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Presseschau Steve Jobs' Tod "Er hat das Banale außerordentlich gemacht"


Der Tod von Apple-Gründer Steve Jobs beschäftigt auch die Kommentatoren der internationalen Presse. Die allermeisten sind sich einig: Mit Jobs sterbe ein großer Visionär, ein Mann, der Massen von Menschen für seine Ideen begeistern konnte. In den Lobgesang mischen sich aber auch kritische Töne.

Am Mittwoch starb Steve Jobs, Mitbegründer des Computerherstellers Apple, im Alter von 56 Jahren. Sein Tod beschäftigt auch am Freitag noch die internationale Presse. Zahlreiche Zeitungen würdigten den US-Amerikaner als einen unersetzbaren Visionär - doch in die Nachrufe mischen sich auch kritische Töne.

"Dnewnik" aus Bulgarien

Die rechtsliberale bulgarische Zeitung "Dnewnik" aus Sofia würdigt Jobs als einen unersetzlichen Visionär, der den Computer alltagstauglich gemacht hat:

"Emotional, wählerisch und von vielen als unersetzbar angesehen. Visionär und Virtuose. Einmaliger Leader, dessen Platz sich schwer wieder besetzen lässt. Talent und Träumer, wie ihn die technologische Welt seit Generationen nicht gesehen hatte. Ein außerordentlicher Geschäftsmann, Händler und Meister bei Verhandlungen. Charismatisch, gnadenlos, Perfektionist und Diktator. Die Liste der Beschreibungen, die Steve Jobs verherrlichen oder kritisieren, kann noch länger werden. Es ist jedoch unumstritten, dass unter seiner Leitung Apple es schaffte, das Leben von Millionen Menschen auf der Welt zu verändern und sie dazu zu bringen, die Technologien wie nie zuvor mit offenen Armen aufzunehmen."

"La Repubblica" aus Italien

Die linksliberale römische Tageszeitung "La Repubblica" nimmt sich des Phänomens der Apple-Gemeinde an:

"Steve Jobs ist tot. Und wie die großen Krieger der Savanne, die sich im Staub auflösten und die Unsterblichkeit ihrer Mythen hinterließen, ist auch dieses 'Verrückte Pferd' nun unsterblich geworden. Er hat das Banale außerordentlich gemacht und selbst die obskurste aller Technologien verführerisch. Vielleicht sind wir wirklich 'foolish' gewesen, so wie er uns wollte: Ein wenig verrückt, ein wenig dumm. Aber wir haben uns konvertieren lassen zur himmlischen Apple-Kirche. Und es war schön, solange es andauern durfte. Thank you, Mr. Jobs."

"Neue Zürcher Zeitung" aus der Schweiz

Die Schweizer "Neue Zürcher Zeitung" beschäftigt sich mit dem Symbol Jobs und der Frage, warum sein Tod so vielen Menschen nahe geht, die ihn gar nicht persönlich gekannt haben:

"Sein Beispiel bestärkt den Glauben, dass es einzelne Menschen sind, auf die es ankommt, dass es starke Individuen sind, die den technischen Fortschritt und die wirtschaftliche Entwicklung gestalten. Trotz aller Innovationen und Revolutionen, welche die Computerbranche immer wieder verändert haben, sind sich die Produkte, die unter der Ägide von Steve Jobs entstanden sind, ähnlich. Der Macintosh, der Next-Cube, das iPhone - sie atmen denselben Geist. Es kommt einem so vor, als ob diese Idee Jobs schon umgetrieben hätte, als er sich als Jüngling noch nicht mit Computern, sondern mit japanischer Tuschmalerei beschäftigte, die Idee, dass das Einfache das Schöne und das Schöne das Gute sei und dass das Gute oberstes Lebensziel eines Menschen zu sein habe."

"The Times" aus Großbritannien

Die konservative britische Zeitung "The Times" legt dar, welche Bedeutung das Modell Apple im Konkurrenzkampf der westlichen Unternehmen mit Asien haben könnte:

"Apple ist der Beweis dafür, dass westliche Unternehmen gegen die wachsende Konkurrenz aus Asien bestehen können. Jobs Verbindung von Vision, Erneuerung, Design und Vermarktung haben nicht nur westliche Rivalen in Schach gehalten, sondern auch die Konkurrenz aus Korea und China auf die Plätze verwiesen. Westliche Politiker wie David Cameron bemühen sich darum, Unternehmer wie Steve Jobs zu pflegen. Doch den Regierungen sind Grenzen gesetzt. Jobs Erfolg hat kaum etwas dem amerikanischen Hochschulsystem zu verdanken. Er hat das College ohne Abschluss verlassen, wie auch Bill Gates. Doch es gilt, eine Unternehmenskultur zu pflegen, die dem Außenseiter und Visionär eine Chance gibt, dem ehrgeizigen, risikofreudigen und unvernünftigen Menschen."

"Libération" aus Frankreich

Die linksliberale Pariser Tageszeitung "Libération" sieht die Rolle von Jobs Unternehmen Apple deutlich kritischer:

"Das Unternehmen Apple hat trotz seines Erfolgs einen Ruf als ästhetisches, fortschrittliches und sogar unkonventionelles Unternehmen wahren können. In einer Garage geboren und immer im Geist Kaliforniens. Dieser Mythos gehört zu den schönsten Erfindungen von Steve Jobs. Denn Apple wirtschaftet zeitgemäß und lässt seine Produkte in bunkerähnlichen Fabriken in China herstellen. Apple ist schon lange nicht mehr cool. Die Firma setzt sich brutal durch, riegelt ihre Software und Dienstleistungen ab, um ihre Kunden unter Kontrolle zu halten. Apple stellt Verlagen und Produzenten von Musik, Spielen, Büchern oder Software knallharte Bedingungen nach dem Prinzip: friss oder stirb in Freiheit. Auch das gehört zum Erbe von Steve Jobs: Autoritarismus in Jeans und Turnschuhen."

jwi/DPA DPA

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