StudiVZ Die Studenten-Verbindung


Online-Gemeinschaften sind der Internet-Erfolg des vergangenen Jahres. Die wichtigste in Deutschland ist StudiVZ. Marktforscher bescheinigen dem Angebot 2007 eine Reichweitensteigerung von mehr als 330 Prozent. Denn es gilt: Wer heutzutage studiert, muss dabei sein.
Von Mascha Jacoby und Dirk Liedtke

"Am Anfang unserer Beziehung haben wir uns ständig Geschichten darüber ausgedacht, wie wir uns kennengelernt haben", sagt Andreas Philipp Schöller, 24. "Oft haben wir erzählt, wir seien uns auf dem Flughafen begegnet", strahlt seine Freundin Farina Renken, 24. Länger als ein Jahr sind die Studenten nun ein Paar, und mittlerweile ist es ihnen nicht mehr peinlich zu erzählen, wo sie sich wirklich getroffen haben: bei "StudiVZ", dem Online-Club für Studenten in Deutschland. Die neudeutsch "Community" genannte Internetgemeinschaft ist erst zwei Jahre alt, doch sie wächst gewaltig: Im Januar 2007 hatte sie eine Million Nutzer, jetzt sind es viermal so viele. Jeden Tag kommen 30.000 hinzu. Einer Analyse des Markforschungsunternehmens Nielsen Online zufolge ist StudiVZ die wachstumsstärkste Internetmarke 2007 mit einer Reichweitensteigerung von über 330 Prozent. Ein Studentenleben ohne den Online-Club ist praktisch nicht mehr denkbar - wer an einer Uni ist und nicht bei StudiVZ, der kriegt nicht mehr mit, wer mit wem, wo und warum. Und die Zahlen beweisen, dass sich auch junge Leute außerhalb der Hochschulen massenhaft unter die Studierenden mischen: Im deutschsprachigen Raum gibt es nur etwa 2,6 Millionen Studenten, aber deutlich mehr als vier Millionen Mitglieder.

StudiVZ - die Abkürzung des ursprünglichen Namens "Studentenverzeichnis" - ist der wohl größte Internet-Erfolg des Jahres 2007 in Deutschland, und er steht für den Erfolg von virtuellen Interessengemeinschaften insgesamt. Das Netz ist zum Treffpunkt für Gleichgesinnte aller Art geworden: Längst gibt es auch den Ableger "SchülerVZ", den Business-Club "Xing", die Freundeplattform "Jappy", das „Platinnetz“ für Menschen über Fünfzig und 100 weitere soziale Netzwerke. Der Trend ist so stark, dass 2008 auch das Vorbild von StudiVZ, die amerikanische Website "Facebook", einen deutschen Ableger startet. Das Besondere an StudiVZ: Die Nutzer treten mit ihrer wahren Identität auf. Sie registrieren sich mit vollem Namen, dem ihrer Hochschule und vielen persönlichen Informationen. Während in den meisten Foren und Chats im Internet unter dem Schutz von Spitznamen anonym kommuniziert wird, stehen die StudiVZler zu ihrem Namen. Nur so wird es möglich, Freundschaften zu pflegen.

Vergeben oder nicht?

Jedes Mitglied hat eine Profilseite mit Namen, Foto, einer Liste von Freunden und einer Pinnwand, auf der andere Mitglieder Botschaften hinterlassen können. Wer mag, kann seinen Geburtstag, den Musikgeschmack, ein Lieblingszitat, Lehrveranstaltungen, den aktuellen Job und andere Informationen eintragen. Darunter eine der wichtigsten: ob er vergeben ist. Der 22-jährigen Orsolya Czunyi erzählte vor gut einem Jahr eine Mitstudentin begeistert von dem Portal. Am nächsten Tag meldete sich die Nürnberger Pädagogikstudentin an und tippte Namen von Kommilitonen und alten Freunden in die Suchmaske ein. Sie fand die Hälfte ihrer Bekannten, hinterließ Grüße, verschickte und erhielt "Freundschafts-Einladungen". Wer die bestätigt, taucht in der Freundesliste des anderen auf. Inzwischen hält Orsolya fast nur noch über StudiVZ Kontakt. Von den meisten Bekannten hat sie weder Telefonnummer noch Mailadresse. Wenn sie in ihre Heimatstadt Augsburg fährt, kündigt sie den Besuch online an, vereinbart dann Treffen und erhält Partyeinladungen. StudiVZ-Gründer Dennis Bemmann, 29, sagt, dass dieses Verhalten genau das Erfolgsgeheimnis der Internetplattform ist: "Die Leute haben einfach das Bedürfnis, ständig mit ihren Freunden in Kontakt treten zu können."

Mittlerweile hat Orsolya eine "kleine Sucht" bei sich ausgemacht. Wenn sie nach Hause kommt, macht sie gleich den PC an, schaut, wer gerade online ist, sichtet neue Bilder und Einträge, unterhält sich mit Freunden, manchmal auch mit Fremden - eine abendfüllende Beschäftigung. "StudiVZ hat für mich Fernseher und Radio komplett abgelöst." Freunde und Bekannte zu finden mag nett sein, aber vielen geht es um mehr: StudiVZ ist ein "Das Nutzerspektrum von StudiVZ ist extrem groß", sagt der Erfurter Kommunikationswissenschaftler Joachim Höflich, "während einige die Site sehr dezent nutzen, entblößen sich andere fast vollständig." Über eine Million Fotos laden die Mitglieder pro Tag hoch - oft wilde Partyschnappschüsse oder freizügige Urlaubsfotos. Verräterisch sind auch die Gruppen, in denen man Mitglied ist. Das sind Interessengemeinschaften innerhalb von StudiVZ, die von den Mitgliedern erfundene Namen tragen. Die sollen vor allem cool sein - und sind deshalb oft seltsam: Eine Gruppe namens "Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird" hat 66.484 Mitglieder. Rainer Welke gehört dazu, bei "Ich kann auch ohne Spaß Alkohol trinken!" und "Brüste sind wie Fernseher, größer geht immer!" ist er ebenso dabei.

Vorsicht ist angebracht

Letztere hat sein Freund Stefan gegründet, dessen Gruppen-Liste ähnlich spätpubertär klingt. Unter anderem darauf verzeichnet: "Du siehst so aus, als könnte ich einen Drink vertragen" und "Zieh dich bitte aus, wenn ich mit dir rede". Bei den Berliner Freundinnen könnte er mit solchen Scherzen nicht landen: "Männer können durch ihr Profil viel versauen; hat einer die falschen Gruppen oder die falsche Einstellung, dann sieht es schlecht aus", sagt Caroline Waage. Ob es nun überdrehte Gruppennamen sind oder Fotos in Unterwäsche und mit Joint im StudiVZ-Fotoalbum - die Medienpsychologin Nicola Doering von der Technischen Universität Ilmenau warnt vor Problemen mit der unbedachten Selbstdarstellung: "Manchen Nutzern ist anfangs nicht klar, dass nicht nur Freunde mitlesen, sondern vielleicht auch Eltern, Professoren, Polizei und potenzielle Arbeitgeber. Mit besonders heiklen Aussagen oder Bildern sollte man deshalb vorsichtig sein." Allerdings kann man das eigene Profil nur für Mitglieder auf der Freundesliste zugänglich machen. "Wenn ich mich irgendwo bewerben sollte, werde ich meine Seite sofort einschränken", sagt Orsolya.

Aber die Generation StudiVZ ist nicht nonstop in Partylaune. Eine der erfolgreichsten Gruppen ist mit 141.310 Mitgliedern eine ganz ernst gemeinte mit dem Namen "Warum ist am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig?" Gegründet hat sie der 24-jährige Journalismusstudent Sven Böckler aus Bonn. Hier geben sich Studenten Tipps zu Bafög-Anträgen, Krankenversicherungen und zum Geldsparen. Unverständlich findet Böckler es allerdings, wenn Gruppenmitglieder ihre Kontodaten offenbaren. Genauso wenig geheuer ist ihm die Verwendung seiner persönlichen Daten für maßgeschneiderte Werbung. Doch genau das erwartet die StudiVZ-Mitglieder im neuen Jahr: Anzeigen, die auf der Grundlage ihrer Angaben im Netz speziell auf sie zugeschnitten sind - etwa Werbung für "eine Pizzeria in Aachen", die nur Studenten der dortigen Hochschule sehen, die gern italienisch essen. Diese legale und weitverbreitete Form der Internetwerbung wurde dieser Tage als "SchnüffelVZ" und "Datenverkauf " angeprangert.

Wegen der Kritik verzichtet StudiVZ nun immerhin auf Werbung per SMS, Instant Messenger oder E-Mail. Dennoch lässt sich Werbung nicht vermeiden, denn die Mitgliedschaft ist kostenlos, StudiVZ aber ein Unternehmen. Für geschätzt 85 Millionen Euro hat sich die Verlagsgruppe Holtzbrinck in die zukunftsträchtige Community eingekauft - nun wollen die Manager schwarze Zahlen sehen. Sven Böckler hat seine Profilangaben bereits reduziert, um die Strategie der Werber zu unterlaufen. "Wenn man sich aber anschaut, wie weit Leute Einblick in ihre Privatsphäre gewähren, fürchte ich, dass es viele nicht stören wird", vermutet er. Tatsächlich meinen etliche StudiVZler, bei zielgerichteter Werbung bestehe immerhin die Chance, dass sie den Konsumenten interessiere. Romanzen wie die von Farina und Andreas wird die Reklame kaum stören. Nach nur einem Tag bei StudiVZ entdeckte Farina sein Foto in der Mitgliederliste einer Gruppe. "Da hab ich ihn einfach angeklickt", sagt sie. Die Studentin wusste nicht, dass Andreas sehen konnte, dass sie auf seiner Seite war. Er zögerte nicht lange und schickte ihr eine Nachricht: "Hey, du bist aber süß!" Aus einer Nachricht wurden 60 am Tag - bis zum ersten Besuch in Hamburg. Ein paar Tage später zog Farina bei Andreas ein.

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