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"TheFatManWalking.com": Abnehmen auf die harte Tour

Mit einem Startgewicht von 200 Kilo wandert Steve Vaught quer durch die USA. Zehntausende verfolgen seinen Marsch gegen die Pfunde im Web - und verwechseln ihn dabei manchmal.

Von Ralf Sander

"Es hätte mich fast umgebracht. Die Schmerzen im Rücken und den Beinen sind unglaublich." So lautet der erste Eintrag in Steve Vaughts Online-Tagebuch über seine große Wanderung. Wo hatte er diese schmerzvollen Erfahrungen gemacht? Hatte er eine Wüste durchquert? Wäre er in der Arktis fast erfroren?

Nein. Er hat nur einen Spaziergang von einer Meile gemacht. Dennoch sind seine Gefühle echt. Als Vaught diesen Eintrag schrieb, wog er rund 200 Kilogramm und konnte nach eigenem Bekunden noch nicht mal einen Laden durchqueren, ohne vor Schmerzen und Kurzatmigkeit fast zusammenzubrechen.

Ausgerechnet dieser Mann geht gerade zu Fuß von Oceanside bei San Diego nach New York, von der West- zur Ostküste der USA. Sein Übergewicht ist dabei sein größtes Hindernis - und sein größter Antrieb. Die Mission: "Durch Amerika marschieren, um Gewicht zu verlieren und mein Leben zurückzuerlangen." Währenddessen lässt er die Weböffentlichkeit an seinem Martyrium teilhaben, auf der Website "TheFatManWalking.com" erläutert er sein Projekt und dessen Fortgang. Und das so erfolgreich, dass US-Medien bereits Parallelen zur Filmfigur "Forrest Gump" ziehen: Der freundliche Idiot läuft in einer Sequenz des gleichnamigen Films kreuz und quer durch die Staaten, um Seelenschmerz zu bewältigen. Dabei versammelt er um sich - ohne es recht zu bemerken - eine mitjoggende und ständig wachsende Gruppe von Jüngern, die glaubt, er verfolge ein höheres Ziel. Vaught hat ebenfalls eine treue Gefolgschaft, obwohl er auf den Straßen meistens allein unterwegs ist. Viele Menschen folgen ihm über seine Website, wo Ehefrau April regelmäßig von neuesten Erfolgen und Misserfolgen berichtet. Rund 100.000 Leser sind es, schätzt April Vaught, viele hundert E-Mails erhält sie zurzeit, die meisten wollen Steve unterstützen.

Schonungslos und authentisch

Steve Vaught kann jede Unterstützung gebrauchen, seine Extremwanderung ist viel schwieriger als erwartet. Seit Mitte April hat er rund 585 Meilen (940 km) zurückgelegt und liegt weit hinter seinem Tagessoll von 20 Meilen (32 km) pro Tag. Die ganze Strecke hat eine Länge von fast 3000 Meilen (4800 km). 25 Kilo hat der 39-Jährige bis jetzt verloren. Doch der Preis ist hoch. Die Tagebucheinträge berichten authentisch von den schönen Momenten ebenso wie von den Rückschlägen: von hilfsbereiten Fremden, die ihn aufsammelten, als er wegen Wassermangels krank war. Von Schrammen durch Stürze. Und immer wieder von schlimmen Blasen an den Füßen, die sogar durch Fotos dokumentiert werden.

Doch diese Blessuren scheinen nichts zu sein im Verhältnis zu den Qualen, die Vaught durch sein extremes Übergewicht ertragen musste. Irgendwann entschied er: So geht es nicht weiter. "Fett zu sein ist emotional und physisch schmerzvoll. Ich will keine Geburtstage, Abschlussbälle, Hochzeiten und Enkelkinder verpassen, weil ich mich dagegen entschieden habe, mir mein Leben zurückzuholen", schreibt der Vater zweier Kinder auf der Website. Weil Diäten nichts geholfen haben, entschied er sich für die harte, lange Tour. Mit dem Web als Peitsche: Wenn er scheitert, scheitert er vor großem Publikum.

Der unfreiwillige Helfer

Großes Publikum erhält durch Vaughts Fettverbrennungsmarathon auch das Weblog von Dave Drass. Der ist ein großer Freund von Rucksackwanderungen, erzählt im Web davon - und weil er etwas pummelig ist, hat er die URL "www.fatmanwalking.com" gewählt. Das "The" von Vaughts Adresse geht beim Eintippen offenbar so häufig verloren, dass die Zahl der Besucher von Drass' Blog massiv gestiegen ist. "Ich habe im Juli schon 125.000 Zugriffe. Und nur ungefähr sechs wollten wirklich zu mir", spottet Drass. Außerdem erhält er 20 bis 50 E-Mails pro Woche, die eigentlich für den großen Wanderer bestimmt sind. Inzwischen weist Drass unübersehbar darauf hin, dass er nicht DER Fat Man Walking ist und schickt die Besucher gleich weiter zur richtigen Adresse. Dennoch halten ihn sogar Journalisten, die es besser wissen könnten, für einen Vertrauten von Vaught. Drass schreibt, dass die Redaktion der US-Talkshow-Titanin Oprah Winfrey ihn um Hilfe gebeten habe, um mit Steve Vaught Kontakt aufzunehmen: "Da wurde mir klar, wie groß Steves Wanderung inzwischen geworden ist."