HOME

Was einem Mädchen in Finnland passierte: Der ganz normale Abmahnwahnsinn

Kurioser Filesharing-Fall in Finnland: Im Kampf gegen Raubkopierer beschlagnahmt die Polizei den Winnie-Pooh-Laptop einer Neunjährigen und löst damit eine Welle der Empörung aus.

Von Christoph Fröhlich

Der Kampf gegen Raubkopierer treibt zuweilen bizarre Blüten. Weil ein neunjähriges Mädchen aus Finnland ein Musikalbum illegal herunterladen wollte, bekam ihr Vater Post von der Anti-Raubkopierer-Einheit CIAPC (Copyright Information and Anti-Piracy Centre). Darin wurde er nicht nur aufgefordert, eine Schadensersatzforderung von knapp 600 Euro zu bezahlen, sondern auch die beigelegte Verschwiegenheitserklärung zu unterzeichnen. Beides verweigerte der Vater jedoch, sodass am Dienstagmorgen plötzlich die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür stand.

Der Vorwurf: Seine Tochter hätte versucht, das neue Musikalbum des finnischen Pop-Sternchens Chisu illegal herunterzuladen. Zunächst über Google, dann über die Filesharing-Plattform "The Pirate Bay". Laut dem Vater habe der Download aber überhaupt nicht funktioniert, sodass er die CD mit seiner Tochter am nächsten Tag in einem Fachgeschäft gekauft hatte. Der Polizei war das offenbar egal: Als Beweismittel beschlagnahmten die Einsatzkräfte den Computer des Mädchens, einen mit Winnie-Pooh-Aufklebern verzierten Laptop. "Das ist der Gipfel der Absurdität", sagte der Vater gegenüber der Webseite "Torrentfreak".

Was Eltern tun können

Der Fall wurde mittlerweile von der Behörde bestätigt und ist laut deren Angaben nur einer von vielen. Doch der Aufschrei in Finnland ist groß: Die finnische "Electronic Frontier Foundation", die sich mit Bürgerrechten im Netz beschäftigt, verurteilt das harsche Vorgehen der Polizei. Auch die Künstlerin Chisu, um deren Album es sich handelt, stellt sich auf die Seite der Familie: Sie entschuldigte sich bei dem neunjährigen Mädchen für den Zwischenfall und empfiehlt der Familie den Streaming-Dienst Spotify.

Auch in Deutschland beschäftigen illegale Downloads von Jugendlichen Gerichte und Behörden, zuletzt sogar den Bundesgerichtshof in Kassel: Die Eltern eines 13-Jährigen, der mehrere Musikalben mit Filesharing-Diensten heruntergeladen hatte, stritten sich wegen der Schadensersatzforderung mit den Musikkonzernen bis zur höchsten richterlichen Instanz in Deutschland. Mit Erfolg: Falls Eltern ihre Kinder über die Rechtswidrigkeit der Tauschbörsen aufgeklärt und keinen konkreten Anlass zu Misstrauen haben, so die Begründung der Richter, können sie für finanzielle Schäden auch nicht verantwortlich gemacht werden. Die Eltern mussten die geforderten 3000 Euro nicht bezahlen.

Vertrag zwischen Eltern und Kind

Doch wie weist man nach, dass man den Nachwuchs aufgeklärt hat? Rechtsanwälte empfehlen einen kindgerechten Familienvertrag. Darin sollte festgehalten werden, dass Kinder keine Tauschbörsen nutzen und Bilder, Musik, Filme und Spiele nicht illegal herunter- oder hochladen dürfen. Außerdem sollten sich Kinder verpflichten, sorgsam mit Passwörtern, Adressdaten und private Bildern umzugehen und Seiten mit Ab-18-Inhalten zu meiden.

Zwar ist ein unterschriebener Familienvertrag kein rechtskräftiges Schriftstück, im Falle einer Abmahnung kann er aber viel Geld ersparen. Rechtsanwalt Christian Solmecke, der vor dem Bundesgerichtshof geklagt hat, hat eine Mustervorlage vorbereitet, diese können Sie hier herunterladen.