Konsole: Auch die Videospielindustrie entdeckt die dritte Dimension. Auf der Gamesmesse E3 zeigen die beiden großen japanischen Hardwarehersteller, wie sie dem Spielerlebnis mehr Tiefe verleihen wollen. Unterschiedlicher könnten die Ansätze kaum sein.

Von Ralf Sander, Los Angeles

Der Blockbuster "Avatar" ist Schuld. Das Öko-Scifi-Märchen ist der kommerziell erfolgreichste Film (weltweit 2,8 Milliarden US-Dollar Umsatz) und hat auf einen Schlag dreidimensionale Bilder salonfähig gemacht. Die Menschen sind bereit, für 3D zu bezahlen. Da lässt auch die Videospielindustrie nicht lange auf sich warten. Auf der weltweit wichtigsten Gamesmesse Electronic Entertainment Expo (E3) in Los Angeles haben Sony und Nintendo gezeigt, wie sie ihren Produkten eine neue Dimension verleihen wollen.

Spielen in 3D ist an sich nicht neu. Für den PC gibt es seit Jahren 3D-Brillen und einige dazu passende Games. Grafikspezialist Nvidia hat mit 3D Vision gerade ein neue Shutterbrille auf den Markt gebracht. Dennoch blieben 3D-Spiele einer Minderheit experimentierfreudiger Gamer vorbehalten. Sony und Nintendo wollen jetzt den Massenmarkt erobern, mit unterschiedlichen Mitteln.

Sony lässt es krachen

Sony setzt auf Kraft: bestmögliche Bildqualität durch 3D-Brillen und hochauflösenden Bilder, das alles angetrieben durch die Rechenpower der Playstation 3 und neue, mehrere tausend Euro teure Fernseher der Bravia-Reihe. Der Konzern stellt für die Produktion und Präsentation von 3D-Inhalten alles nötige selbst her - von der Film- und TV-Kamera über TV-Geräte und Blu-ray-Player bis zur Konsole. Aber Sony liefert nicht nur Hardware, sondern auch Gründe, sie zu kaufen.

Auf der E3-Präsentation zündet der PS3-Hersteller ein Feuerwerk technischer Brillanz ab. Die wüste Ballerei "Killzone 3" ist optisch so bombastisch, dass die Explosionen und Geschosse die 3D-Brillen der Spieler zu durchschlagen drohen. Was "Avatar" für den 3D-Film getan hat, werde "Killzone 3" für 3D-Gaming tun, tönt Sony selbstbewusst. Bis März 2011 sollen 20 3D-Titel erscheinen, darunter heiß erwartete Spiele wie "Crysis 2", "Gran Turismo 5" und "Motorstorm: Apocalypse". Letzterer kann auf der Messe in einer frühen Version angespielt werden: Das Action-Rennspiel ist so rasant, dass es einem den Atem verschlägt - und bei besonders wüsten Karambolagen auch den Magen.

Wie im Kino gilt: Die Technik ist bereit, der Mensch soll nachziehen. Die PS3 ist mit dem jüngsten Software-Update für 3D fit gemacht worden, doch um das eigene Wohnzimmer entsprechend auszustatten, sind Investitionen in TV-Geräte und 3D-Brillen nötig.

Nintendo verbannt die Brille

Nintendo, der andere große japanische Konsolenhersteller geht einen anderen Weg - und verzichtet bei seiner Pressekonferenz auf der E3 auch nicht auf einige spöttische Bemerkungen in Richtung der Hardware-hungrigen Konkurrenz. Der Genuss von dreidimensionalen Bildern koste tausende von Dollar für Fernseher und 3D-Brillen. Und überhaupt, die Brillen ... nerven die nicht nur? Nintendos Gegenentwurf ist klein und im Prinzip bekannt: Die neue Version von Nintendos erfolgreicher tragbarer Spielkonsole DS bekommt einen Bildschirm verpasst, der dreidimensionale Bilder anzeigt - ohne Brille.

Optisch erinnert der neue Nintendo 3DS an das aktuelle Modell DSi. Nur das obere der beiden Displays lässt in die dritte Dimension blicken, der untere Bildschirm bleibt wie bisher berührungsempfindlich. Beide Eigenschaften zu verbinden, funktioniere nicht, so Nintendo. Das 3D-Display hat eine Bildschirmdiagonale von 3,5 Zoll und bietet pro Auge eine Auflösung von 400 mal 240 Pixeln. Der Tiefeneffekt wird durch eine die spezielle Struktur des Glases auf dem Bildschirm erzeugt, was zu einer Einschränkung führt: Der Betrachter muss exakt von vorne auf den Bildschirm schauen, sonst erscheinen Doppelbilder.

Neben der bereits bekannten Kamera, die in Richtung des Spielers zeigt, hat der 3DS außerdem zwei Kameras im Deckel eingebaut. So kann man selbst dreidimensionale Fotos aufnehmen. Weitere Ausstattungsmerkmale sind ein Bewegungs- und ein Beschleunigungssensor sowie ein neuer Steuerstick. Spiele früherer DS-Versionen sollen problemlos auf dem neuen Modell funktionieren, natürlich weiterhin nur in 2D. Nintendo nannte weder Veröffentlichungsdatum noch Preis.

Überraschung: Es funktioniert

Ein erster kurzer Blick auf das 3D-Display beeindruckt: Das Bild ist scharf, glasklar, die Farben leuchten. Der Tiefeneindruck ist verblüffend. Von einigen kommenden Spielen gibt es aufgezeichnete Szenen zu sehen, darunter Titel aus den "Metal Gear Solid"- und "Resident Evil"-Reihen. Besonders schön: ein Vorgeschmack auf das 3D-Remake des Nintendo-Klassikers "Legend of Zelda: Ocarina of Time". Anspielen konnte stern.de die U-Boot-Simulation "Steel Diver", den Tierpflege-Spaß "Nintendogs + Cats" sowie die Flug-Actiongames "Starfox" und "Pilot Wings". Besonders bei letzterem überzeugte die Tiefenwirkung als interessantes neues Spielelement. Allerdings zeigt sich auch: Wer dazu tendiert, beim Daddeln die Bewegungen auf dem Bildschirm auch mit dem Körper zumindest anzudeuten, verliert schnell den richtigen Blickwinkel auf das Display. Hier ist Disziplin beim sturen Starren gefragt.

Rechts neben dem dem 3D-Schirm befindet sich ein Schieberegler, mit dem man jederzeit die Tiefenwirkung stufenlos einstellen kann. "Nicht alle Menschen vertragen 3D-Bilder sofort. So kann jeder den 3D-Effekt nach seinen Vorlieben steuern oder sogar ganz abschalten", sagt Nintendos Marketing-Manager Pascal Schmidt. Abgesehen von Spielen kann der Nintendo 3DS auch dreidimensionale Filme abspielen. Gezeigt wurden unter anderem der Trailer zum Animationsfilm "Drachenzähmen leicht gemacht". Auch hier funktioniert der Tiefeneffekt gut. Wie und in welchem Format Filme auf den 3DS übertragen werden sollen, ist noch offen.

Nicht weitermachen wie bisher

Wie beim Film steht auch die Videospielindustrie erst am Anfang der dreidimensionalen Ära und muss sich fragen: Muss alles getan werden, was man tun kann? Was bringt die dritte Dimension dem Spieler? Oder wie es Nintendo-Manager Schmidt sagt: "Es geht nicht um den Effekt, sondern wir wollen die Spielerfahrung verbessern." Das kann mit dem Umwandeln altbekannter Spielkonzepte funktionieren. Doch die dritte Dimension erfordert auch völlig neue Ideen. Bei der Hardware herrscht daran offensichtlich kein Mangel. Jetzt ist die Software dran.

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