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Kolumne - Neulich im Netz: Herr im Himmel: Lass Herzensbildung regnen

Das Leben könnte so schön sein. Ist es aber oft nicht, weil Zeitgenossen von mangelnder Herzensbildung einfach nicht weniger werden. Jüngster Beleg: die Abmahnwelle einer ominösen Firma und ihres auftragsausführenden Anwalts.

Das Leben könnte so schön sein. Ist es aber oft nicht, weil Zeitgenossen von mangelnder Herzensbildung einfach nicht weniger werden. Jüngster Beleg: die Abmahnwelle einer ominösen Firma und ihres auftragsausführenden Anwalts.

Dieser Tage hagelte deutschen Webmastern die vielleicht bizarrste Abmahnung seit Bestehen des Internets auf den Schreibtisch. Erhalten hatten sie den Brief, weil unter ihrer Obhut eine Domain betrieben wird, die ein deutsches Autokennzeichen im Namen trägt. Beispielsweise: www.immeressen-hh.de, wobei das hh für Hamburg steht. Und deshalb also der Brief. Klingt behämmert, ist aber so. Und weil mangelnde Herzensbildung in diesem Fall nicht nur brummt, sondern auch anderer Leute Geld kosten soll, lag dem Papier gleich die Schadensersatzforderung bei.

Als "spezifischer Inhalt" geschützt

Grund: Internetadressen inklusive Kennzeichen "für eine geographische Region" seien als "spezifischer Inhalt" geschützt - und der Patentinhaber sei zudem zufälligerweise Mandant des unterzeichnenden Anwalts: Michael Hermann, Geschäftsführer der Mowap GmbH. Beleg: eine europäische Patentschrift vom 11. Dezember 2002, die "Hermann, Michael" aus "88400 Biberach (DE)" als Patentinhaber ausweist. Im Visier der Abmahner: 6.000 Empfänger, in den meisten Fällen Kleinstunternehmer und Privatleute.

"Macht 1114,50 Euro"

Im Auftrag des Herrn schadensersatzfordert der forsche Advokat summa summarum 1.114,50 Euro. In Worten: Eintausendeinhundertvierzehn Euro. Auf den eigentlichen Schadensersatz entfallen 580 Euro, die übrigen 534,50 Euro sind diverse Gebühren, die Rechtsvertreter mit mangelnder Herzensbildung aus dem Hut zaubern können. Zum Schadensersatz hinzu kommt eine Unterlassungserklärung, die unterschrieben an den Absender zurück zu schicken sei. Was einige bemerkenswerte Zeitgenossen nicht taten, sondern stattdessen Rat und Unterstützung bei Experten suchten.

Und erfolgreich waren: So versuchte etwa Heise online, den Anwalt persönlich an die Strippe zu bekommen. Der aber, zitiert Heise die "Vorzimmerdame", sei "nicht mehr im Haus". Zugleich habe er das Mandat niedergelegt und ein Schreiben auf den Weg gebracht, in dem erklärt werde, dass alles nur ein Scherz aus mangelnder Herzensbildung gewesen sei. Sinngemäß jedenfalls quasi. So weit, so gut. Wenige Tage später sieht alles anders aus. Laut Heise will Mowap-Chef Hermann von Stopp nichts wissen. Die Devise heißt Go. Wer zum Stichtag 20. Oktober nicht bezahlt hat, soll zur Kasse gebeten werden. Bei Missachtung der geforderten Unterlassung verlangt des Hermanns Advokat obendrein 20.000 Euro.

Nicht zuletzt deshalb hat ein Karlsruher Anwalt Strafanzeige gegen die Absender gestellt. Und deutsche Patentanwälte raten: Nicht zahlen.

Thomas Hirschbiegel / DPA
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