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Paid-Content im Internet: Web-Visionäre befürchten Inselbildung

Die Vordenker der Internet-Kultur sehen Befürchtungen bestätigt: Pläne von News Corp. und Microsoft, Inhalte für einzelne Webangebote zu reservieren, fördern die gefährliche Inselbildung im einst so freien Netz.

Von Helene Laube, San Francisco

Tim O'Reilly ahnt Schlimmes. "Es drohen üble Zeiten", prophezeit der Internetvisionär aus Kalifornien. "Wir sind auf dem Weg in einen Krieg um die Kontrolle des Webs", warnt der Gründer des renommierten Computerbuchverlags O'Reilly Media. Seine Befürchtung: Die mächtigen Konzerne wie Facebook, Apple, Google, Amazon oder News Corp. sind dabei, eingezäunte und streng bewachte Inseln rund um ihre Produkte zu schaffen. Viele Internetsurfer blieben dann außen vor - und damit auch die Freiheit, die das Netz so geprägt hat.

Nur fünf Tage, nachdem O'Reilly gewarnt hatte, sah er sich sogleich bestätigt. Microsoft und Rupert Murdochs Medienunternehmen News Corp. ließen durchsickern, dass sie einen gemeinsamen Pakt planen. Murdoch will sich von dem Softwarekonzern dafür bezahlen lassen, seine Inhalte für die Internetsuchmaschine Google zu sperren. Inhalte von News Corp., zu dem das "Wall Street Journal" und viele andere Blätter gehören, sollen stattdessen exklusiv bei Microsofts Suchmaschine Bing laufen. Auch andere US-Verlage sollen ähnliche Gespräche mit dem Softwarekonzern führen.

Für O'Reilly, der einst als Entwickler freier Software reüssierte, und viele andere Verfechter des offenen Netzes ist dies ein weiterer Grund, sich um die Zukunft des Internets zu sorgen. Schließlich begann das Web einst als offenes Gefüge, ohne Zäune und Zugangssperren.

Informationen und Softwarewerkzeuge wurden über geografische, soziale und politische Grenzen hinweg frei getauscht. Ein System, in dem alle mehr oder weniger gleich sind - Privatpersonen, Organisationen und Unternehmen. Vor allem dies, so der 55-jährige O'Reilly, habe den weltumspannenden Erfolg des Internets erst möglich gemacht.

Das Web teilt sich in Lager auf

Nun aber sei das Web dabei, sich in eine Ansammlung geschlossener, von finanzkräftigen Konzernen kontrollierter Lager aufzuteilen. O'Reilly, der regelmäßig zu viel beachteten Konferenzen über Open-Source-Software einlädt, nennt ein Beispiel: So überprüfe Apple streng jeden externen Entwickler, der Softwareanwendungen, sogenannte Apps, für das iPhone anbieten wolle.

Auch Google kommt nicht gut weg bei O'Reilly: Der Suchmaschinenkonzern wolle zwar demnächst seine Onlinenavigationslösung kostenlos anbieten - aber eben nur für Handys mit Googles Android-Betriebssystem.

Dabei kritisieren der gebürtige Ire und viele andere Verfechter des offenen Webs nicht grundsätzlich die Absicht etwa von Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern, ihre Inhalte kostenpflichtig im Netz anbieten zu wollen. Dass aber Artikel und andere Medieninhalte künftig nur noch exklusiv bei einer Suchmaschine wie etwa Bing zu finden sein sollen, das ist ihnen nicht geheuer.

"Wer eine exklusive Partnerschaft eingeht, schafft zudem Misstrauen unter den Nutzern", sagt Craig Newmark, Gründer des weitgehend kostenlosen Kleinanzeigenportals Craigslist. Eine Folge sei, dass die Internetsurfer "solche Websites großräumig umfahren".

Danny Sullivan, Chef der Suchexpertenwebsite Search Engine Land, nennt drei Buchstaben als Warnung für angehenden Netmonopolisten: AOL. Das Unternehmen glaubte einst, ein riesiges Geschäft mit Abonnenten aufbauen zu können - abgeschottet vom Rest des Webs. Heute taumelt die Internettochter von Time Warner , die Nutzer flüchten. "Ummauerte Inseln funktionieren nicht. Wer eine offene Strategie verfolgt, ist auf Dauer erfolgreicher", ist sich Sullivan sicher.