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Ein Remake jagt das nächste: Wie sich Computergames immer mehr zum neuen Hollywood entwickeln

Videospiele haben sich längst zur gigantischen Unterhaltungsindustrie entwickelt. Doch wie schon in Hollywood stagniert mit dem Erfolg die Innovation: Sequels und Remakes dominieren die Verkaufscharts. Mit Letzterem könnte bald Schluss sein.

Wie beim Klassiker ist es die Atmosphäre, die "Resident Evil 2" so gut macht

Neuauflagen wie "Resident Evil 2" sind für die Publisher eine gigantische Cashcow

Hersteller

Computerspieler - das waren dem Klischee zufolge lange Zeit picklige Einzelgänger, die noch als Erwachsene im Kinderzimmer herumsaßen und Highscores jagten. Das schon damals falsche Vorurteil ist schon lange passé, die Game-Branche hat schon lange Hollywood als größte Unterhaltungsindustrie abgelöst. Doch mit dem dicken Geld kam auch die Stagnation des großen Vorbilds. Und statt frischen Ideen gibt es immer öfter einen Neuaufguss des Altbekannten.

Wie schon in Hollywood steht auch die Spielebranche vor einem Problem des Massenmarktes: Die Menschen wollen immer etwas Neues - aber lieber nichts riskieren. Während der Aufwand und die Budgets zur Erstellung der Spiele immer weiter steigt, sinkt gleichzeitig die Risikobereitschaft. Und Kunden und die Branche verlassen sich lieber auf Altbekanntes.

Fortsetzungen gewinnen

Schaut man sich die Verkaufscharts an, sieht man das sofort. Unter den 20 im März 2020 bestverkauften Spielen in Deutschland ist nur eines keine Fortsetzung: Nur das bereits 2011 das erste Mal erschienene "Minecraft" - das bestverkaufte Spiel aller Zeiten - ist nicht Teil einer etablierten Serie. Zwei der Games sind zudem noch Neuauflagen: "Call of Duty - Modern Warfare" und "GTA V" waren bereits auf der letzten Konsolengeneration Verkaufsschlager und wurden für die aktuelle noch einmal neu aufgelegt. Zurecht, wie der Verkaufserfolg zeigt. Alle anderen Spiel der Liste stammen aus etablierten Serien.

Die sind auch weiterhin das Brot- und Buttergeschäft der Branche. Obwohl es immer mal wieder eine spannende, neue Spieleidee gibt, sind die meistverkauften Spiele Teile großer Serien - wie man es auch im Kino gewohnt ist. Der große Unterschied: Während man einen "Fast and Furious"-Teil in zwei bis drei Stunden hinter sich hat, erwarten Spieler viele Stunden Spielzeit. Wer alle "Assassins Creed"-Teile gezockt, ist von der Formel deutlich ausgebrannter. Und wie viel soll man an einem "Fifa" jedes Jahr neu erfinden, ohne die Fans zu vergraulen?

Angst vor Innovation

So befindet sich die Branche - wie auch die Filmindustrie - in einer Innovationsfalle. Durch die hohen Entwicklungskosten ist es riskant, ein wirklich neuartiges Game ohne Bezug zu einer bekannten Reihe zu machen. Echte Experimente gibt es vor allem im kleinen Indie-Bereich. Wird es teuer, sinkt die Risikobereitschaft deutlich. 

Xbox Series X

Teure Flops wie "Anthem" schrecken die Branche ab. Andererseits will man die Fans nicht langweilen. Einige Hersteller wie Ubisoft haben daher begonnen, ihre Serien nicht mehr - wie lange gewohnt - jährlich mit neuen Spielen zu befeuern. Stattdessen setzen die Franzosen bei "Far Cry" und "Assassins Creed" auf längere Erscheinungszyklen und vorsichtige Neuinterpretationen. Das auch von Hollywood-Studios wie Disney gepflegte Gesetz der Serie haben aber auch sie nicht aufgegeben.

Die Neuauflage als Cashcow

Die echte Erfolgsgeschichte dieser Konsolen-Generation sind aber die Remakes. Während es schon seit Ewigkeiten immer mal wieder eine Neuauflage eines Klassikers gibt, sind sie mit der Playstation 4 und der Xbox One zur neuen Geldruckmaschine der Branche geworden. Das im April erschienene "Resident Evil 3" verkaufte in nur fünf Tagen 2 Millionen Exemplare - und damit mehr als halb so viele wie das Original in seiner gesamten Verkaufszeit absetzen konnte.

Gegenüber den Hollywood-Remakes funktionieren die Videogame-Neuauflagen deutlich schneller. Statt immer auf die Nostalgie jahrzehntealter Publikumslieblinge setzen zu können, lassen sich die Games oft schon wenige Monate nach Erscheinen recyclen - weil mit neuer Konsolenhardware auch andere technische Möglichkeiten bestehen. Mit "The Last of Us" und "GTA V" erschienen zwei der wichtigsten Games der letzten Konsolengeneration  kurz vor dem Ende ihrer Lebenszeit - um dann nur Monate nach Erscheinen der neuen Modelle noch einmal in den Handel zu kommen. 

Schaut man sich die Zahlen an, weiß man sofort, warum das so ist. Alleine "GTA V" verkaufte sich mit der Remake-Strategie 120 Millionen Mal. Damit ist es das dritterfolgreichste Spiel aller Zeiten. Auch im März fand es sich auf Platz 6 der meistverkauften Spiele in Deutschland - 6,5 Jahre nach dem ersten Erscheinen. Die Entwicklungs- und Vermarktungskosten von 265 Millionen Dollar hat Entwickler Rockstar alleine über die Spielverkäufe Dutzende Male wieder eingespielt, hinzu kommen gigantische Einnahmen über den Onlineteil des Spiels.

Immer wieder dieselben Spiele

Und der Trend ging weiter: Immer mehr Spiele wurden neu aufgelegt, von "Crash Bandicoot", über die "Final Fantasy"-Reihe bis zum überarbeiteten Game-Boy-Klassiker "Zelda: Links Awakening" für die Switch. Jüngste Neuvorstellung: Die Skateboard-Klassiker "Tony Hawk Pro Skater" stehen ab Herbst wieder im Laden. Die eigentlich für die Playstation 1 und 2 erschienen Games werden noch einmal komplett neu aufgelegt.

Am Ehesten lässt sich das Geschäftsmodell mit dem von neuen Disk-Standards vergleichen: Als die DVD aufkam, ließen sich schließlich viele Filmfans dazu breitschlagen, die Video-Sammlung noch einmal von vorne zu beginnen, bei Blu-ray dann dasselbe Spiel.

Trotzdem gibt es einige Unterschiede: Zum einen sind die Filmdisks deutlich günstiger als viele zum Vollpreis verkauften Spiele-Remakes. Zum anderen müssen diese sehr vorsichtig nachgebaut werden - schließlich muss nicht nur die Stimmung, sondern auch das Spielgefühl genauso wieder eingefangen werden. Immerhin haben sich die Spieler oft Hunderte Stunden an die Steuerung gewöhnt. Weil sie oft aber trotzdem aktuelle Bequemlichkeitsfunktionen erwarten, die Hardcore-Fans aber ablehnen, ist es schwer, es allen Recht zu machen. Ein schwieriger Spagat.

Die Hersteller denken um

Dass die Nostalgie-Welle vor allem bei der aktuellen Generation so aufgebrandet ist, hat auch technische Gründe. Von den drei aktuellen Konsolen erlaubt es nur eine, die Xbox One, die Spiele der letzten Generation abzuspielen. Besitzer von Playstation 4 und Nintendo Switch dagegen müssen sich die alten Modell an den Fernseher klemmen, wenn sie einen der Klassiker spielen wollen - oder eben zum Remake greifen. 

Mit der kommenden Generation könnte sich das schon wieder ändern. Sowohl Sony als auch Microsoft haben angekündigt, dass die Spiele der jetzigen Modelle auch auf den für das Weihnachtsgeschäft 2020 angekündigten Nachfolgemodellen laufen sollen. Ob die dann das volle technische Potenzial der Konsolen ausnutzen oder dafür eigene Versionen nötig sind, hängt dann an den Entwicklern.

Doch auch von denen ziehen manche mit. So kündigte EA an, dass Lizenzen für kommende Games für die aktuelle Generation auch für das die Version des Spiels für die nächste gelten. Selbst eine technisch überlegene Variante wäre dann also im Kaufpreis enthalten. 

Das Geschäft mit den Remakes und Spieleserien dürfte aber ohnehin nicht komplett zum Erliegen kommen. Viele ältere Games gibt es immer noch nur für die alten Konsolen. Und mancher Fans und sein Geldbeutel warten fieberhaft auf eine Umsetzung. 

Quellen: 4players, Capcom, Fortunly