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Microsoft-Suchmaschine Bing: Auf der Suche nach der Geldmaschine

Mit seinem neuen Google-Rivalen Bing hofft Microsoft, dass es endlich in der Kasse klingelt. Experten loben die neue Suchmaschine als vorbildlich. Aber bringt sie genug Neues für User?

Von Karsten Lemm, San Francisco

Befragt man Microsofts Suchmaschine "Live.com" nach ihrem eigenen Erfolg, liefert sie vorwiegend düstere Antworten. "Google gewinnt, Yahoo! und Microsoft verlieren", lautet nur einer von vielen Treffern, die alle denselben Tenor haben: Die Live.com-Suche ist ein Flop. Trotz Investitionen von vielen Millionen kommt Microsoft mit seinem Google-Rivalen nicht vom Fleck. In den USA laufen gerade mal 8,2 Prozent aller Suchanfragen über Live.com, berichtet der Marktforscher Comscore, während sich der Platzhirsch Google in einem Marktanteil von fast 65 Prozent (in Deutschland sogar 80 Prozent) sonnt. Nicht mal ein "Cashback"-Programm, bei dem Microsoft seine Nutzer mit indirekter Bezahlung lockt, konnte daran etwas ändern.

Deshalb wird aus Live.com nun "Bing". Neuer Anlauf, neues Glück: "Wir wollen uns verbessern", verkündet Microsoft-Chef Steve Ballmer bei der Präsentation der neuen Suchmaschine auf der "All Things Digital"-Konferenz in San Diego - und manchmal ergehe es seinem Unternehmen wie dem Filmhelden Rocky, erklärt Ballmer: "Man braucht Ausdauer. Es klappt nicht immer sofort." Aber aufgeben komme nicht in Frage, schließlich gehe es um ein gigantisches Geschäft: Weltweit werden in diesem Jahr 54 Milliarden Dollar (fast 40 Milliarden Euro) an Internetwerbung zu verdienen sein, schätzt die Agentur ZenithOptimedia, ein Großteil davon in Form von Textanzeigen bei Suchmaschinen.

Der Name "funktioniert überall auf der Welt"

Den Namen Bing, der sich im Internet bereits reichlich Spott einhandelt, verteidigt Ballmer als pragmatisch, praktisch, gut: "Er ist kurz, man kann ihn leicht aussprechen, und er funktioniert überall auf der Welt." Freigeschaltet wird der Live-Nachfolger am 3. Juni. Gleich mehrere Neuerungen sollen Bing dann zur ersten Wahl bei der Internetsuche machen: Statt Ergebnisse wie gewohnt einfach nur aufzulisten, Seite für Seite in Form von Querverweisen auf andere Quellen im Netz, will Microsoft die Treffer übersichtlicher sortieren und Antworten verstärkt gleich selbst liefern. Wer etwa wissen will, ob sein Flug pünktlich ist, bekommt den aktuellen Stand der Dinge direkt bei Bing zu sehen, ohne sich zur Webseite der Fluglinie weiterklicken zu müssen. Ähnlich soll Bing bei der Suche nach Produkten sofort Bilder, Besprechungen und andere weiterführende Informationen mitliefern. Deshalb möchte Microsoft sein neues Angebot gar nicht mehr als Suchmaschine verstanden wissen, sondern als "Entscheidungsmaschine". (Mehr Details zu den neuen Funktionen von Bing in der Fotostrecke "So sieht Microsofts Suchmaschine aus".)

Marktbeobachter geben Microsoft gute Noten: "Bing ist eine enorme Verbesserung gegenüber der Live.com-Suche", lobt Greg Sterling, ein unabhängiger Internet-Analyst. "In mancher Hinsicht ist Bing sogar nutzerfreundlicher als Google." Auch Shar VanBoskirk, Suchmaschinen-Expertin bei Forrester Research, zeigt sich angetan; sie sieht in Microsofts Neuling einen Wegbereiter für die ganze Branche: "Die Art und Weise, wie Informationen dargeboten werden, wird sich dank Bing bei allen Suchmaschinen ändern", glaubt sie. Das Vorsortieren und Gewichten von Ergebnissen sei vorbildlich. "Andere werden dem folgen."

Unter der Haube verknüpft Bing das traditionelle Suchprinzip, das aus der mathematischen Auswertung von Links besteht, mit Elementen der semantischen Suche. Dabei berücksichtigt die Suchmaschine, in welchem inhaltlichen Zusammenhang einzelne Begriffe stehen, um besser entscheiden zu können, wann es um Paris Hilton geht statt um die Hotelkette oder um das Auto und nicht die Raubkatze, wenn jemand "Jaguar" ins Suchfeld eintippt. Ein Vorreiter dieser Methode, das Netz zu durchforsten, war die Firma Powerset, die Microsoft sich im vergangenen Sommer einverleibt hat. Auch Wolfram Alpha, eine kürzlich gestartete Suchmaschine aus England, die auf mathematische Fragen spezialisiert ist, versucht sich als automatischer Antwortengeber dank unkonventioneller Lösungsansätze.

Google verspürt kaum Druck

Doch manche sind skeptisch, dass die Welt auf radikal andere Suchmaschinen wirklich gewartet hat. "Die meisten Leute sind mit Google sehr zufrieden", urteilt Paul Kedrosky, ein langjähriger Silicon-Valley-Beobachter und Senior Fellow bei der Kauffman Foundation in San Diego. Semantische Suche verspreche in bestimmten Fällen sicher bessere Ergebnisse, habe aber für die meisten Nutzer nur geringe Bedeutung: "Es ist etwas sehr Spezielles, das manche Leute manchmal benötigen", argumentiert Kedrosky. Deshalb habe Google bisher auch "nicht viel Druck gespürt", sich grundlegend zu wandeln.

"Viele Leute haben sich einfach an Google gewöhnt", stimmt Shar VanBoskirk zu, "und Google macht an sich nichts falsch." Also muss Microsoft die Macht der Gewohnheit überwinden und viele zunächst einmal dazu bewegen, Bing auszuprobieren. Dazu plant der Software-Riese eine gewaltige Werbekampagne: Mehr als 100 Millionen Dollar (mehr als 70 Millionen Euro) will Microsoft ausgeben, um die Welt auf Bing aufmerksam zu machen. Doch selbst wenn die Kampagne Erfolg hat, dürfte sich nur sehr langsam etwas ändern. "Bing bietet genug Neues, um Nutzer anzuziehen", sagt VanBoskirk. Aber das dürfte vorwiegend zu Lasten von anderen Suchmaschinen aus der zweiten Reihe gehen, spekuliert die Forrester-Analystin, und ihre Kollege Greg Sterling stimmt zu: "Gut möglich, dass AOL, Ask und sogar Yahoo Nutzer verlieren", sagt er. "Aber Google wird noch lange die Nummer eins bleiben."

Selbst Microsoft-Chef Ballmer, sonst nicht unbedingt bekannt für seine Zurückhaltung, übt sich zum Start seines neuen Internet-Angebots in Bescheidenheit: "Wenn man es mit jemandem zu tun hat, der so dominant ist wie Google, kann man nicht erwarten, dass sich über Nacht alles ändert", erklärte er gegenüber dem Magazin "Business Week". Bing sei nur der erste Schritt auf einem langen Weg mit dem Ziel, Google Marktanteile abzujagen. Und selbst da gibt Ballmer sich vorsichtig: "Ich denke, wir haben ein gutes Produkt und werden Fortschritte machen. Aber unseren Marktanteil in einem Jahr zu verdoppeln? Das wird uns kaum gelingen."

Google hält nicht still

Zumal der Rivale aus dem Silicon Valley alles andere als stillsteht: Seit kurzem gibt Google allen Nutzern, die auf Englisch suchen, die Möglichkeit, Trefferlisten nach Kriterien wie Datum und Bildern neu zu sortieren oder eine andere Darstellung zu wählen - etwa als Zeitleiste oder als "Wunderrad"-Grafik, die den Zusammenhang zu anderen, verwandten Suchbegriffen deutlich macht. Und genau in dem Moment, als Steve Ballmer bei der "All Things Digital"-Konferenz auf der Bühne saß, präsentierte Google in San Francisco einen neuen Dienst namens "Wave", der - ganz seinem Namen entsprechend - sofort Wellen schlug: Das Projekt, derzeit noch im Experimentierstadium, vereint Funktionen von E-Mail, Chat und sozialen Netzwerken. Erste Bilder zeigen eine Internet-Software, die aussieht, als hätte Microsoft Outlook sich mit Facebook vermählt.

"Ich kann es gar nicht abwarten, von E-Mail und Instant Messaging zu Wave zu wechseln!", jubelt der Internet-Unternehmer Tim O'Reilly, bekannt als Vater des Begriffs "Web 2.0". Keine Frage, auch da hat es "bing!" gemacht.