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Salam Pax: "Wir müssen Hoffnung haben"

Während des Irak-Kriegs lebte er in Bagdad und erzählte der Welt von seinem Alltag - in einem Online-Tagebuch. Mit dem stern sprach Salam Pax exklusiv über die Kraft des Internets und die Zukunft seines Landes.

Während des Irak-Kriegs lebte er in Bagdad und erzählte der Welt von seinem Alltag - in einem Online-Tagebuch. Nun erscheinen die Aufzeichnungen des SALAM PAX als Buch. Mit dem stern sprach er exklusiv über die Kraft des Internets und die Zukunft seines Landes.

Herr Pax, Sie haben in bewegten Zeiten im Internet Tagebuch geführt. Wie ist es, das alles plötzlich in einem Buch zu lesen?

Surreal und etwas beängstigend. Eigentlich war das Ganze sehr privat, im Netz - und jetzt liegt es gedruckt vor mir. Wenn ich es lese, ist es immer noch persönlich. Aber ich war mir nicht bewusst, wie sich mein Ton ändert: Es beginnt alles spaßig, dann wird es sehr ernst.

In dieser Zeit sind Sie ein neuer Star des Internets geworden. Wann haben Sie gemerkt, dass so viele aus dem Westen Ihr Online-Tagebuch aus Bagdad lesen?

Das Tagebuch gab es schon vor dem Krieg. Damals lasen es Freunde aus dem Internet, die dort ebenfalls ihren Alltag schilderten - der einzige Unterschied war, dass ich in Badgad saß und sie zum Beispiel in New York. Plötzlich sah ich, dass immer mehr Fremde lasen, was ich schrieb. Amerikanische Zeitungen und Websites berichteten über mich. Dann schwappte es nach Europa, und ich dachte: O mein Gott, es wird größer. Und bekam Angst.

Warum? Und vor allem: vor wem?

Vor vielem - vor allem vor Journalisten. Für die war es damals sehr schwer, mit "normalen Irakern" zu reden. Überall gab es Sicherheitsbeamte und Geheimpolizei. Ich wollte nicht, dass westliche Medien mich als "die Stimme Iraks" benutzen. Ich bin nicht der Sprecher der Iraker. Ich bin einer, aber da sind noch 25 Millionen andere. Was im Netz steht, war und ist meine persönliche Meinung, ich schreibe über mein Leben. Außerdem hätte das Interesse mir auch gefährlich werden können.

Warum hat das Regime Sie nicht gestoppt?

Das hat sich wohl auf arabische Medien konzentriert. Außerdem war das Internet im Irak noch sehr neu, Hausanschlüsse hatten wir erst seit zwei Jahren. Natürlich hat die Regierung viele Sites im Netz für uns gesperrt. Im Internet aber gibt es immer einen Weg zu finden, was man will - die Zensoren haben ihr Spiel gespielt, wir unseres. Sie haben eine Site geschlossen, wir haben einen Weg durch ihre Mauer gefunden. Da ist immer ein Loch. Immer.

Denken Sie, dass eine Diktatur überleben kann, wenn sie das Internet frei zulässt?

Niemals. Schauen Sie sich den Iran an. Es ist so wundervoll, was dort passiert. Ich bin sicher, dass die erste Demokratie in unserer Region der Iran sein wird, nicht der Irak. Die Aufstände, die es dort gab - kein Journalist, kein Fotograf durfte davon berichten. Aber das Internet ist viel freier im Iran, viele Studenten haben im Netz über die Aufstände geschrieben und eigene Fotos davon gezeigt. Und das ist es! Wenn Sie das Netz zulassen, können Sie Informationen nicht mehr kontrollieren und die Wahrheit nicht mehr verstecken. Jeder Diktator kann seine Grenzen vergessen, wenn nur einer aus dem Volk vollen Zugang hat und das Internet zu nutzen weiß.

Sie haben niemals Partei ergriffen während der ganzen Zeit. War da niemand, mit dem Sie sich hätten identifizieren können?

Mit wem hätte ich mich identifizieren sollen? Mit Hussein? Mit den USA? Nein. Ich habe versucht, in meinem Tagebuch möglichst viel zu erklären, Traditionen, unsere Kultur. Warum etwas bei uns ist, wie es ist. Die Leute denken die seltsamsten Dinge über Iraker.

Viele waren verwundert, dass in Bagdad jemand sitzt, der Björk mag und auf das neue Massive-Attack-Album wartet.

Das stimmt. Weil wir eine Mauer um uns herum hatten in den letzten zwölf Jahren, wissen wir nichts über euch - aber ihr auch nichts über uns. Wir sind sehr weit zurück und müssen nun diese Mauer überwinden. Ich war in einer privilegierten Position, ich stand in der Mitte und habe versucht zu zeigen: Das ist mein Land, das sind die Dinge, die hier passieren. Ich freue mich über jede E-Mail, in der jemand sagt: "Das wusste ich nicht über den Irak. Über die Iraker. Danke."

Und Sie bekommen viele Mails dieser Art?

Nein. Die meisten sehen nicht einmal, dass ich mich angestrengt habe, eure Kultur zu verstehen. Ich versuche, mit euch zu reden, versucht das doch auch! Die westliche Kultur nimmt viel für selbstverständlich und blickt auf andere herab. Sie will, dass andere zu ihr hochklettern. Aber hier bin ich - ich bin einen Schritt näher gekommen! Viele Westler jedoch bewegen sich keinen Millimeter. Und das regt mich auf.

Sie sind während der Bombardements in Bagdad geblieben und haben weiter an Ihrem Tagebuch geschrieben. Wie haben Sie den Krieg erlebt?

Ich hätte nie gedacht, wie.. o Gott, ich konnte nicht glauben, wie viel Angst ich hatte. Ich wollte ganz nüchtern bleiben, mir sagen: "Salam, der Palast ist viele Kilometer weit weg, sie werden dich nicht treffen", aber du hörst die Bomben und kannst die Angst nicht bändigen. Es geht einfach nicht. Und dann sitzt du vor dem Fernseher und siehst, wie Gebäude brennen. Das tut so verdammt weh.

Seltsam aber, dass wir beide also zur selben Zeit vor dem Fernseher sitzen und dieselben Bilder im selben Sender sehen.

Das ist seltsam, ja. Aber wir sehen sie verschieden. Sie sehen irgendein Haus explodieren, und ich sehe meine Stadt in Flammen aufgehen. Ich konnte nicht mehr schlafen, ich habe im Fernsehen dieselben Bilder wieder und wieder angeschaut. Und am nächsten Tag bin ich in mein Auto gestiegen und habe in der Stadt nachgeschaut, ob das auch wirklich passiert ist.

Haben Sie in dieser Zeit niemals daran gedacht, Bagdad zu verlassen?

Dort zu bleiben war eine bewusste Entscheidung, die ich vor dem Krieg getroffen habe. Ich wollte ein Teil dessen sein, was passiert. Ich wollte meine persönlichen Erfahrungen dokumentieren. Denn irgendwann wird das alles ein Bild ergeben. Eines Tages, wenn es uns allen besser geht, werden wir zurückblicken wollen, und wir werden Stimmen aus dem ganzen Land hören, die erzählen, was sie während des Kriegs erlebt haben. Viele sehr kleine Schnappschüsse aus der Periode, die den Irak verändert hat. Mein Tagebuch wird dann vielleicht ein Teil davon sein.

Werden Sie jetzt bleiben?

Natürlich werde ich bleiben. Wir haben doch noch gar nicht angefangen, es gibt den neuen Irak noch nicht. Ich fürchte oft, dass alles schief geht. Aber das Einzige, was ich machen kann, ist: ein optimistisches Gesicht aufsetzen und das, was geschieht, als schmerzhafte Geburt eines wundervollen neuen Landes zu sehen. Ich sage mir immer: "Lass dich nicht von der Gegenwart gefangen nehmen." Wichtig ist: Saddam ist weg! Das ist wundervoll, ich kenne keine Zeit ohne ihn. Wir müssen Hoffnung und Geduld haben. Dann kann etwas entstehen, auf das wir alle stolz sein können. Dies ist nur eine schwere Phase: für die fremden Truppen, für die Iraker - für alle.

Und das Netz? Ihr Tagebuch? Spielt das noch eine Rolle?

Natürlich! Die Zeitungen und das Fernsehen sind des Themas Irak doch jetzt schon müde. Und wenn Themen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind, gibt es sie nicht mehr. Schauen Sie auf Afghanistan! Ich selbst versuche mit allen Mitteln, keine Nachrichten von dort zu hören - weil ich große Angst habe, dass wir so enden. Denn wenn sich niemand mehr um uns kümmert und niemand mehr hinschaut, werden wir im Chaos versinken.

Nun klingen Sie aber wie die Stimme Iraks.

Ich will nur zeigen, dass es dort Menschen gibt, die besonnen sind. Was Sie aus dem Irak hören, sind meist die lauten Stimmen - und das ist nicht immer die Mehrheit.

Wir sitzen hier in London zusammen, und eigentlich wissen wir nur wenig über Sie. Warum wollen Sie nicht, dass man Sie auf Fotos erkennt? Warum so geheimnisvoll?

Ich muss im Irak immer noch vorsichtig sein, wo ich hingehe und mit wem ich spreche. Ich schreibe im Netz immer noch meine Meinung, die vielen so nicht passt. Ich fühle mich ohne Bilder sicherer. Denn ich will zurück in mein Land, wenn der Zirkus um das Buch vorbei ist.

Interview: Sven Stillich / print
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