VG-Wort Pixel

Verbot in der Türkei Warum Erdogans Twitter-Zensur nach hinten losgeht


Mit der Blockade von Twitter wollte der türkische Premier Erdogan Stärke demonstrieren. Doch die Sperre ist leicht zu umgehen und das Netz spottet weiter munter über den Regierungschef.
Von Timo Brücken

Das hatte er sich wahrscheinlich anders vorgestellt: "Twitter und solche Sachen werden wir mit der Wurzel ausreißen", hatte der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan am Donnerstag angekündigt. Und die Drohung in der Nacht zum Freitag wahr gemacht: Der Zugang zu dem Kurznachrichtendienst, den fast 40 Prozent der Internetnutzer in der Türkei aktiv nutzen, wurde gesperrt. Das Ziel: der Anti-Erdogan-Protestbewegung eines ihrer wichtigsten Kommunikationsmittel nehmen und die Verbreitung von unliebsamen Telefonmitschnitten unterbinden, die den Regierungschef mit Korruption in Verbindung bringen.

Doch der Zensurversuch ging gründlich nach hinten los. Die Sperre ist leicht zu umgehen: Wer weiter twittern will, tut das nun einfach per SMS. Twitter stellt dafür verschiedene Telefonnummern zur Verfügung. Alternativ können technisch versiertere User sogenannte VPN-Tunnel, das verschlüsselte Netzwerk TOR oder veränderte DNS-Nummern benutzen, um ihre virtuelle Identität zu verschleiern. Entsprechende Anleitungen sprühten Erdogan-Gegner über Nacht an Hauswände.

Und so ist jeder, der es will, seit Freitagvormittag wieder online. "Ein eher friedlicher Morgen für die Twitter-Nutzer in der Türkei", schreibt die BBC-Journalistin Zeynep Erdim. Und die teilen munter Karikaturen, die den Premier zusammen mit dem blauen Twitter-Vögelchen zeigen. Mal hat Erdogan den Piepmatz in einen Gefangenentransporter gesperrt oder versucht ihn zu verspeisen, mal kackt ein ganzer blauer Schwarm dem Regierungschef auf den Kopf. #TwitterisblockedinTurkey ("Twitter ist in der Türkei gesperrt") ist am Freitagmorgen der wichtigste Hashtag auf dem Kurznachrichtendienst. Fast 80 Prozent der Tweets dazu kämen aus der Türkei, schreibt die Tech-Website "Mashable".

Auch deswegen geht Erdogans Rechnung nicht auf: Er wollte die Protestbewegung zensieren, nun bekommt sie auf der ganzen Welt neue Aufmerksamkeit. Seine Anhänger werden auch weiterhin zu ihm halten, aber allen anderen hat der türkische Premier gezeigt, dass er auch vor Methoden à la Iran und Nordkorea nicht zurückschreckt. Und seien sie noch so wirkungslos. #DictatorErdoğan ist der zweite wichtige Hashtag des Tages. Neelie Kroes, die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, nennt die Twitter-Sperre "unbegründet, sinnlos und feige". Das US-Außenministerium zeigte sich in einer Mitteilung "ernsthaft besorgt".

Ranghohe türkische Politiker setzten sich unterdessen über das Verbot hinweg. Sowohl Vizepremier Bülent Arinc als auch Präsident Abdullah Gül twitterten am Freitagmorgen munter weiter. Güls Meinung zum Vorgehen seines Regierungschefs: "Es ist nicht zu billigen, dass soziale Medienplattformen vollständig gesperrt werden."

Hier können Sie dem Autor auf Twitter folgen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker