Neulich im Netz Respekt: Der Osten boomt

Die IT-Fachmesse Systems hat es geschafft, Luftballonsammler und marodierende Kinderhorden außen vor zu lassen. Nach dem gescheiterten Versuch, immer größer, bunter und lauter zu werden, setzten die Münchner konsequent auf Geschäftskunden, die Geschäfte mit den Ausstellern machen wollen - in Stoibers Gottesstaat offenbar eine lohnende Alternative.

Nun ist sie rum, die Systems, und alle sind glücklich. Nun hat es ja gerade bei IT-Messen Tradition, hinterher glücklich zu sein, doch in Zeiten, die sich nur noch mit wachsender Mühe schönreden lassen, scheint es der Regionalschau tatsächlich gelungen zu sein, den eigenen Vorrednern zu folgen. Und wenn der Glaube selbst im gottesfürchtigen Bayern schon keine Berge versetzt, so fördert er wenigstens die Standfestigkeit. Und so konnte die Systems ihre Ausstellerzahl vom Vorjahr beinahe halten, die Besucherzahlen gingen um einen einstelligen Prozentsatz zurück. Die Branche ist bescheiden geworden und wenn man bedenkt, dass Konkurrenzveranstaltungen wie die Comdex und die Cebit USA schlicht abgesagt wurden, kann sich die Systems fast auf die Schulter klopfen.

Andererseits zeigen die Münchner Macher selten gewordene Verwegenheit, indem sie als Erfolgskriterium das Volumen neuer Abschlüsse heranziehen. Wenn das nur nicht um sich greift und Geschäftszahlen auch andernorts den Vorrang vor pompösem Marketingdonner bekommen. Nicht auszudenken, auf was wir da alles verzichten müssten. Worüber sollten wir da noch Kolumnen schreiben?

In München freut man sich zudem über die hohe Zahl von Ausstellern aus "Mittel- und Osteuropa", was nebenbei die interessante Frage nach der geopolitischen Einordnung Deutschlands aufwirft. Der Osten boomt wohl – nicht der deutsche wohlgemerkt, sondern der neu-europäisch-unionierte. Dass die Branche sich damit gleichzeitig die Arbeitsplätze abgräbt, weil viele der Softwarehäuser auf Off-Shoring setzen, ist volkswirtschaftliche Ironie und den Systems-Machern nicht anzulasten.

Anlass zum Nachdenken gibt allerdings die These von Messe-Chef Dittrich, zehn Prozent der Besucher kämen aus der Region 200 Kilometer rund um München. Dies könnte ein weiteres Indiz für den Niedergang der Cebit sein, denn in Hannover wäre so etwas undenkbar – es sei denn, eine Sonderschau würde sich drahtlosen Melkanlagen und Bluetooth-Mistgabeln widmen – was ebenso undenkbar scheint. Zumindest in der niedersächsischen Einöde.

<a class="link--external" href="mailto:stern@ha-net.de">Guido Augustin</a>

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