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Apple-Chef Steve Jobs: Die Messias-Show

Apple-Gründer Steve Jobs ist wieder da: 30 Pfund leichter und frenetisch gefeiert von seinen Jüngern. Die Apple-Produkte, die er präsentierte, gerieten dadurch fast zur Nebensache.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Neun Monate mussten sie ohne ihn auskommen. Neun lange Monate des Bangens, des Unbehagens, der unbeantworteten Fragen: Wie geht es ihm? Wann kommt er zurück? Und mal angenommen, er käme nicht zurück, wie ginge es dann ohne ihn weiter? Seit gestern, seit diesem Mittwoch mit dem denkwürdigen Datum 9.9.09, gibt es endlich Antworten, hat die Unsicherheit in der Apple-Welt ein Ende. Denn er ist wieder da. Steve Jobs, der Chef und Mitgründer des kalifornischen Computerherstellers, ist zurückgekehrt, gesund genug, um vor die Öffentlichkeit zu treten und eine frische Kollektion von iPods für das Weihnachtsgeschäft vorzustellen.

"Ich stehe wieder senkrecht", verkündete der 54-Jährige zum Auftakt der Veranstaltung am Mittwochmorgen. "Ich bin zurück bei Apple, und ich genieße jeden einzelnen Tag." Er lächelte glücklich, aber man sah ihm an, dass schwere Monate hinter ihm liegen: Hager stand er da auf der Bühne in einem Künstlerzentrum in San Franciscos Innenstadt, ähnlich dünn und zerbrechlich wirkend wie bei seinem letzten Auftritt dieser Art vor genau einem Jahr am selben Ort. Schon damals wurde spekuliert, Jobs sei wieder schwer krank, so wie schon einmal im Sommer 2004, als ihm ein Tumor an der Bauchspeicheldrüse entfernt werden musste. Dementis folgten, doch als der Apple-Chef im Januar eine Auszeit nahm, um sich auf seine Gesundheit zu konzentrieren, war klar, dass die Lage ernster war, als es die Firma und der Mann an ihrer Spitze zugeben mochten.

Nur eine Lebertransplantation im Frühjahr rettete Jobs das Leben, wie er jetzt selbst einräumte: "Ich habe nun die Leber eines Menschen, der mit Mitte 20 bei einem Auto-Unfall gestorben ist und so großzügig war, seine Organe zu spenden", berichtete Jobs bei seinem Comeback-Auftritt. "Und ohne diesen Großmut wäre ich heute nicht hier." Sichtlich bewegt forderte der Familienvater sein Publikum auf, darüber nachzudenken, ebenfalls Organspender zu werden. Die Apple-Gemeinde, der Jobs für die "von Herzen kommende Unterstützung" dankte, bejubelte derweil in Internetforen die Rückkehr ihres spirituellen Anführers: "Wooooooh!" brach es bei AppleInsider.com aus dem ansonsten sprachlosen Nutzer "ascii" heraus. "Welcome back, Steve!", freute sich "Bergermeister" und jauchzte: "Er präsentiert selbst!!!"

Updates statt Innovationen

Was Jobs präsentierte, war allerdings auf den ersten Blick wenig sensationell: kein Mac mit Touch-Screen, wie ursprünglich gemunkelt, auch keine Beatles-Alben im iTunes-Laden (der immerhin ein neues Design bekommen hat). Stattdessen ein billigerer iPod Shuffle, jetzt ab 55 Euro. Das ist fast schon Routine, wie jedes Jahr im Herbst, wenn die iPod-Kollektion aufgefrischt wird. Der iPod Nano bekommt Radio-Empfang und eine Videokamera. Live-Sendungen im Radio können angehalten und später fortgesetzt werden; Videos lassen sich direkt auf dem Display bewundern, das nun etwas größer ist, oder durch Synchronisieren mit einem Rechner ins Internet stellen, etwa bei YouTube, Facebook oder Apples eigenem "MobileMe"-Service. Die Bildqualität entspricht mit 640 mal 480 Bildpunkten etwa dem Standard-Fernsehformat. Das Modell mit 8 Gigabyte Speicher, zu haben für 140 Euro, bietet laut Apple Platz für bis zu sieben Stunden Video oder 2000 Musiktitel oder 7000 Fotos. Beim 16-Gigabyte-Nano, der nur 30 Euro mehr kostet, sind es doppelt so viele Daten.

Der technische Fortschritt überholt dabei allmählich die Bedürfnisse vieler Nutzer, und das macht Apple zu schaffen: Nach über 220 Millionen verkauften iPods scheint sich unter Musikfans ein Sättigungsgefühl auszubreiten. Im vergangenen Quartal ist der iPod-Absatz zum ersten Mal gefallen - minus sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ist nicht viel, aber doch genug, um den Wandel des 2001 vorgestellten MP3-Spielers vom Taschenmusikanten zum Multitalent im Miniformat zu forcieren. "Musik allein reicht nicht mehr", sagt Roger Kay, Präsident der Unternehmensberatung Endpoint Technologies Associates. "Der Trend geht zu Geräten, die mehrere Funktionen in sich vereinen." Bestes Beispiel: das iPhone, für das Apple inzwischen 30 Millionen Käufer gefunden hat. Der Erfolg des Mobiltelefons, das auch als Musik- und Videoplayer dienen kann, gehe auch auf Kosten des bisherigen Apple-Stars, sagt Kay: "Das iPhone kannibalisiert den iPod."

Hoffnungsträger mit Touchscreen

Apples Hoffnungen ruhen nun auf dem iPod Touch, dem kleinen Bruder des iPhone. Vom Design und Leistungsumfang sind die beiden Geräte nahezu identisch. Genau wie das iPhone wird der Oberklasse-iPod über Gesten auf einem berührungsempfindlichen Display gesteuert, kann via WLAN-Verbindung im Internet surfen, Videos abspielen und die meisten der mittlerweile 75.000 Programme nutzen, die im "App Store" erhältlich sind, dem iTunes-Laden für Anwendungen aller Art. 1,8 Milliarden Programme haben Nutzer bereits aus dem App Store geladen. Besonders beliebt sind Spiele, und so preist Apple den iPod Touch nun als "hervorragenden Taschencomputer und Spiele-Handheld" an - der deutlich flotter ist als bisher, dank schnellerer Chips, und außerdem deutlich billiger. Das Einsteigermodell mit 8 Gigabyte Speicherplatz ist nun für 189 Euro zu haben. Für den bisherigen Preis von 279 Euro gibt es künftig einen iPod Touch mit 32 Gigabyte Kapazität.

Aufgefrischt hat Apple auch das Betriebssystem für iPhone und iPod Touch. Version 3.1 soll es im Zusammenspiel mit dem ebenfalls neuen iTunes 9 leichter machen, die Programme auf den Geräten zu verwalten. Was dem Touch allerdings weiter fehlt, ist eine Kamera für Fotos und Videos. "Wir müssen da nichts hinzufügen", erklärte Steve Jobs mit Blick auf den iPod Touch der New York Times. "Es kommt darauf an, den Preis zu senken, damit er für alle erschwinglich wird."

Wichtig ist das für Apple auch deshalb, weil sich auf Mobilgeräten ein ähnlicher Verdrängungswettbewerb anbahnt wie einst auf PCs: In den 1980er Jahren buhlte Microsofts DOS, der Vorläufer von Windows, mit anderen Betriebssystemen um die Vorherrschaft auf Heim- und Bürorechnern - heute rangelt Apple mit Nokia, Google, Microsoft und dem Blackberry-Hersteller RIM um die beste Startposition auf Mobilgeräten. "Apple hat im Augenblick ganz eindeutig die Nase vorn", sagt Roger Kay. Auch Tim Bajarin, Präsident der Consulting-Firma Creative Strategies, urteilt: "Mehr und mehr Menschen wollen eine Art Computer für die Hosentasche - so etwas wie das iPhone oder den iPod Touch." Und die große Auswahl an Programmen gebe Apple einen Vorsprung vor den Konkurrenten, die sich bisher schwer tun, ihren Nutzern ähnlich viele Anwendungen anzubieten. "An den App Store kommt keiner der anderen auch nur annähernd heran", sagt Bajarin.

Herausforderung für Apple

Dennoch steht Apple vor einer Herausforderung: Weltweit liegen die Kalifornier im Geschäft mit Mobiltelefonen deutlich hinter Nokia, Samsung, Sony Ericsson und anderen Herstellern. Zwar hat der Erfolg des iPhone dazu geführt, dass Apple mittlerweile auf einen Marktanteil von etwa zehn Prozent bei Smartphones kommt - doch solche Edel-Handys machen bisher nur einen kleinen Teil des Gesamtgeschäfts mit Mobiltelefonen aus.

Ein Grund mehr, dass die Firma froh sein kann, ihren visionären Mitgründer wieder an Bord zu haben. Er sei zwar noch etwas dünn, räumte Steve Jobs im Gespräch mit der New York Times ein, aber deshalb nicht weniger fit: "Wahrscheinlich müsste ich noch ungefähr 30 Pfund zunehmen, aber ich fühle mich wirklich gut", versicherte der Apple-Chef nach seinem Auftritt am Mittwoch. "Ich esse wie verrückt." Und zwar nicht nur Salat, wie man das vermuten könnte bei einem Vegetarier, der für seinen asketischen Lebensstil bekannt ist, sondern auch reichlich Süßes: "ganz viel Eiscreme" nämlich.

Von Karsten Lemm, San Francisco