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Gruseln wie in den 90ern: "Resident Evil 2" im Test: Ich habe mir aus Angst fast in die Hose gemacht – und wollte trotzdem mehr

"Resident Evil 2" von 1998 gilt vielen Fans als das beste Spiel der Reihe. Capcom legt den Klassiker neu auf. Wir haben ihn bereits getestet und finden: Die Spiele unserer Jugend sollten viel öfter renoviert werden.

Wie beim Klassiker ist es die Atmosphäre, die "Resident Evil 2" so gut macht

Wie beim Klassiker ist es die Atmosphäre, die "Resident Evil 2" so gut macht

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Ein in Flammen aufgegangener Lastwagen trennt mich von meinem Kompagnon. Zwischen den chaotisch herumstehenden Autos taumeln leblose, düster grunzende Gestalten auf mich zu. Ich muss mich beeilen. Wir wollen uns im Polizeirevier treffen. Um meine Angreifer auszuschalten, fehlt mir die Feuerkraft. Also renne ich zwischen ihnen hindurch, weiche ihnen aus, rette mich von Tür zu Tür, von Seitengasse zu Seitengasse. Endlich schlage ich die großen, hölzernen Eingangstüren des Polizeistation hinter mir zu. Sicherheit. Vorerst.

So war das Anfang der 2000er-Jahre, als ich den Horrorspiel-Klassiker "Resident Evil 2" auf der Play Station 1 (!) im Keller meines Elternhauses zockte. Und so war es auch diese Woche, als ich mich – mittlerweile gut doppelt so alt und in meinem Wohnzimmer – erneut entscheiden musste, ob ich mich als Claire Redfield oder Leon S. Kennedy durch das zombieverseuchte, fiktive US-Städtchen Raccoon City kämpfe. Der japanische Videospiele-Produzent Capcom hat "Resident Evil 2" neu aufgelegt. Ziemlich genau 21 Jahre nach Ersterscheinung startet am 25. Januar der weltweite Verkauf. Ich habe es vorab getestet.

"Resident Evil 2" ist ein neues Spiel, kein Remake  

Zunächst einmal kostet die Neuauflage mit rund 60 Euro deutlich mehr als die meisten Remakes. Der Preis hat aber auch seinen Grund: Dieses "Resident Evil 2" ist eigentlich kein Remake, es ist ein ganz neues Spiel. 1998 jagten verpixelte Zombies den Spieler durch feste, vorgefertigte Hintergründe. Heute bewegt man sich frei und aus der Hinter-Schulter-Perspektive durch eine sehenswerte HD-Landschaft. Die Grafik ist zwar nicht auf dem ganz hohen Level, wie etwa das großartige "Red Dead Redemption 2", allerdings auch nicht weit darunter. Außerdem bekommt man mit acht bis zehn Stunden zum Durchzocken, und das jeweils mit Claire oder Leon, satt Spielzeit für sein Geld.

Storytechnisch haben sich die Entwickler sehr eng am Original entlanggehangelt, zumindest bei den Eckpfeilern. Aber: Die Handlung ist praktisch neu, viele Stränge werden anders erzählt, zahlreiche der klassischen Rätsel sind verändert, neue dazugekommen. Und die beste Änderung in Claires Storyline: ein riesiger, unbesiegbarer Gegner, der die Gute einen unendlich lang erscheinenden Teil des Spiels durch die Zimmer und Flure der Polizeistation jagt. Der Tyrann, Fans der Serie aus Teil 1 bekannt, ist ein etwa zwei Meter großes, menschenähnliches Monster mit harten Nehmerqualitäten, hier stylisch gekleidet in Hut und Ledermantel. Töten kann man ihn nicht, nur temporär in die Knie zwingen. Das wiederum nagt aber gehörig an der ohnehin knappen Munition, und anschließend muss man auch schleunigst zusehen, dass man Land gewinnt.

Egal, wo man sich versteckt, der große finstere Kerl ist nicht weit und scheint immer zu wissen, wo man ist

Egal, wo man sich versteckt, der große finstere Tyrann ist nicht weit und scheint immer zu wissen, wo man ist

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Insbesondere das Sounddesign macht diesen Teil des Spiels so genial: Durchgehend hört man die gewaltigen Schritte des Tyrannen durchs Haus donnern, mal langsamer, mal schneller, aber eigentlich immer näher kommend. Schießt man auf ihn, wird er wütender, jagt noch schneller hinter Claire her. Mit dauerhaft dreistelligem Puls bin ich vor ihm davongehetzt, wähnte mich immer nur kurzzeitig in Sicherheit – und musste dabei zu allem Überfluss Gegenstände einsammeln und Rätsel lösen. Dieser Abschnitt war nervlich an der Grenze des Ertragbaren und dennoch so unfassbar fesselnd, dass ich nicht aufhören konnte.

Dass der missmutige Kerl – Achtung, Spoiler – die Räume, in denen man das Spiel speichert, aus was auch immer für Gründen nicht betreten kann, fand ich erst sehr, sehr spät heraus. Dann allerdings hatte ich noch ein bisschen meinen Spaß damit, ihn vor der Tür anzulocken, einen Schritt in den Raum zu gehen und mich darüber zu freuen, wie er draußen hängenbleibt. Das nahm der finsteren Gestalt ein bisschen den Schrecken. 

In die Knie zwingen kann man ihn nur temporär, und unter Einsatz von immenser Feuerkraft

In die Knie zwingen kann man ihn nur temporär, und unter Einsatz von immenser Feuerkraft. Doch die ist rar, daher der Rat für Begegnungen mit dem Tyrann: Beine in die Hand!

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Gruseln wie in den 90ern

Jedoch war nicht nur die Tyrannen-Episode durchgehend herrlich beklemmend. Das Beste an diesem Remake ist die Stimmung. Capcom hört auf seine Fans und geht den Kurswechsel von "Resident Evil 7" konsequent weiter. Die Teile 5 und 6 der Hauptserie waren zwar feine Third-Person-Ballerspiele – übrigens im Splitscreen zu zweit spielbar, ein zu Unrecht aussterbendes Feature. Viele Fans waren jedoch enttäuscht, fehlte beiden doch der gute alte Gruselcharme der ersten vier Hauptspiele. "Resident Evil" begründete immerhin einst das Genre des Survival-Horrors. Zum wilden Rumballern fehlte die Munition. Stattdessen war strategisches, langsames Vorkämpfen und nicht selten Flüchten überlebenswichtig. Teil 7 brachte diese Elemente eindrucksvoll zurück, und auch das neue Remake lebt davon.

Wie damals im Keller meiner Eltern muss ich auch dieses Mal wieder mit der Munition haushalten, habe kaum Platz im Inventar, die in der Welt verteilten Aufbewahrungstruhen werden zum besten Freund. Für die nötige Gruselatmosphäre sorgt die ständige Geräuschkulisse: Überall knarzen Dielen, poltert irgendwas oder stöhnen Zombies. Sie warten hinter kaputten Fenstern, hinter Türen, nirgends ist man sicher. Auch großartig: Viele Räume sind stockfinster, der Spieler sieht nur im Kegel seiner eigenen Taschenlampe etwas. Oft hört man die Bedrohung, bevor man weiß, woher sie kommt.

Nur mithilfe des Kegels der Taschenlampe bewegt man sich durch stockfinstere Abschnitte 

Nur mithilfe des Kegels der Taschenlampe bewegt man sich durch stockfinstere Abschnitte 

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Die Szenerie ist zwar gänzlich überarbeitet, die Wurzeln von 1998 sind dennoch unverkennbar und werden Fans der Serie das Herz erwärmen. Raccoon City bleibt Raccoon City, nur eben in HD. Zahlreiche Momente führten auch bei mir zu Flashbacks, wie ich die selbe Szene damals im Klassiker spielte. Die Variante von 1998 landete übrigens kurz nach seiner Veröffentlichung in Deutschland auf dem Index und konnte bis 2014 in Deutschland nur schwer verkauft werden. Im Gegensatz zum Original ist die heutige Fassung ab 18 Jahren frei verkäuflich und – auch das ein großes Plus – komplett in Schrift und Ton deutsch übersetzt, wenn man das denn will.

Was ein bisschen nervt

Aber natürlich hat auch das neue "Resident Evil" Macken: Die Dialoge in den Videosequenzen wirken oft ein bisschen dünn oder sogar skurril, zum Beispiel wenn Claire den gut erkennbar in Polizeiuniform gekleideten Leon verdutzt fragt, ob er Polizist sei. Allerdings entfaltet auch das nostalgischen Charme. Denn: "Resident Evil" war noch nie für starke Dialoge bekannt. Die Tiefe der Story entfaltet sich stets durch die Dokumente, die man während des Spiels einsammelt.

Was auch ein bisschen nervt und aus heutiger Sicht aus der Zeit gefallen wirkt, ist die wahllos beschnittene Bewegungsfreiheit der Charaktere. So beschränken in den Straßen zurückgelassene Autos die Welt, gelten als unüberwindbare Hindernisse für Claire oder Leon. An handverlesenen Punkten des Spiels kann man dann auf einmal über Barrikaden oder durch Fenster klettern.

Manche Dinge ändern sich nie: Das Rattern der Schreibmaschine klingt auch nach mehr als 20 Jahren noch gleich

Manche Dinge ändern sich nie: Das Rattern der Schreibmaschine in "Resident Evil 2" klingt auch nach mehr als 20 Jahren noch gleich und sehr beruhigend

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Beim Speichersystem geht Capcom den Kompromissweg: Man sichert wie damals per Schreibmaschine in gewissen Räumen, aber: Man kann so oft speichern, wie man will, und zusätzlich wird an wichtigen Punkten automatisch zwischengespeichert. Damit ist zum Einen den nostalgischen Fans genüge getan, auch mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ich per ratternder Schreibmaschine speichere. Zum anderen haben die Entwickler aber auch eingesehen, dass das Old-School-Konzept aus der Zeit gefallen ist. Damals hatte man nur eine begrenzte Anzahl Farbbänder zum Speichern, musste also seine Absicherungen strategisch wählen. Das führte regelmäßig dazu, dass es einen unerwartet dahinraffte und man einen nicht unerheblichen Teil des Fortschritts noch einmal neu spielen musste. Früher war das relativ normal, für die heutige Zocker-Generation eigentlich undenkbar. Die Schreibmaschinen selbst sind übrigens aberwitzig häufig in der Welt verteilt und wirken teilweise völlig deplatziert, etwa wenn sie einfach auf Kisten irgendwo am Gang rumstehen, nur weil es an dieser Stelle gerade passen würde zu speichern.

Und was auch gesagt werden musst: Das Spiel ist eine Spur zu leicht. Zumindest im Standard-Modus, den vermutlich die meisten Zocker (zunächst) wählen werden, gelingt es einem doch immer irgendwie der Gefahr zu entkommen. Mit Claire dauert es beim ersten Anspielen volle vier Stunden, bis ich das erste Mal sterbe. Und das auch nur, weil ich grob fahrlässig Munition verschwende und letztlich unbewaffnet vor einem der fiesen "Licker" stehe. Das sind arg hässliche Gesellen, die schon im Original ordentlich nervten. Ein bisschen unterfordernd sind auch die ansonsten sehr ansehnlichen und wohl dosierten Boss-Fights. Den finalen Gegner etwa besiege ich im zweiten Anlauf. An eben jenen biss ich mir bei den alten "Resident Evil"-Teilen gerne mal die Zähne aus. Aber man kann das Spiel natürlich gleich auf einer höheren Schwierigkeitsstufe spielen.

Beklemmend wird es auch in Leon's Teil der Story - und blutig. Die Fenster vernagelt man übrigens selbst, ansonsten plumpst ab und an ein Untoter durch.

Beklemmend wird es auch in Leon's Teil der Story - und blutig. Die Fenster vernagelt man übrigens selbst, ansonsten plumpst ab und an ein Untoter durch.

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Fazit

Mit "Resident Evil 2" ist Capcom ein geniales Remake gelungen, das eigentlich weit mehr ist, als nur das. Nostalgiker kommen voll auf ihre Kosten, auch Einsteiger werden diesem Spiel etwas abgewinnen können. Statt Zombie-Gemetzel ist strategischer Überlebenskampf gefragt, und das vor optisch sehr ansprechender Szenerie. "Resident Evil 2" zeigt: Die Klassiker unserer Kindheit und Jugend können heute in modernem Gewand zu grandiosen und völlig neuen Spielen gemacht werden. Bitte mehr davon.

Resident Evil 2 (2019)

  • Genre: Survival-Horror
  • Plattform: PS4, XBox One, PC
  • Preis: ca. 60 Euro
  • Altersfreigabe: ab 18 Jahre
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