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Minivideokameras: Angriff der Videowinzlinge

Minikameras verkaufen sich erstmals besser als klassische Camcorder. Der Netzwerkausrüster Cisco profitiert gleich doppelt davon - zulasten von Konzernen wie Sony und JVC.

Von Björn Maatz und Helene Laube

Sie sind so klein wie Zigarettenschachteln, und sie attackieren die herkömmlichen, teuren Camcorder - die Minivideokameras. Sie sind nicht nur winzig, sondern auch erfolgreich. In diesem Jahr werden weltweit erstmals mehr dieser preiswerten Digitalgeräte verkauft als traditionelle Camcorder. Einer der Profiteure: Cisco. Ausgerechnet der Netzwerkausrüster aus den USA ist dabei, mit seiner kleinen Flip-Kamera den Markt aufzurollen.

Der Konzern, vor allem im langlebigen und aufwendigen Investitionsgütergeschäft tätig, mag es eben auch mal einfach. Aufnehmen, abspielen, speichern, löschen - viel mehr kann die Flip-Kamera nicht. Die digitale Winzkamera ist dabei, zum Gattungsbegriff zu werden. So wie der iPod von Apple bei den MP3-Spielern. Analysten erwarten, dass diese Kleingeräte die herkömmlichen Camcorder etwa von Sony oder Panasonic an den Rand drängen werden. Die technisch oft anspruchsvollen Camcorder würden schon bald "auf einen Nischenstatus abrutschen", schreiben etwa die Marktforscher von IDC.

Gekaufter Erfolg

Cisco hat sich das neue Geschäftsfeld viel kosten lassen. Im März übernahm der weltgrößte Netzwerkausrüster den Flip-Kamera-Hersteller Pure Digital für rund 590 Millionen Dollar. "Wir haben eine neue Kategorie geschaffen, die sprunghaft wächst und Leute zu Camcorder-Nutzern macht, die sich sonst niemals eine traditionelle Videokamera kaufen würden", sagt Simon Fleming-Wood, Marketingchef für Konsumgüter bei Cisco Systems.

Die Strategie ist klar: Der Konzern baut seit einigen Jahren seine Produktsparte für Verbraucher aus. Basis ist zwar weiterhin das Geschäft mit den Netzwerkausrüstungen. Switches und Router machen trotz immer neuer Geschäftsfelder, zu denen auch Telekonferenzsysteme für Unternehmen gehören, immer noch die Hälfte des Umsatzes aus. Doch bereits im Jahr 2003 ist Cisco mit dem Kauf von Linksys in den Markt für Heimnetzwerke eingestiegen. Und nun wollen sich die US-Amerikaner auch im internetbasierten Fernsehen und digitalen Video etablieren.

Vor drei Jahren erfolgte ein großer Streich: Cisco übernahm für fast 7 Millarden Dollar Scientific Atlanta, den zweitgrößten US-Hersteller von Settop-Boxen. Davor hatte der Konzern für 61 Millionen Dollar die Firma Kiss Technology erworben. Die dänische Unterhaltungselektronikfirma stellt internetfähige DVD-Abspielgeräte und Videorecorder her.

Die Konkurrenz ist groß

Die Flip-Kamera soll nun für Cisco das Geschäft mit den Internetvideos weiter vorantreiben. Das Kalkül: Mit den Kameras und der Software von Pure Digital, mit denen auch Videos via Internet an soziale Netzwerke oder Youtube übertragen werden können, steigt das Datenvolumen enorm. Dies wiederum nutzt dem Netzwerkkonzern Cisco, da die Bilderdatenflut neue Leitungskapazitäten benötigt. So hat der Konzern Anfang Dezember Produkte mit dem Namen FlipShare TV vorgestellt, mit denen Flip-Nutzer ihre Videos von der Kamera auf einen PC und von dort auf einen Fernseher übertragen können.

Sony , Samsung oder JVC sind alarmiert. Im Jahr 2013 würden mehr als dreimal so viele preiswerte Minikameras, im Technikjargon "Point-and-Shoot-Modelle" genannt, verkauft als die technisch anspruchsvolleren Camcorder, erwarten die IDC-Analysten. Die Unterhaltungselektronikkonzerne haben deshalb ihre Angebotspalette ebenfalls um Minimodelle erweitert - und geben zu, dass sie das Erfolgsrezept etwa von Pure Digital derzeit abkupfern. "Für uns ist es wichtig, anfangs Geschäftsmodelle auszuprobieren, die so ähnlich wie die unserer Wettbewerber sind", gesteht Sonys verantwortlicher Senior Vice President Masashi Imamura ein.

Die Konkurrenz ist groß. Neben der Cisco-Tochter Pure Digital drängen Anbieter wie Creative aus Singapur oder der finanziell angeschlagene Fotokonzern Eastman Kodak in den Markt. Und Apple mischt ebenfalls kräftig mit. Der US-Technologiekonzern hat den kleinen iPod nano und das kompakte iPhone mit einer Videokamera ausgestattet.

"Wir müssen bei unseren Geräten Eigenschaften einführen, die kein Wettbewerber bieten kann", sagt Sony-Manager Imamura. Mit diesem Anspruch dürfte er nicht allein stehen.

FTD