Filesharing Aus Piraten werden Händler


Hollywood entdeckt Filesharing: Bei "Peer Impact" kann man Filme kaufen - und anschließend Geld damit verdienen. Ganz legal.
Von Karsten Lemm

Gerade erst hat es Grokster erwischt: wieder ein Filesharing-Service, der von den klagefreudigen Musikfirmen und Filmstudios in die Knie gezwungen wurde. Schließlich dienen Tauschbörsen wie Grokster, Kazaa und ehedem Napster den meisten Nutzern dazu, raubkopierte Dateien aus dem Internet zu saugen. Umso verblüffender die Nachricht, dass Hollywood jetzt seine Liebe fürs Filesharing entdeckt hat - jedenfalls im Prinzip.

Vom nächsten Jahr an darf die Tauschbörse "Peer Impact" Hunderte von Filmen zum Download anbieten, ganz legal, darunter Kassenhits wie "Bourne Identity", "Motorcycle Diaries" und "Meet the Fockers" (deutscher Titel: "Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich"). Denn NBC Universal hat als erstes Hollywood-Studio seine Angst vor dem Filesharing verloren und einen Vertrag mit Wurld Media abgeschlossen, dem Betreiber von "Peer Impact".

Die Tauschbörse hat mit Kazaa & Co. allerdings auch nicht viel gemeinsam. Sie ist kein wilder Dschungel, sondern eher ein streng überwachter Park: Alles, was bei "Peer Impact" zum Tauschen angeboten wird, müssen die derzeit 20.000 Nutzer erstmal kaufen - Musik kostet 99 US-Cent, Videospiele 19.99 Dollar. Der Preis von Filmen steht noch nicht fest. Anschließend können die Mitglieder ihre gekauften Dateien weiterempfehlen und dabei Geld verdienen: Eine erfolgreiche Empfehlung bringt bis zu fünf Prozent des Kaufpreises, also beispielsweise einen Dollar bei einem Videospiel, in Form von "Peer Cash". Damit lassen sich dann wiederum neue Filme, Songs und Spiele kaufen.

Die User stellen den Speicherplatz

Weitere fünf Prozent verdienen die Nutzer der Tauschbörse jedes Mal, wenn eine Datei von ihrem Rechner heruntergeladen wird. Wurld Media kann sich das leisten, weil die Firma viel Geld spart durch das "Peer-to-Peer"-Prinzip, bei dem die PCs der Nutzer direkt die Dateien untereinander austauschen. Sie braucht keine Großrechner und gigantische Festplatten, um Millionen von Dateien zu speichern - anders als beispielsweise Apple für seinen iTunes-Musikladen. "Peer-to-Peer macht den Vertrieb von großen Dateien sehr billig", sagt Wurld-Media-Manager Joseph Hatch, "und wir lassen unsere Mitglieder daran mitverdienen."

Damit sich am Ende nicht doch Piraten einschleichen, überprüft "Peer Impact" ständig, wie die Dateien aussehen, die gehandelt werden. Mit Ausnahme einiger MP3-Songs besteht das gesamte Angebot aus kopiergeschützten Windows-Media-Dateien - und die Software lässt nur etwas zum Tausch zu, das in keiner Weise verändert wurden. Andernfalls läuft nichts.

Hollywood in Experimentierlaune

So macht man sich Freunde in Hollywood, und die Studios sind ohnehin gerade in Experimentierlaune: Seit Apple vor einigen Wochen angefangen hat, TV-Hits wie "Lost" und "Desperate Housewives" für 1,99 Dollar pro Stück zu verkaufen, jagt ein Deal den nächsten: Die US-Fernsehketten CBS und NBC wollen demnächst per Kabel und Satellit dieselben Sendungen, die kostenlos ausgestrahlt werden, anschließend noch mal als "Video-on-Demand" verkaufen - zum Schnäppchenpreis von 99 US-Cent. NBC kündigte an, ebenfalls mit Apple zu verhandeln. Und AOL tat sich mit der Konzernschwester Warner Bros. zusammen, um von Januar an alte Fernsehsendungen wie "Kung Fu" und "Welcome Back, Kotter" übers Internet auszustrahlen. "In2TV" heißt der neue Service, der kostenlos ist und sich über Werbung finanzieren soll.

"Die Studios wollen alle mal sehen, was möglich ist", sagt Udo Eberlein, US-Präsident des deutschen Multimedia-Spezialisten Nero. Die Firma, die für ihre Brennsoftware bekannt ist, mischt in Hollywood als Dienstleister für neue Vertriebskanäle mit. "Alle Filmfirmen sind dabei, neue Szenarien zu testen", sagt Eberlein. "Wir werden in den nächsten Wochen sicher noch mehr Ankündigungen von dieser Art sehen."

Deepa Iyer, Medien-Experin beim Marktforscher Parks Associates, stimmt zu: "Die anderen Studios werden sich genau ansehen, ob das Modell mit der Tauschbörse funktioniert", sagt sie. "Und wenn es Geld bringt, sind sie auch dabei.


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