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Doch kein Spar-Wunder "Zu 99,9 Prozent kein iPhone" – die oftmals dreiste Lüge der "Amazon-Paletten"-Händler

Amazon Lagerarbeiter
Es stimmt: Amazon verkauft Paletten voller Retouren. Dabei handelt es sich allerdings nicht um Wundertüten voller Geschenke.
© Amazon
In den sozialen Netzwerken, besonders bei Facebook, werben vermeintliche Händler günstiger Amazon-Paletten mit hochwertiger Technik für kleines Geld. stern klärt auf, was sich dahinter verbirgt.

Sie versprechen das große Glück für kleines Geld: Amazon-Paletten. Seit Monaten wird in den sozialen Netzwerken, vor allem Facebook, aggressiv für diese Shopping-Wundertüten geworben. Dabei soll es sich um Retouren und "nicht abgeholte Amazon-Pakete" handeln, die in rauen Mengen für Kleinstbeträge verschleudert werden sollen – um Platz im Lager zu machen, versteht sich.

Es gibt Bilder von riesigen Kartons voller iPhones, Playstation-Konsolen und teurer Technik, darunter Links zu Online-Shops, bei denen man für kleines Geld, meist ab 30 Euro, sein Glück versuchen kann. Zweiflern wird in den Kommentaren der Kopf gewaschen, dort reihen sich Hunderte "zufriedene Kunden" mit angeblichen Beweisbildern aneinander, die vom großen Fang berichten. Was soll da schon schiefgehen?

Palettenweise iPhones von Amazon gibt es nicht

Diese Reise führt dann auf Portale mit Adressen, die klingen, als sei jemand mit dem Kopf auf die Tastatur geknallt. Hier öffnet sich ein riesiges Bild mit einem Warenlager. Darauf zu lesen: "Holen Sie sich hier Ihre Überraschung!". Zum Kauf sind es nur wenige Klicks. Oft werden die Paletten-Shops durch ein eigenes Angebot billigster Ramschware erweitert – falls noch Platz im Warenkorb ist.

Amazon-Palette
So sieht seriöser Handel nicht aus: Ein Paletten-Shop suggeriert, dass Kundenfür nur 28,80 Euro die Chance auf eine Playstation haben. Selbst die große Palette "Super-Riesen-Mystery-Box" kostet unter 50 Euro.
© privat/screenshot

"Das ist zu 99,9 Prozent Betrug", sagt Ralf Hastedt, Geschäftsführer von Avides, einem Unternehmen, das seit mehr als 20 Jahren mit Amazon im Retourengeschäft zusammenarbeitet. "Sie werden in solchen Boxen niemals ein iPhone, eine Playstation oder ähnliche Ware finden, die Amazon mit Leichtigkeit selbst als Rückläufer verkaufen kann."

Hastedt muss es wissen, denn Amazon selbst betitelt ihn als "Herr der Dinge", also den Mann, der sich mit seinem Team tagtäglich durch mehrere LKW-Ladungen zurückgeschickter Ware wühlt, um unter den Tausenden Rückgaben verwertbare Artikel für den Weiterverkauf zu finden – und Amazon so, bei der Bearbeitung der Retourenberge zu helfen.

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Retouren-Paletten sind ein Geschäft für Händler

Es stimmt also: Amazon bietet solche Paletten tatsächlich an. Aber: Diese Warensammlungen gehen nicht, wie bei Facebook suggeriert, für kleines Geld an Privatkunden, sondern in rauen Mengen an Unternehmen, die ihrerseits gewerbliche Abnehmer versorgen. Nach Aussage von Ralf Hastedt im Falle von Avides nie als Wundertüten mit enormen Werten, sondern als eindeutig deklarierte Retourenware, bei der die Gegenseite weiß, was drin ist.

Wer Ware direkt von Amazon beziehen will, kann beispielsweise bei Auktionen teilnehmen. Auf "Bstock" verkauft Amazon "kleine LKW-Ladungen" voller Retouren direkt an registrierte Kunden. Ein solches Paket mit einem Warenwert von 244.689 Euro und 5707 Artikeln zum Beispiel geht hier für rund 43.000 Euro weg – Stückpreis der Ware rund 7,50 Euro. Mit diesem Angebot richtet sich Amazon allerdings explizit an Gewerbetreibende.

"Rein rechtlich ginge es gar nicht, solche Paletten einfach an private Käufer:innen weiterzuleiten und Kund:innen damit heiß zu machen, dass es hier Luxus-Ware für Centbeträge gibt", erklärt Hastedt. "Die gesetzlichen Bestimmungen machen das schwer bis unmöglich. Wer würde die Gewährleistung übernehmen? Wie würde man Rückgaben der Rückgaben abwickeln, wenn die Ware doch nicht gefällt? Der Aufwand wäre riesig – und die Enttäuschung meist groß."

Youtube- und Tiktok-Trend "Mystery Boxen"

Aber was hat es dann auf sich mit Videos von großen Youtubern wie Alexander Reckhaus, der mit seinem Kanal "AlexV" mehr als eine Million Abonnenten erreicht und in Videos wie "Ich habe NEUE AMAZON RETOUREN bestellt! (ungeprüfte Ware)" sechsstellige Klickzahlen einfährt? Zum einen handelt es sich dabei oft um Ware, die Reckhaus womöglich mit einem Gewerbeschein kaufen konnte, mutmaßt Hastedt. In den Videos spricht der Youtuber oft davon, die Ware "über Ecken" besorgt zu haben und er betreibt einen Shop für den Verkauf der verwertbaren Fundstücke.

Doch zum anderen scheint es tatsächlich Shops zu geben, die Retourenpaletten aus Deutschland direkt an Privatpersonen verschicken. In dem verlinkten Video ist die Rede von "IchBinBilliger". Immerhin: Mit dem offenkundigen Nepp der Facebook-Seiten hat das nicht viel zu tun.

Aber die Betreiber gehen auch auf Nummer sicher. Ungeprüfte Ware, etwa eine Retouren-Palette für 1.200 Euro, die laut Shop einen Warenwert von 5.700 Euro beinhaltet, wird nicht wie normale Ware behandelt. Im Inserat heißt es: "Bei diesem Produkt Verkauf an Händler B2B Wiederverkäufer aber auch Privatpersonen die wie ein Händler behandelt werden." Heißt: Keine Rückgabe.

Anders sieht das bei geprüften Retouren aus. Dabei handelt es sich um Sammelkartons, die ausschließlich Ware beinhalten, die funktioniert und verwendet werden kann. Diese Boxen sind aktuell für maximal 250 Euro erhältlich, der Warenwert soll um die 500 Euro betragen. Eine Ausnahme gibt es trotzdem: Die angebotenen "Retouren Secret Packs" sind ungeprüft und können zurückgegeben werden, aber nur, wenn man sie vorher nicht öffnet.

Verwirrend, aber in diesem Fall kein Betrug. Dafür sprechen diverse Merkmale, die die genannten Facebook-Werber vermissen lassen. Es gibt ein Impressum, es werden zahlreiche Zahlungsmöglichkeiten angeboten, die Rückgaberegeln sind klar definiert und – nirgends ist davon die Rede, dass in den Paketen höchstwahrscheinlich ein iPhone oder eine Playstation 5 schlummert. Anders als für Hastedt, scheint es sich für die Betreiber zu lohnen – und die angesprochenen Risiken vertretbar zu sein.

"AlexV" zeigt in seinen Videos allerdings die nackte Realität: Meist packt er Haushaltswaren aus, darunter Rasierer oder Saugroboter. Manchmal ist auch Computer-Peripherie dabei. Aber das Fazit vieler Videos lautet: Der Warenwert wird nur mit zwei zugedrückten Augen irgendwie erreicht, zumindest den Einsatz hat man aber meist wieder raus und kann im Falle des Verkaufs sogar Gewinn machen. Es zeigt sich allerdings, dass kaum eine Privatperson mit einer solchen Produktsammlung wirklich glücklich wäre – die wenigsten brauchen drei elektrische Zahnbürsten, eine davon sichtlich benutzt.

Nur für Händler wirklich interessant

Das Geschäft mit den Retouren bleibt also undurchsichtig – im wahrsten Sinne des Wortes. Fakt ist: Es gibt solche Paletten, die sind aus dem heutigen Versandhandel nicht mehr wegzudenken und wo Retouren anfallen, gibt es Aufkäufer, die sich um die Ware kümmern. Fakt ist aber auch – und das sieht man in jedem Video von "AlexV" – dass der legendäre iPhone-Fund mit ziemlicher Sicherheit ausbleiben dürfte.

Für Privatpersonen, die kein Interesse am Sammeln unnötiger Elektronik haben, bleibt ein Kauf dieser Boxen oder Paletten daher unattraktiv. Sollte man es unbedingt ausprobieren wollen, hält die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Tipps bereit, worauf man bei solchen Shops unbedingt achten sollte.

Wer sich die Mühe machen will, Paletten zu zerpflücken und als Gewerbetreibender aus dem Einzelverkauf Gewinn zu schlagen, kann daraus – unter Berücksichtigung von Rückgabe- und Gewährleistungsrecht – mit viel Mühe einen Job machen.

Was die Anzeigen betrifft, die sich weiter auf Facebook vor allem an Privatpersonen richten, hat stern Meta, den Facebook-Mutterkonzern, Anfang November um ein Statement zur Auswahl der Werbepartner gebeten. Eine Antwort steht bislang aus.

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