HOME

Porno-Abmahnwelle: Redtube-Nutzer wurden offenbar reingelegt

Nun geraten die Ankläger selbst ins Visier: Gegen die Redtube-Abmahner prüft die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren. Vermutlich wurden fiese Tricks genutzt, um Daten der Opfer abzugreifen.

Von Timo Brücken

Youporn-Macher Fabian Thylmann gilt als der King of Porn

Youporn-Macher Fabian Thylmann gilt als der King of Porn

Vor zwei Wochen startete die Regensburger Anwaltskanzlei U+C eine Abmahnwelle gegen Zehntausende Internetnutzer. Sie sollen sich auf der Porno-Streamingseite Redtube Videos angesehen und damit die Urheberrechte der Schweizer Firma The Archive verletzt haben. Doch nun könnten die Abmahner selbst ins Visier geraten: Die Staatsanwaltschaft Köln prüft, ob im Fall Redtube ein Ermittlungsverfahren wegen falscher eidesstattlicher Versicherungen eingeleitet werden kann. Das bestätigte ein Sprecher am Dienstag gegenüber stern.de.

Es geht darum, ob das Kölner Landgericht darüber belogen wurde, woher die IP-Adressen stammten, mit denen die Abmahner die Abgemahnten identifiziert haben. Der Berliner Rechtsanwalt Johannes von Rüden schreibt dazu in einer Pressemitteilung: "Wenn die Staatsanwaltschaften nun auch ohne Anzeigen ermitteln, bedeutet dies, dass hier offenkundig der Verdacht von Straftaten im Raum steht." Denn in der Frage der IP-Beschaffung gibt es nach wie vor Ungereimtheiten.

Auf Umwegen zu Redtube

Im Netz haben Hunderte Betroffene und Experten in den vergangenen Tagen Hinweise zusammengetragen, dass es bei der Beschaffung der IP-Adressen nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Das IT-Portal "Heise Online" spricht von einer "Vorgehensweise, die in den strafrechtlich relevanten Bereich reicht" und vom "Verdacht auf Computerbetrug in gewerblichem Ausmaß". Die Website "chip.de" fragt: "Wurden die Opfer in die Falle gelockt?" Das ist tatsächlich möglich. Wir haben die wichtigsten Indizien aufgelistet:

  • Viele Betroffene haben sich ihren Browserverlauf noch einmal genauer angeschaut. Unmittelbar vor dem angeblichen Abruf der fraglichen Redtube-Videos wurden sie über drei andere Websites umgeleitet: "Trafficholder.com", "Movfile.net" und "Retdube.net".
  • Trafficholder ist ein sogenannter Traffic-Broker-Dienst, der gegen Geld Seitenaufrufe auf ein anderes Ziel als das gewünschte umleitet, normalerweise etwa um dem Nutzer Werbung zu zeigen.
  • Brisant: Movfile und Retdube wurden am 22. Juli 2013 registriert, nur zwei Tage bevor laut den Abmahnungen die erste Urheberrechtsverletzung passiert sein soll. Auf einer der Seiten wurden die IP-Adressen der Nutzer erfasst, vermutet zum Beispiel "chip.de".
  • Erst nach diesem Umweg wurden die User auf genau die Redtube-Unterseite weitergeleitet, auf der das fragliche Video steht.
  • Ein Heise-Online-Leser hat sich die Zugriffszahlen von zwei der abgemahnten Videos genauer angesehen: Bei beiden Filmchen stiegen die Abrufe ab Ende Juli 2013 rasant an. Der Sexfilm "Dream Trip" beispielsweise dümpelte monatelang mit 500 Abrufen pro Monat herum, dann stiegen die Abrufzahlen in wenigen Wochen sprunghaft auf 8000 Klicks pro Monat an. Bei einem anderen Clip verdoppelten sich die Abrufzahlen in nur wenigen Tagen von 7000 auf 13.000 Klicks. Mit einem normalen Wachstum der Gesamtnutzerzahl von Redtube sei das jedenfalls nicht zu erklären, schreibt der Leser. Außerdem wurden die Verwertungsrechte an beiden Videos am 18. Juli 2013 an die The Archive verkauft, kurz bevor die Abmahnungen begannen.

Urheberrechtsverletzungen selbst generiert?

Zusammengenommen könnte all das bedeuten: User wurden ohne ihr Wissen auf Zwischenseiten geleitet, die ihre IP-Adressen sammelten, nur um dann auf dem Redtube-Stream eines urheberrechtlich geschützten Videos zu landen. Der IT-Blogger Klemens Kowalski hält diese Theorie für plausibel. Und "Heise Online" resümiert, damit hätten die Rechteinhaber "die behaupteten Urheberrechtsverletzungen ohne aktives Mitwirken der Abgemahnten selbst generiert". Sollte dem so sein, haben die Kölner Staatsanwälte Grund genug zu ermitteln.