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Kolumne: Neulich im Netz: Markenstudie: Hauptsache Hirn

Reader's Digest kennt Kolumnist Augustin vom Couch-Beistell-Tisch seiner Eltern. Dort lag "Das Beste" Monat für Monat. Die haben nun eine Studie gemacht. Zu Traditionsmarken.

Reader's Digest kenne ich vom Couch-Beistell-Tisch meiner Eltern. Dort lag "Das Beste" Monat für Monat, und als Pimpf blätterte ich das gute Werk durch auf der Suche nach der Witzseite, mit Erotik hatten die braven Kollegen ja nichts, aber auch gar nichts am Hut. Wie steht es so schön auf der Homepage: "Hauptsache Hirn". Außerdem haben sie eine Studie gemacht. Zu Traditionsmarken.

Die Reader's-Digest-Homepage erlaubt nach Jahren der Abstinenz den Blick, ob das Ich-pass-prima-in-jede-Tasche-Heft sich in den vergangenen Dekaden weiterentwickelt hat. Nein. "Wenn die Liebe Leben rettet", "Richard Gere: Vom Gigolo zum Gentleman", "Graz - Europas Hauptstadt der Kultur". Und nochmals nein. Dafür hilft die Startseite wirklich weiter: Neben der selbstironischen Hirnerei lacht uns "Angelika Online" entgegen, offenbar eine Mischung aus Briefkastentante und CDU-Chefin. Das luchsige Lachen der Möchten-Sie-vielleicht-mal-unseren-neuen-Joghurt-probieren-Dame lässt die Zielgruppe erahnen.

In Brands We Trust

Zurück zur Studie, die findet sich selbstredend nicht auf der Startseite, sondern erst in tiefen Tiefen. Und selbstredend beim einschlägigen Branchendienst "Werben und Verkaufen". "European Trusted Brands 2003" heißt das Werk und fördert Erstaunliches zu Tage: Haribo lutschen wir am liebsten, und Mercedes vertrauen wir und der Allianz und der TUI und Hugo Boss, und wenn’s zu sehr wehtut, vertrauen wir eben Aspirin, auf den Kopf kommt Schwarzkopf, in die Tonne Persil, in die Röhre Dr. Oetker. Wer hätte das gedacht.

Misstrauen im Internet

Und das Internet? Welchen Internet-Firmen vertrauen die repräsentativen Deutschen am meisten: AOL (43 Prozent) und dann lange nichts. Dann T-Online (18) und Freenet (11), bereits unter 10 Prozent Ebay, die Deutsche Telekom und Web.de, dazu Yahoo, Amazon, Arcor und Google. Erst mal durchatmen.

Einfach mal umdrehen

Nun könnte man einwenden: Schön, das überhaupt irgendwer irgendwem vertraut. Im ersten Semester des Publizistikstudiums hieß es: "Da haben wir ein Phänomen gefunden, das wir uns nicht erklären konnten, da haben wir es weggelassen." Weil Journalisten also offenbar akribischer arbeiten als Meinungsforscher, gehen wir der Sache doch mal auf den Grund und drehen den See: 57 Prozent der deutschen Verbraucher misstrauen AOL, 82 Prozent misstrauen gar T-Online, dem Platzhirsch in deutschen Landen. 89 Prozent sind bei Freenet vorsichtig, Ebay, Telekom und all die anderen erreichen geradezu kommunistische Traumergebnisse. 99 Prozent mistrauen Google, der mit Abstand erfolgreichsten Suchhilfe in diesem Web. Wie viel Prozent Meinungsforschern misstrauen, hat keiner gefragt.

Guido Augustin
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