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Mehrere Geräte angemeldet: Das Ende des günstigen Streamings? Netflix will das Teilen von Accounts unterbinden

Millionen von Menschen teilen sich ihre Netflix-Accounts mit anderen. Jetzt kündigte der Konzern an, künftig dagegen vorgehen zu wollen. Die Entscheidung kommt zu einem strategisch durchaus fragwürdigen Zeitpunkt.

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Abos für Musik, Serien, Filme - bezahlt man mehrere Streaming-Dienste, kommt monatlich einiges an Kosten zusammen. Wie praktisch, dass viele der Dienste ein Abo für mehrere Personen anbieten. Vor allem bei Netflix gehört das Teilen eines Accounts unter Freunden und in der Familie für viele längst zum Alltag. Doch das könnte bald der Vergangenheit angehören. 

Das erklärte Netflix-Manager Greg Peters in einem Gespräch mit Journalisten und Investoren anlässlich der jüngsten Quartalszahlen des Streaming-Dienstes. "In Bezug auf das Teilen oder Stehlen von Passwörtern - egal, wie man das nun nennen möchte: Muss Netflix das mit einer weniger stark wachsenden Nutzerbasis endlich angehen?" fragte Investor Michael Morris. Und Peters antwortete überraschend offen. "Wir behalten das im Auge. Wir suchen nach kundenfreundlichen Wegen, um das einzudämmen", erklärte Peters. Konkrete Pläne ankündigen wollte er aber nicht.

Obwohl die Aussage auf den ersten Blick etwas vage ist, ist es beachtlich, dass Netflix sich überhaupt so klar zu dem Thema äußert. Jahrelang schwieg der Konzern zu der enorm verbreiteten Praxis. Das dürfte kein Zufall sein: Solange Netflix sich als Online-Alternative zu TV und Videothek etablieren musste, profitierte der Dienst massiv davon, seine Zuschauerschaft zu vergrößern und durch Mundpropaganda neue Kunden zu gewinnen. 

Millionen geteilte Accounts

Doch angesichts der in der Heimat USA stagnierenden Nutzerbasis dürfte sich der einstige Marketingvorteil längst zum Dorn im Auge gewandelt haben. Schließlich ist das Teilen von Accounts enorm verbreitet: Mehr als 35 Prozent der Millenials in den USA teilen ihren Account, das zeigte eine von "CNBC" beauftragte Studie letztes Jahr. In den älteren Generationen sind es weniger, aber immer noch zwischen zehn und zwanzig Prozent. Hätten alle diese Nutzer eigene Accounts, würde Netflix alleine in den USA Hunderte Millionen Dollar mehr einnehmen.

Und das Problem droht nur noch zu wachsen. Bei Befragten unter 21 hatte nahezu jeder zweite Netflix-Zuschauer keinen eigenen Account. Viele nutzen den ihrer Eltern mit, erstellen auch nach dem Ausziehen keinen eigenen. Zudem nutzen viele Account-Daten, die im Internet gehandelt werden oder kaufen sich gegen kleinere Summen in Accounts anderer Nutzer ein. Auf die nachkommende Generation kann sich Netflix also kaum als zahlende Kunden verlassen. 

Die zunehmende Konkurrenz auf dem Streaming-Markt macht Netflix' Situation nicht einfacher. Konkurrenten wie Disney und Apple treten mit den eigenen Diensten zum deutlich günstigeren Startpreis an - und verlangen anders als Netflix kein teureres Abo, um von mehreren Personen gleichzeitig nutzbar zu sein. Sollte Netflix tatsächlich unberechtigt teilende Nutzer zwingen, ein eigenes Abo zu bezahlen, riskiert man dabei auch, sie ganz als Zuschauer zu verlieren. 

Keine gute Lösung in Sicht

Denn auch ein plötzliches Vorgehen gegen die geteilten Accounts birgt seine Gefahren. Das Teilen mit bis zu vier Nutzern ist in den AGB des Unternehmen explizit erlaubt - solange kein Geld dafür fließt.

"Wir beschränken die parallele Nutzung unserer Inhalte auf mehreren Geräten dabei auf Mitglieder eines Haushalts, weil uns die Sicherheit unserer Nutzer besonders wichtig ist. Die Weitergabe von Passwörtern an Personen außerhalb eines Haushalts birgt Risiken, die ein kompromittiertes Netflix-Konto zur Folge haben können. Wir arbeiten an nutzerfreundlichen Lösungen zur Minimierung der Gefahr durch unerlaubtes Passwort-Sharing", erklärte ein Netflix-Sprecher auf Anfrage des stern.

Da Netflix aber auch immer häufiger mobil genutzt wird, dürfte das aber kaum nachvollziehbar sein. Ob nun der Ehepartner auf Geschäftsreise, die Tochter in der U-Bahn oder der ehemalige Mitbewohner gegen einen kleinen Beitrag den Account mitbenutzen, ist für Netflix kaum nachvollziehbar. Sollte der Konzern die Regeln umsetzen, droht also die Gefahr, jede Menge Kunden zu vergraulen, die eigentlich nichts falsch machen. Netflix könnte so am Ende sogar Kunden verlieren.

Aktuell ist noch nicht bekannt, ob es Netflix überhaupt um das Teilen von Accounts im Freundeskreis und unter Bekannten geht oder man nur gegen solche Accounts vorgehen will, die im Internet gehandelt werden - oft ohne, dass die Nutzer davon wissen. Eine entsprechende Anfrage des stern blieb bis Erscheinen dieses Artikels unbeantwortet.

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Und dann ist da noch das Problem mit der Identifizierung der unberechtigt geteilten Accounts. Beim Musikstreaming zeigt gerade Spotify, wie viel Ärger man sich mit den geteilten Accounts einhandeln kann. Obwohl offiziell nur Kunden im selben Haushalt den Familienplan nutzen dürfen, teilen auch hier viele Nutzer die Kosten mit Freunden und Bekannten. Seit Sommer bittet Spotify Kunden nun stichprobenhaft um Nachweise, das tatsächlich alle zusammen wohnen. Vorher hatte der Konzern die Nutzer schon per GPS tracken wollen, den Ansatz aber wegen Privatsphäre-Problemen wieder beendet. 

Als Netflix' Vorbild könnte dann eher Apple dienen. Der iPhone-Hersteller erlaubt es, mehrere unabhängige Accounts zu einer Familie zusammenzuschließen und Dienste wie die Musik-Flatrate Apple Musik oder auch den kommenden Streamingdienst Apple TV+ sowie Cloud-Dienste miteinander zu teilen. So muss man zwar nicht in einem Haushalt wohnen, Apple schließt aber die günstige Weitergabe an unbekannte Dritte weitgehend aus. 

Eine weitere Lösung verspricht moderne Technik. Die Firma Synamedia stellte im Januar auf der Technik-Messe CES eine Künstliche Intelligenz vor, mit der die Streaming-Anbieter durch den Abgleich von Nutzungs-Standorten, den benutzten Geräten und den angesehenen Inhalten schnell erkennen können, ob ein Account geteilt wird oder nicht - und auch in welchem Maßstab. Zumindest komerziell im Internet gehandelte Accounts könnte man so schnell identifizieren. Wer nur mit seinen Freunden oder der Familie teilt, müsste sich dann keine Sorgen machen.

Quellen: Netflix, Evening Standard, CNBC

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