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Games Convention Online: Neues Spiel? Viel Glück!

Zur Premiere der Games Convention Online in Leipzig haben sich 74 Aussteller aus acht Ländern für die weltweit erste Messe für Online- und Mobile-Games angekündigt. Die Veranstalter erwarten mehr als 50.000 Computerspieler - doch die Experten sind skeptisch.

Von Stephan Radomsky

Nach außen hin bleibt Leipzigs Messechef Wolfgang Marzin cool. Angesprochen auf die Kölner Gamescom, redet er nur über sein Baby: die Games Convention Online (GCO).

Der Manager gibt sich voll Vaterstolz, wenn es um die laut Eigenwerbung erste eigenständige Messe für reine Onlinespiele geht. Innerhalb von nur einem Dreivierteljahr hätten seine Leute das Konzept marktreif gemacht und auch gleich noch realisiert, schwärmt der Messechef.

Trotzdem: Die GCO, die am Freitag startet, ist kein Wunschkind. Die Schau ist aus der Not geboren. Die Messefirmen in Leipzig und Köln kämpfen erbittert um die europäische Leitmesse für Computerspiele. Und da hat die Stadt am Rhein, das weiß auch Marzin, die besseren Karten.

Rückblende: In Leipzig wurde die Games Convention 2002 gegründet, schon damals mit 166 Ausstellern und rund 80.000 Besuchern. Die Schau wuchs rasant, 2008 kamen 203.000 Messegäste und 503 Unternehmen. Dann war Schluss. Die Kölner Messe hatte dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungsmedien (BIU) als Träger der Spielemesse bessere Konditionen geboten. Ein weiteres Argument: Die Domstadt liegt zentraler, sowohl für die Aussteller wie auch für die meisten Besucher.

Doch es ist genau dieses Streben nach Größe, von dem Leipzig zunächst profitieren könnte. "Auf der Gamescom wären wir nur ein Aussteller unter vielen gewesen", sagt Klaas Kersting, Chef des Spieleentwicklers und -verlags Gameforge. Sein Unternehmen ist eines der größten unter den rund 60 Ausstellern in Leipzig. Die großen Namen der Spielebranche wie Ubisoft oder Electronic Arts fehlen aber, sie werden Mitte August in Köln sein.

Gedrängte Terminpläne

Notgedrungen kehrt die Leipziger Messe zurück zu den Wurzeln, sie erwartet für ihre Onlinespielmesse 50.000 bis 70.000 Besucher. Was laut Marketingforscher Manfred Kirchgeorg "eine sehr optimistische Schätzung" ist. In Köln lockten die attraktiveren Spielefirmen. Besonders prekär sei, dass gerade mal knapp drei Wochen zwischen der Leipziger und Kölner Schau liegen.

"Die Spielefans werden sich jetzt entscheiden, wo sie hinfahren", glaubt Kirchgeorg. Der Nutznießer steht schon jetzt fest. Konkurrieren zwei Standorte um eine Messe, hilft das den Ausrichtern. Sie können beste Konditionen aushandeln, wie die Games Convention zeigt. Und die Messe mit den meisten Ausstellern und Besuchern setzt sich in der Regel durch.

Marketingforscher Kirchgeorg beurteilt die Chancen der Games Convention Online in Leipzig deshalb skeptisch. "Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich wirklich etablieren kann", sagt der Professor von der Handelshochschule Leipzig. "Es ist einfach zweifelhaft, ob die GCO die nötige Repräsentativität für die Branche erzeugen kann." Verlieren dürfte auch die Branche selbst. "Eine Zersplitterung der Messelandschaft ist schlicht nicht sinnvoll", sagt Norbert Stoeck, Messeexperte der Unternehmensberatung Roland Berger.

Gemeinsamer Markt statt Verdrängung

Da dürfte es auch kaum helfen, dass Leipzigs Messechef Marzin in eine Lücke gestoßen ist. Den rein webbasierten Computerspielen wird eine glänzende Zukunft vorausgesagt. "Eigentlich wäre es ja auch rational, auf DVDs oder andere Trägermedien zu verzichten, wenn das möglich ist", sagt Kommunikationswissenschaftler Sven Jöckel. Dennoch erwartet er auf Dauer eher einen gemeinsamen Markt und keine Verdrängung zwischen beiden Konzepten.

Für die These vom gemeinsam wachsenden Spielemarkt spricht auch eine Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Sie rechnet dem Geschäft in diesem Jahr in Westeuropa einen Umsatz von 17,8 Mrd. US-Dollar aus. Bis 2013 solle der Markt jährlich um weitere sieben Prozent zulegen. Gewinner sollen die rein internetbasierten Spiele sein, die 2009 allein in Westeuropa knapp 2,5 Mrd. US-Dollar erlösen werden, mit Wachstumsraten bis 2013 von jährlich durchschnittlich knapp zwölf Prozent.

Übrigens untersucht Kirchgeorg derzeit, wie lange Messen überhaupt noch in Hallen aus Stahl und Glas präsentiert werden. Internetkonzerne wie Google arbeiten bereits an virtuellen Marktplätzen, die sowohl Leipzig als auch Köln bald den Rang ablaufen könnten.

FTD