HOME

Wall Street beäugt Facebooks Börsengang kritisch: So sicher wie der blaue Daumen

Facebook an der Börse! Begeisterung allerorts! Oder? Führende Analysten glauben, dass die Investoren ein Drittel zu viel auf den Tisch legen.

Noch ist das Internet-Unternehmen Facebook nicht an der Börse, schon schwindet die Begeisterung. Das von Mark Zuckerberg vor acht Jahren gegründete Unternehmen wird aller Voraussicht nach auf einen Schlag das am teuersten bewertete Internet-Unternehmen der Geschichte. Doch Investoren und Analysten beginnen mit dem Erfolgsprojekt der einstigen Harvard-Studenten zu fremdeln. Für Zuckerberg und seine Mitbesitzer dürften nach den Einschätzungen die sorgenfreien Zeiten dank eines Mega-Wachstums enden. Facebook muss sich unter dem Mikroskop der Öffentlichkeit an den hochfliegenden Erwartungen der Anleger messen lassen.

Der am Mittwoch veröffentlichte Börsenprospekt der Internet-Firma zeigt ein proftables und schnell wachsendes Geschäft, gebaut auf Werbung und Online-Transaktionen. Allerdings reichte der Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr mit knapper Not an die Schätzungen der Analysten heran. Die Zahl offenbart eine große Lücke zwischen der Gegenwart und den Zukunftshoffnungen, die mit der blau-weißen Website verknüpft sind. "Mit der hohen Bewertung, die wahrscheinlich für den Namen bezahlt wird, legen die Investoren wohl ein Drittel zu viel auf den Tisch", sagt Michael Yoshikami, Chef des kalifornischen Vermögensverwalters YCMNET Advisors. "Die vorliegenden Zahlen rechtfertigen vielleicht einen Börsenwert von 50 Milliarden Dollar." Die Wachstumsrate von 88 Prozent im vergangenen Jahr gebe bestenfalls einen Wert von 65 Milliarden Dollar her.

Kreisen zufolge peilt Facebook eine Börsenkapitalisierung zwischen 75 und 100 Milliarden Dollar an. Zum Vergleich: Der Internetpionier Yahoo kommt gerade noch auf knapp 20 Milliarden Dollar. Der 164 Jahre alte deutsche Technologiekonzern Siemens erreicht 86 Milliarden Dollar.

Analysten erwarten Ermüdungserscheinungen

Das explosionsartige Wachstum rührt vor allem aus der Zeit, als sich Erstnutzer scharenweise anmeldeten und deren Freunde und Bekannte in noch größerer Zahl folgten. Das weltweit größte soziale Netzwerk hat heute 845 Millionen Nutzer in 70 Sprachen. Aber nach und nach verlangsamt sich das Tempo der Neuanmeldungen. Facebook versucht die Mitglieder nun länger auf seinen Seiten zu halten und die Werbekunden zu höheren Ausgaben zu bewegen. "Das Hyperwachstum ist wahrscheinlich vorbei", sagt Michael Pachter, Analyst bei Wedbush Securities. "Das schnelle Geld in der westlichen Welt ist weitgehend gemacht. Und es ist offensichtlich, dass nicht jedes menschliche Lebewesen auf diesem Planeten dabeisein will."

Facebook ist sich bewusst, dass es weitere Einnahmequellen erschließen muss. Rund 30 Prozent seines Umsatzes mit virtuellen Gütern macht das Unternehmen derzeit mit Spielen wie "Farmville" von Zynga. Facebook will seine Mitglieder verstärkt mit eigenen Medien locken und tritt damit in Konkurrenz mit etablierten Branchengiganten wie Apple und Google. Geprägt durch eine Firmenkultur von Innovation und Kreativität hat das Unternehmen stetig neuen Schnickschnack wie Video-Telefonate oder mobile Applikationen erfunden, um seinen Nutzern immer und überall dienstbar zu sein und kostbare Zeit abzuluchsen. Im Dezember waren 57 Prozent der Anhänger täglich auf Facebook unterwegs, wie aus dem Prospekt hervorgeht. Die Nutzungsdauer kletterte Marktforschern zufolge binnen Jahresfrist auf sieben von zuvor fünf Stunden pro Woche.

Diese Zahlen weiter zu steigern, dürfte eine der größten Herausforderungen für die Amerikaner sein. Auch wegen neuer Konkurrenzangebote wie Google+ oder Pinterest gehen Analysten mittlerweile davon aus, dass in den sozialen Netzwerken gewisse Ermüdungserscheinungen einsetzen. "Es gibt wahrscheinlich ein gewisses Maximum an Technologien, das die Menschen in ihrem Alltag zu nutzen bereit sind", sagt Rebecca Lieb, Medienanalystin bei Altimeter.

Koloss auf tönernen Füßen?

Als Hauptumsatzbringer haben Experten zufolge noch die Werbeerlöse Potenzial. Während die Zahl der Anzeigen 2011 um 42 Prozent zulegte, wuchs der Preis je Reklame nach Firmenangaben lediglich um 18 Prozent. Dabei erlaubt die Fülle der Daten, die die Nutzer Facebook liefern, maßgeschneiderte Werbung für jeden Anwender. Die Firma kennt Alter, Geschlecht, Herkunft jedes Mitglieds. Und auch welche Musik oder welche Produkte ihm gefallen. Ob die Facebook-Werbeangebote für die Marketingabteilungen rund um den Globus zu einer Standardbuchung wie bei Google werden, müsse sich aber erst noch herausstellen, meinen die Experten. Viele Firmen mit eigenen Facebook-Profilen nutzten die Seiten eher als Gratis-Angebot zur Selbstdarstellung denn als kostenpflichtige Reklame-Plattform. Vier Millionen Firmen sind auf Facebook laut Börsenprospekt vertreten. Wie viele davon auch Werbekunden sind, ist unbekannt.

Verglichen etwa mit Google ist das Geschäft von Facebook winzig. Der Internetkonzern setzt mit 38 Milliarden Dollar etwa das Zehnfache um. Die Bewertung von Facebook betrüge bei einer Marktkapitalisierung das 27-fache des Umsatzes, während der Google-Kurs das Vierfache seiner Einnahmen widerspiegelt.

Allerdings zeigt die Geschichte, dass solche Bewertungsblasen nicht zwangsläufig platzen. Als sich Google an die Börse wagte, zahlten Anleger ein Umsatz-Vielfaches von 24, beim Technologieriesen Apple von 25. "Für Investoren kommt es darauf an, dass sie sehr zuversichtlich sind, dass Facebook neue Umsatzquellen in nennenswertem Umfang erschließen wird", sagte Ryan Jacob von der gleichnamigen Fondsgesellschaft. "Die Möglichkeiten dafür sind eigentlich unendlich, wenn sie denn auch genutzt werden."

Alexei Oreskovic und Alistair Barr, Reuters / Reuters