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Zum Tode von Steve Jobs: Der Hightech-Freibeuter

Steve Jobs zählt zu den größten Erfindern. Seine Auftritte glichen heiligen Messen. Er war ein Bastler, der das Schöne in der Technik fand. Abschied von einem Visionär und Diktator.

Von Gerd Blank

Ein großer Performer hat die Bühne verlassen. Einer, der Emotionen beim Publikum hervorrufen konnte. Aber nicht durch Songs oder Schauspiel, sondern allein durch seine Präsenz. Was wird von Steve Jobs in Erinnerung bleiben? Sein schwarzer Rollkragenpullover, den er bei der Präsentation neuer Produkte trug? Oder sein "one more thing", am Ende jeder Veranstaltung, kurz bevor er ein neues, noch besseres, noch eleganteres Technik-Highlight aus der Tasche zog? Steve Jobs war ein Illusionist, einer, der selbst langweilige Software zur großen Sache machen konnte. Wenn Jobs auf der Bühne stand, glaubt man ihm alles. Selbst abgebrühte Journalisten jubelten, wenn der heilige Steve eine neue iPod-Farbe präsentierte.

Silicon Valley wird nicht mehr derselbe Ort sein ohne Steve Jobs, denn er hat das digitale Delta in der Nähe San Franciscos, den heiligen Grund der IT-Branche, geprägt wie kaum ein anderer. Er war eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Computerindustrie. Dabei begann seine Karriere wie die vieler anderer IT-Glücksritter: als Bastler. Zusammen mit seinem Studienfreund Steve Wozniak half er Atari-Gründer Nolan Bushnell, das Spiel "Breakout" zu entwickeln. Kurz darauf verkauften Jobs und Wozniak kleine Kästen, mit denen man - illegal - kostenlose Ferngespräche führen konnte. Jobs war ein Schrauber, der gerne gegen Regeln verstieß. Im Buch "Die Apple Story" wird ihm auch folgendes Zitat zugeschrieben: "Es ist besser, ein Pirat zu sein, als der Navy beizutreten. Lasst uns Piraten sein." Auch im eigenen Unternehmen soll er nicht gerade sanft mit Mitarbeitern umgesprungen sein. Und über Konkurrenz machte sich Jobs gerne lustig. Er war das Mastermind, einer, der keinen Widerspruch duldete und alles besser wusste.

Was scherten Jobs seine eigenen Worte. Wiederholt änderte er seine Meinung über Partnerschaften und Produkte. So auch über Microsoft. 1994 sagte er dem "Rolling Stone": "Unglücklicherweise rebellieren die Leute nicht gegen Microsoft. Sie wissen es nicht besser." Zwei Jahre später setzte er in einem anderen Interview noch einen drauf: "Das einzige Problem an Microsoft ist, dass sie keinen Geschmack haben. Sie haben absolut keinen Geschmack. Und ich meine das nicht nur im Detail, ich meine das im Großen und Ganzen, in dem Sinne, dass sie keine originellen Ideen haben und dass sie wenig Kultur in ihre Produkte einbringen."

Vom Gegner zum Partner

Auf der Macworld 1997 gab Jobs dann eine Partnerschaft mit Microsoft bekannt und sagte: "In der heutigen IT-Welt helfen Rivalitäten niemandem weiter." Außerdem war Steve Jobs überzeugt, dass sich Notebooks kaum durchsetzen würden und sagte 1985 dem "Playboy": "Für einen Reporter, der unterwegs Notizen aufschreiben will, ist das interessant. Aber für den Durchschnittsnutzer sind diese Geräte nicht so nützlich, und es gibt auch kaum Software dafür." Die Aussage hinderte ihn nicht daran, später Apple-Notebooks erfolgreich zu verkaufen.

Gerade weil er in der Lage war, seine Meinung zu ändern und aktuellen Situationen anzupassen, war er der perfekte Chef für ein IT-Unternehmen. Sein Gehirn funktionierte wie ein Computer: Situation erkennen und Problem lösen, pragmatisch und ohne Rücksicht auf Verluste. Er schreckte nicht einmal davor zurück, sein eigenes Unternehmen zu verlassen. 1985 schied Jobs im Streit von Apple. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, gründete der Entrepreneur gleich zwei neue erfolgreiche Unternehmen.

Das eine, Next, entwickelte Computersysteme, die hauptsächlich wissenschaftlichen Forschungen dienten. So wurden die Rechner am Cern-Institut bei der Entwicklung des World Wide Web eingesetzt. Das andere, Pixar, ist verantwortlich für erfolgreiche computeranimierte Filme wie die "Toy Story"-Reihe und "Wall-E". Beide Unternehmen sorgten dafür, dass die Macht von Steve Jobs weiter wuchs: Apple kaufte Next, wodurch Jobs wieder ein Teil des Unternehmens wurde, welches er einst gründete. Und Disney fusionierte mit Pixar, was Jobs zum größten Aktionär des Micky-Maus-Unterhaltungskonzerns machte.

Der Heilsbringer

Bei seiner Rückkehr zu Apple wurde Jobs 1997 wie ein Heilsbringer empfangen. Kein Wunder, stand das Unternehmen doch kurz vor der Pleite. Jobs brachte den Erfolg zurück, Apple stand mit ihm wieder für spannende Technik, für Innovation und Design. Plötzlich war Apple wieder wer.

Der Pirat war zurück an Bord und enterte mit neuen Produkten einen festen Platz in den Träumen der Technik-Freaks. Der iMac, ein All-in-one-PC in Kugelform, wurde zum Design-Liebling und verkaufte sich blendend. Doch noch erfolgreicher war ein anderes Produkt: der iPod. Der kleine Musikspieler mit den charakteristischen weißen Kopfhörern wurde zum Must-have-Produkt einer ganzen Generation. Und der iTunes Store verkauft längst mehr Songs als andere Händler.

Mit dem iPhone gelang Jobs ein weiterer Coup. Das komplett über einen Touchscreen zu bedienende Telefon setzte nicht nur durch sein Design Maßstäbe. Es revolutionierte auch den Handymarkt, denn Steve Jobs diktierte die Bedingungen beim Vertrieb des Telefons. Mobilfunkanbieter, die das iPhone anbieten wollten, mussten Apple einen Teil der Vertragseinnahmen überweisen.

Die Strategie vom Rückkehrer Steve Jobs ging auf. Nur durch eine komplette Neuausrichtung konnte das Unternehmen gerettet werden. Jobs schaffte die Kehrtwende, strich den Begriff "Computer" aus dem Firmennamen und setzte seine Pläne auch durch sein teilweise tyrannisches Auftreten durch. Doch obwohl er mit harten Bandagen kämpfte, wurde er fast wie ein Technik-Messias wahrgenommen. Er bekam Spitznamen wie "His Steveness" und "iGod" verpasst. Sein Wort hatte Gewicht, egal, was er sagte. Und er schonte sich nicht. Als oberster Apfelbauer stand er bei Events auf der Bühne und präsentierte, was es zu präsentieren gab.

Es wurde deutlich, dass der Erfolg des Unternehmens eng mit Steve Jobs verzahnt war. Entsprechend groß der Schock, als Steve Jobs sich im Juli 2004 einer Operation unterziehen musste, bei der ein Tumor an seiner Bauchspeicheldrüse entfernt wurde. Der Gesundheitszustand des Chefs schlug sich sofort auf den Aktienwert nieder. Zwar erholten sich Jobs und Kurs wieder, aber als der Apple-Chef Ende 2008 deutlich an Gewicht verlor, gab auch der Kurs des Unternehmens wieder nach. Es wurde sogar darüber spekuliert, dass die Krebserkrankung zurückgekehrt sei.

Witze über die Gesundheit

Im Oktober 2008 witzelte Steve Jobs bei einer Präsentation noch mit dem Mark-Twain-Zitat: "Die Gerüchte über meinen Tod sind stark übertrieben." Obwohl damals eine Erleichterung durch die Reihen der Zuschauer ging, blieb die Angst, dass der Apple-Kopf doch nicht so gesund war, wir er zuvor stets beteuert hatte. Und es stimmte: Jobs war tatsächlich krank, schwerer, als er zugeben wollte. Im Januar 2009 kündigte Steve Jobs an, aufgrund seiner Erkrankung ein halbes Jahr zu pausieren.

Der damals 53-Jährige musste plötzlich über seinen Gesundheitszustand sprechen, obwohl er zuvor stets versucht hatte, sein Privatleben nicht öffentlich zu machen. So schrieb er am Ende einer Erklärung zu seiner Krankheit: "Nun habe ich mehr gesagt, als ich wollte, und alles gesagt, was ich sagen werde zu diesem Thema." Der auf der Bühne so extrovertierte Manager wollte Ruhe in sein Leben bringen. Doch je länger seine Krankheit dauerte, desto klarer war, dass er sich nicht länger bedeckt halten konnte.

Im September 2009 kehrte Steve Jobs auf die Apple-Bühne zurück, kurz zuvor war bekannt geworden, dass er sich einer Lebertransplantation hatte unterziehen müssen. Details behielt er wie immer für sich.

Auffällig dünn war der iGod seitdem, sein Gesundheitszustand lieferte ständig neuen Gerüchten Nahrung. Im Januar 2011 wurde aus den Spekulationen Gewissheit. Jobs war schwer krank, aus gesundheitlichen Gründen kündigte er eine weitere Auszeit an - die er im März einmal unterbrach, um das iPad 2 persönlich vorzustellen.

Am 24. August trat Jobs dann endgültig von seinem Posten als Apples Vorstandsvorsitzender zurück und übergab die Geschäfte an seinen langjährigen Weggefährten Tim Cook. Steve Jobs wurde zum Vorsitzenden des Verwaltungsrats gewählt, wo er weiterhin Einfluss auf die Produktentwicklung und Strategie des Konzern nehmen wollte. Aber nur so viel, wie ihm seine Gesundheit erlaubte. Wieder reagierte die Börse mit einem Abfall des Aktienkurses.

Die Biografie von Steve Jobs könnte die Vorlage für ein großes Drama sein. Weil seine Eltern, der syrische Politikwissenschafter Abdulfattah Jandali und die Amerikanerin Joanne Carole Schieble, sich nicht in der Lage sahen, ein Kind großzuziehen, gaben sie den Jungen zur Adoption frei. Erst mit 30 erfuhr Steve Jobs von seinen biologischen Eltern und seiner leiblichen Schwester. In den 70er Jahren hatte Steve Jobs eine Beziehung mit der Sängerin Joan Baez und zeugte mit der Journalistin Chrisann Brennan die Tochter Lisa, nach der auch der erste von ihm mitentwickelte Computer benannt wurde.

Am Mittwoch starb Steve Jobs an den Folgen seiner Krebserkrankung in Palo Alto. Er hinterlässt seine Ehefrau Laurene Powell, die er 1991 geheiratet hatte. Das Paar hat drei Kinder.

Mitarbeit: Ralf Sander