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Streaming: Netflix prahlt mit starken Zahlen – doch die sagen kaum etwas aus

Der Druck auf Netflix wächst. Trotzdem konnte der Konzern gerade beeindruckende Zahlen vorlegen - und etwa vollmundig Rekorde mit seiner neuen Serie "The Witcher" verkünden. Ein Problem dabei: Die Zahlen halten einem zweiten Blick nicht stand.

Henry Cavill spielt Geralt von Riva in der neuen Netflix Serie "The Witcher".

Das letzte Jahr brachte Netflix viele unerfreuliche Nachrichten. Mit Disney und Apple stiegen potente neue Konkurrenten in den Ring, Netflix selbst verlor mit "Friends" und weiteren Serien Publikumslieblinge aus dem Programm. Um so wichtiger war es für den angeschlagenen Streaming-König also, einen echten Hit aus dem Hut zu zaubern. Und tatsächlich scheint "The Witcher" sich zu einer der erfolgreichsten Serien-Produktionen überhaupt zu mausern. Solange man nicht zu genau hinschaut.

Denn die reine Zahl klingt imposant: 76 Millionen Haushalte haben sich die Serie in den ersten vier Wochen angesehen, jubelte Netflix in seinem jüngsten Quartalszahlen-Bericht. Damit sei "The Witcher" die erfolgreichste erste Staffel einer Serie bei Netflix überhaupt. Besonders beeindruckend sind diese Zuschauerzahlen, wenn man sie ins Verhältnis zu den Gesamtabonnenten stellt: Mit 167 Millionen bezahlten Abos hat Netflix so viele Kunden wie noch nie, fast 44 Prozent von ihnen sollen also die Serie gesehen habe. Das ist wirklich eine enorm hohe Quote.

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1. Platz: The Witcher  "The Witcher" basiert auf den Fantasy-Bestsellern der Hexer-Saga und erzählt die Geschichte von Schicksal und Familie. Der einsame Monsterjäger Geralt von Riva versucht, in einer Welt seinen Platz zu finden, in der Menschen oft grausamer sind als die wilden Kreaturen, die er jagt.

1. Platz: The Witcher

"The Witcher" basiert auf den Fantasy-Bestsellern der Hexer-Saga und erzählt die Geschichte von Schicksal und Familie. Der einsame Monsterjäger Geralt von Riva versucht, in einer Welt seinen Platz zu finden, in der Menschen oft grausamer sind als die wilden Kreaturen, die er jagt.

Geschönte Zuschauerzahlen

Doch der Eindruck bricht sofort in sich zusammen, wenn man sich genau betrachtet, was Netflix als "angesehen" definiert. In einer Fußnote versteckt weist Netflix darauf hin, dass die 76 Millionen Haushalte die Serie "ausgewählt und mindestens zwei Minuten lang geschaut haben". Das sei laut Netflix ausreichend um "zu erkennen, dass die Wahl absichtlich erfolgte." 

Bislang mussten die Zuschauer zumindest 70 Prozent der ersten Folge einer Serie gesehen haben, um für die Statistik erfasst zu werden. Ideal war schon das nicht: Schließlich lassen sich viele Zuschauer durchaus eine ganze oder sogar mehrere Folgen Zeit, um die Qualität einer Serie zu bewerten. Interessanter wäre daher eher, wie viele Zuschauer es bis zum Ende der Staffel schaffen. Doch das hat Netflix noch nie verraten.

Stattdessen entschied man sich für eine noch viel radikalere Verzerrung. Die von Netflix genannten zwei Minuten reichen noch nicht einmal aus, um bei "The Witcher" auch nur die allererste Szene vor dem Vorspann zu Ende zu sehen. Erst nach knapp 45 Sekunden ist überhaupt mehr als eine Landschaft zu sehen, als die Hauptfigur, der Witcher Gerald von Riva gemeinsam mit einem Monster ins Bild kommt. Das erste gesprochene Wort hört man auch erst nach Ablauf der zwei Minuten. 

35 Prozent mehr Zuschauer mit einem Trick

Trotzdem verteidigt Netflix die Entscheidung. Bei den zwei Minuten handelte es sich um dieselbe Metrik, die auch von anderen Diensten wie der "BBC", Youtube oder der "New York Times" genutzt würde, erklärte Netflix laut "The Verge". Und bezifferte auch die Zunahme der Zuschauer: Die läge mit der neuen Messweise "etwa 35 Prozent über dem Durchschnitt der vorherigen Messungen". Wie hoch die Quote bei "The Witcher" ist, wird nicht verraten.

Ob Netflix sich mit der Masche einen Gefallen tut, wird sich zeigen. Die nächsten Monate dürften hart werden. Am 24. März startet Konkurrent Disney+ auch in Europa groß durch, dessen "Star Wars"-Serie "The Mandalorian" war auch ohne die Europäer eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten. Und dann hat der Mickey-Maus-Konzern natürlich noch seine vielen Klassiker, die "Star Wars"-Filme und sein Marvel-Universum im Gepäck. Aber auch Netflix plant natürlich voraus: Die nächste Staffel des "Witchers" ist bereits bestätigt

Quellen: Netflix, The Verge