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Videostreaming Nach zwei Staffeln ist bei Netflix oft Schluss - das steckt dahinter

Stranger Things
"Stranger Things" ist eine der wenigen Netflix-Produktionen, die nun in die vierte Staffel gehen dürfen
© Netflix
Nach zwei oder drei Staffeln ist bei Netflix meistens Schluss, nicht nur für Flops. Und auch wenn es die Fans auf die Barrikaden treiben mag, ist die Entscheidung aus Sicht von Netflix in der Regel sehr gut nachvollziehbar. 

Wirft man einen Blick in Netflix' Neuankündigungen, ist man oft regelrecht erschlagen: Dutzende Serienstaffeln kommen jeden Monat auf den Streaming-Dienst. Schaut man genau hin, handelt es sich bei den meisten um komplett neue Formate oder Serien in der zweiten oder dritten Staffel. Danach ist bei Netflix meistens Schluss. Dahinter steckt kaltes Kalkül. 

Für die Fans ist das natürlich frustrierend. Selbst Serien mit großem Hype wie die viel beworbene Sci-Fi-Serie "Altered Carbon" oder Drew Barrymores Zombie-Comedy "Santa Clarita Diet" wurden nach zwei, beziehungsweise drei Staffeln eingestellt. Gerade bei letzterer war der Ärger groß: Die dritte Staffel der "Santa Clarita Diet" hatte mit einem Cliffhanger aufgehört. Auch große Aufregung und Versuche, die Lieblingsserie zurückzubringen, haben wenig Erfolgsaussichten, das bewies die Kampagne für eine Rückkehr der Serie "The OA". Für Netflix sind ganz offensichtlich andere Maßstäbe ausschlaggebend. 

Netflix setzt auf harte Zahlen

Denn anders als die TV-Sender, die sich nur auf das recht ungenaue Messwerkzeug der Einschaltquoten verlassen müssen, wissen die Streaming-Anbieter deutlich genauer, wie Serien angenommen werden. Netflix stützt sich bei der Entscheidung vor allem auf drei Werte, verriet der Konzern letztes Jahr in einer Erklärung an das britische Parlament: Man messe die Zahl der Haushalte, die eine Serie überhaupt anfangen (Starters, also Beginner), die sie ganz zu Ende schauen (Completers, Beender) und die Gesamtzahl der allgemeinen Zuschauer.

Die Daten werden konsequent ausgewertet. Netflix betrachtet dabei die Werte sieben Tage nach dem Start einer neuen Staffel, nach 28 Tagen wird nochmal ein Blick auf die Zahlen geworfen, geht aus der Erklärung hervor. Vor allem die Completer scheint Netflix im Auge zu behalten: Bei einer ausführlichen Hintergrund-Recherche wurde dem Branchenmagazin "Vulture" zufolge immer wieder betont, wie wichtig der Wert der Abonnenten, die eine Staffel vier Wochen nach Start beendet haben, für die Entscheidung sei, ob eine weitere Staffel gebucht werde. Im Klartext heißt das: Haben zu wenige Zuschauer die Staffel in dieser Zeit zu Ende gebracht, sieht es für eine Fortsetzung schlecht aus. 

Kostenexplosion ab Staffel 3

Dahinter steckt ein einfaches Kalkül: Damit sich die Produktion einer Serie für Netflix lohnt, muss sie eine ausreichend große Anzahl von Zuschauern an den Dienst binden. Die Einteilung der Messung in sieben und 28 Tage hilft dem Konzern, die Breitenwirkung einer Serie einzuschätzen: Hardcore-Fans werden eine neue Staffel bereits nach wenigen Tagen beendet haben. Kommt man aber selbst in vier Wochen nicht dazu, die in der Regel nur zwischen zehn und 13 Folgen einer Staffel zu schauen, wird man sie vermutlich auch nicht zu Ende bringen. Für Netflix ist es aber deutlich rentabler, wenn eine Serie eine breite Masse anspricht und nicht nur eine spitze Fan-Gruppe.

Dass Netflix so radikal rechnet, ist wenig überraschend. Die Kostenkalkulation bei dem Streaminggiganten unterscheidet sich gleich in mehrerlei Hinsicht von der klassischen TV-Produktion. Zum einen bestellt Netflix nicht wie TV-Sender oder Konkurrent Amazon Prime Video eine Pilotfolge und schaut, wie die angenommen wird. Stattdessen investiert Netflix stets in ganze Staffeln, wenn man eine Serie für erfolgversprechend hält. Zum anderen sind auch die Kosten für die Produktion höher. TV-Sender übernehmen in den USA oft nur die Hälfte der Produktionskosten, wenn sie eine Serie in Auftrag geben. Die übrigen Kosten holt sich die Produktionsfirma über Lizensierung in andere Länder herein. Hier ist zudem Potential für zusätzliche Gewinne, wenn die Serie ein Hit wird. Bei Netflix fällt diese Option aus, weil der Dienst seine Eigenproduktionen in der Regel selbst international anbietet. Deshalb übernimmt er die Kosten voll - und zahlt sogar noch einmal 30 Prozent für den Ausfall des potentiellen Zusatzgewinnes.

Diese Zusatzkosten rächen sich aber bei späteren Staffeln. Analyst Tom Harrington erklärte gegenüber "Wired", dass Serien für Netflix nach der zweiten Staffel in den Kosten steigen, in der dritten explodieren sie noch weiter. Dass es meist eine zweite Staffel gibt, liegt an den verhältnismäßig geringen Mehrkosten: Sets und Kostüme sind teilweise schon bezahlt. Auch die Personalkosten bleiben weitgehend gleich. Einer der Gründe dafür ist, dass Netflix mit den Beteiligten in der Regel einen Deal über die ersten beiden Staffeln abschließt, erst danach werden die Verträge neu verhandelt. Hat man einen Hit gelandet, ist die Verhandlungsposition der Darsteller und Autoren dann natürlich deutlich besser. Und weil der prozentuale Bonus auch für spätere Staffeln gilt, steigen die Kosten noch weiter. 

Kein Glaube an späte Hits

Gleichzeitig sinkt für die Serien die Wahrscheinlichkeit, neue Zuschauer anzulocken. Kommt eine Serie in die zweite und dritte Staffel, ohne dass die Zuschauerzahlen merklich steigen, erscheint es unwahrscheinlich, dass sie sich noch zum Hit entwickelt, erklärt Harrington. Bei HBO-Hit "Game of Thrones" hatten etwa zu Beginn weniger als ein Sechstel der Zuschauer eingeschaltet, die in der achten und letzten Staffel zusammenkamen, die Zahl war jedoch mit jeder Staffel merklich nach oben gegangen. Selbst bei Netflix wäre die Serie also vermutlich weiter gelaufen.

Damit eine Serie bei Netflix eine dritte Staffel und mehr erhält, muss sie also das Zeug zum viralen Hit haben. Dass es solche Serien durchaus gibt, zeigen Hits wie "Stranger Things". Der Mystery-Serie gelingt es immer wieder, mit einer neuen Staffel auch neues Publikum anzulocken. Langläufer wie die ersten Netflix-Erfolge "House of Cards" oder "Orange is the New Black", die auf sechs und sieben Staffeln kommen, wird es vermutlich aber nicht mehr viele geben. Einige Hits der jüngsten Zeit wie "The Witcher" konnten zwar Zuschauerrekorde brechen, ob sie das auf lange Zeit halten und sich sogar steigern können, steht auf einem anderen Blatt.

Dass Serien wie "Better Call Saul" auf mehr Staffeln kommen, hat übrigens einen anderen Grund: Sie sind oft keine Netflix-Produktionen. Stattdessen hat der Streaming-Dienst nur den internationalen Vertrieb des "Breaking Bad"-Prequels übernommen, sie läuft in der Heimat beim TV-Sender AMC. Das Modell funktioniert auch andersherum: In den USA wird etwa die in Kooperation von Sky und ARD produzierte Serie "Babylon Berlin" als Netflix Original angeboten.

Quellen: Wired, Vulture, Ratinggraph


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