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Daten-Sammelei Facebook gab komplette Chats einer Teenagerin an die Polizei – jetzt wird sie wegen einer Abtreibung angeklagt

Eine Frau steht mit einem Smartphone vor dem Facebook-Logo
Dass Facebook die Daten übergab, sorgt für Debatten (Symbolbild)
© Picture-Alliance
Seit in den USA das Recht auf Abtreibung gekippt wurde, wächst die Furcht vor den Folgen. Vor allem die Datensammlungen der Tech-Konzerne werden als echte Gefahr gesehen. Ein aktueller Fall gibt einen Vorgeschmack, was bald noch häufiger vorkommen dürfte.

Es ist eine gefährliche Kombination: Nach Jahrzehnten legalisierter Schwangerschaftsabbrüche, müssen sich Frauen in vielen US-Bundesstaaten plötzlich vor Gefängnisstrafen fürchten. Gleichzeitig wurde durch die Datensammelei der Tech-Branche so leicht wie nie, eine Schwangerschaft durch digitale Spuren nachzuweisen. Ein Fall in Nebraska beweist nun: Vom Silicon Valley können die Betroffenen keinen Schutz erwarten.

Das zeigen Gerichtsunterlagen, die in den letzten Tagen veröffentlicht wurden. Die 17-jährige Celeste B. und ihre Mutter Jessica B. wurden dort einer illegalen Beendung einer Schwangerschaft und mehreren damit zusammenhängenden Straftaten angeklagt. Einer der wichtigsten Beweise: Der Chat-Verlauf bei Facebooks Messenger.

Abtreibung per Chat bewiesen

Den hatte der Konzern im Rahmen eines Durchsuchungs-Beschlusses an die Polizei übergeben, das geht aus den Unterlagen hervor. Bei dem Antrag, der sämtliche Social-Media-Daten des Konzerns zur Angeklagten einforderte, ging es den ermittelnden Polizisten vor allem um eine Frage: Wurde das Kind, wie von dem Teenager ausgesagt, still geboren oder war es nach der Geburt getötet worden? Bei der Untersuchung der Daten stießen sie dann auf Hinweise, dass es sich tatsächlich um eine Abtreibung gehandelt hatte.

Den Chatverläufen zufolge hatte Jessica für ihre Tochter das für Schwangerschaftsabbrüche zugelassene Medikament Pregnot besorgt und auch eingenommen. Nachdem das Kind still zur Welt gekommen war, hatten die beiden Frauen es offenbar zunächst beerdigt, dann aber bei Facebook diskutiert, ob sie den Leichnam verbrennen sollten. Beides ist als Verheimlichen des Todes eines Menschen Teil der Anklage.

Sorge vor den Datenhorden

Der Fall schlägt in den USA nun Wellen. Dass der Schwangerschaftsabbruch vor dem Supreme-Court-Urteil zum allgemeinen Recht auf Schwangerschaftsabruch erfolgte, spielt dabei kaum eine Rolle. Er wäre so oder so strafbar gewesen: Celeste war bereits in der 28. Schwangerschaftswoche, ein Abbruch ist in Nebraska bislang bis zur 20. Woche möglich. In der Debatte geht es vielmehr darum, welche Gefahren aus der Kombination illegaler Abtreibungen und den Datenhorden des Silicon Valley entstehen.

Dass Facebook in einem Statement betonte, beim Durchsuchungsbefehl sei keine Abtreibung erwähnt worden, dürfte die Ängste der amerikanischen Frauen kaum beruhigen. Eine der größten Ängste ist etwa, auch bei natürlichen Fehlgeburten einer illegalen Abtreibung beschuldigt werden zu können. Auch die Möglichkeit, eine ungewollte Schwangerschaft in einem anderen Bundesstaat beenden zu lassen, ist angesichts der Datenspuren deutlich gefährlicher, als es früher der Fall war.

Gefährliche Schwangerschaft

Dass die Tat und die Vertuschung in Chats diskutiert werden, ist nur der offensichtlichste Fall. Aus den Unmengen an persönlichen Daten lassen sich auch dann Hinweise auf Schwangerschaften ziehen, wenn Personen aus dem näheren Umfeld – oder im Extremfall die Eltern selbst – noch gar nichts davon wissen. Daten von Perioden-Apps, Google-Suchen zu morgendlichem Erbrechen und andere Anzeichen geben dann bereits sehr früh Hinweise auf mögliche Schwangerschaften. Selbst wenn das Kind dann auf natürlichem Wege in einer frühen Phase verloren wird, könnte das als mögliche illegale Abtreibung verfolgt werden, so die Befürchtung.

Die Umstände der aktuellen Tat dürften diese Befürchtung noch befeuern. Bei der offenbar ohne konkreten Anlass durchgeführten Autopsie des toten Fötus waren keine Anzeichen für eine Abtreibung gefunden worden. Trotzdem wollte die Polizei durch die Durchsuchung eine Theorie bestätigen und klären, ob das Kind nach der Geburt erstickt worden sein könnte. 

Quellen:Techcrunch, NBC, Vice


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