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Geschasster Cyberchef Wer für Trump arbeitet, ruiniert seinen Ruf – dem gefeuerten Christopher Krebs gelang das Gegenteil

Christopher Krebs leitete die von Trump ins Leben gerufene Behörde CISA
Christopher Krebs leitete die von Trump ins Leben gerufene Behörde CISA
© Carolyn Kaster/ / Picture Alliance
Wer für Donald Trump arbeitete, musste oft schnell gehen und ruinierte dabei seinen Ruf. Sicherheitsexperte Christopher Krebs hielt länger durch als viele andere. Und ist nach dem Rauswurf noch angesehener als vorher.

Es war eine erwartbare Reaktion: Per Tweet kündigte der Noch-Präsident Donald Trump gestern Abend (Ortszeit) seinem Cybersicherheits-Chef Christopher Krebs. Der hatte es gewagt, öffentlich den Behauptungen des weitverbreiteten Wahlbetrugs zu widersprechen. Und dürfte daher als einer der wenigen von Trump eingestellten öffentlichen Bediensteten mit einem besseren Ruf aus dem Amt gehen. 

Dass Trump ihn rauswerfen würde, hatte Krebs schon deutlich länger erwartet. Und es durchaus auch darauf angelegt. Während der Präsident und sein Team sich immer mehr darauf versteiften, dass Herausforderer Joe Biden nur durch Betrug die Wahl gewinnen konnte, hielt der für die Überwachung der Wahlsicherheit verantwortliche Krebs beständig dagegen. Der Höhepunkt kam am Freitag: Die Wahl sei "die sicherste in der amerikanischen Geschichte", verkündete seine Behörde CISA in einem offiziellen Statement. So hatte sich Trump die Arbeit der unter seiner Regierung gegründeten Behörde sicher nicht vorgestellt.

Erfolgsgeschichte CISA

Die erst 2018 gegründete CISA ist eigentlich eine der wenigen unumstrittenen Erfolgsgeschichten aus der Trump-Ära. Sie wird von Politikern beider Lager für ihre hervorragende Arbeit gelobt. Und das verdankt sie vor allem Krebs. Trotz seines jungen Alters von nur 43 Jahren kann der fünffache Vater auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Der Doktor der Rechtswissenschaften landete nach Stationen im Heimatschutzministerium und zwei Lobbyfirmen als Manager bei Microsoft und leitete dort die Sicherheitsabteilung. Es sollte das Warmlaufen für das sein, was dann folgte.

Kurz nach Trumps Wahl wechselte er zurück ins Heimatschutzministerium, zunächst als Berater. Nach nur vier Monaten übernahm er provisorisch die Abteilung für den Schutz der Infrastruktur, die informell auch für Cybersicherheit verantwortlich war. Ein Jahr später wurde er vom Senat im Amt bestätigt. Wenige Monate später unterzeichnete Trump die Umwandlung der Abteilung in die Behörde CISA, Krebs behielt weiter die Leitung. Für Trump sollte sich das als Fehler erweisen.

Krebs ließ sich nicht unterbuttern

Denn anders, als Geschäftsmann Trump das von seinen "Angestellten" erwartet, zeigte Krebs keinerlei Willen, sich für parteipolitische Manöver einspannen zu lassen. Schon im Sommer, als Trump erstmals davon sprach, dass die Wahl manipuliert würde, war sich sein Cybersicherheits-Chef deshalb sicher: Er würde seinen Job verlieren. Das berichten Vertraute des Beamten der "New York Times".

Dass das nicht passiert ist, ist durchaus bemerkenswert: Die Trump-Regierung sah eine so hohe Mitarbeitervolatilität, wie keine Administration vorher. Ständig musste jemand freiwillig oder unfreiwillig den Tisch räumen, weil sich die Ansprüche Trumps und der Behördenalltag oder der moralische Kompass widersprachen. Viele von ihnen, wie die ehemaligen Kommunikationschefs Sean Spicer oder Anthony Scaramucci, endeten mit einem Ruf als Witzfiguren, selbst etablierte Generäle wie John F. Kelly oder James Mattis gingen beschädigt aus dem Amt.

Auch im Heimatschutzministerium gab man sich zeitweise die Klinke in die Hand. Fünf verschiedene Heimatschutzminister hatte Trump in seinen noch nicht vier Jahren im Amt verschlissen, drei davon ließ er nie vom Senat bestätigen und nur als provisorische Minister im Amt. Krebs war der ranghöchste Beamte des Ministeriums, der offiziell vom Senat bestätigt worden war, viele weitere Leitungsstellen waren nicht oder nur provisorisch besetzt. Selbst der aktuelle Minister Chad Wolf ist seinem über einem Jahr provisorisch im Amt.

"Sicherste Wahl in der US-Geschichte"

Trotzdem ließ sich Krebs nicht von seiner Arbeit abbringen. Unter seiner Leitung sicherte die CISA die Wahl so gut es ging gegen Einmischung von außen wie von innen ab. Die Aufgabe hatte durchaus ihre Dringlichkeit: Jahrelang hatten die Sicherheitsdienste gewarnt, dass sich Hacker aus Russland, China oder dem Iran in die Wahl einmischen könnten. Das hat Krebs' Behörde offenbar erfolgreich verhindert. "Er hat absolut alles getan, das man von einem hochrangigen Beamten des Heimatschutzministeriums erwarten würde", lobte etwa Michael Chertoff, der das Ministerium unter Trumps Vorgänger George W. Bush geleitet hatte. 

Am Ende scheint Krebs aus Trumps Sicht dann doch zu weit gegangen zu sein. Weil die Falschinformationen in sozialen Medien in der Schlussphase des Wahlkampfs immer mehr Überhand nahmen, richtete das CISA ein Informationsportal ein, in dem die beliebtesten Falschbehauptungen widerlegt wurden. Auch die des Präsidenten. Als die Behörde am Freitag die Sicherheit der Wahl betonte, schwebte deshalb bereits das Damoklesschwert über Krebs, sein Vize Bryan Ware war da schon zum Rücktritt aufgefordert worden.

Doch Krebs ließ sich nicht einschüchtern. "Mir wurde immer wieder vorgeworfen, viel offener mit Informationen zu sein, als irgendwer sonst in der Regierung", sagt er vor zwei Wochen in einem Interview. "Wir werden immer dafür sorgen, dass die Informationen verfügbar sind. Vor allem, wenn sie Entscheidungsprozesse beeinflussen könnten."  Noch am Wochenende widerlegte er die beliebte Theorie, dass Wahlmaschinen des Herstellers Dominion Millionen Stimmen gelöscht hätten. Die Verschwörungstheorie hatte sich bei Anhängern von Qanon verbreitet, auch der Präsident hatte sie als möglichen Grund für den Wahlsieg Bidens genannt. 

Keine Sorgen um die Zukunft

Kein Wunder also, dass die Stimmen nach Krebs' Abtreten voll des Lobes sind. "Soweit es mich betrifft, ist die Kündigung ein Ehrenabzeichen für Chris Krebs", erklärte etwa der Republikaner Chertoff.  "Statt seine patriotische Arbeit zu würdigen, hat der Präsident Direktor Krebs dafür gefeuert, dass er die Wahrheit sagte", erklärte die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi. Ähnlich äußerten sich viele Bobachter. "Er ist einer der wenigen Personen in dieser Administration, der von beiden Seiten respektiert wurde", erklärte der Abgeordnete Mark Warner.

Wie es für Krebs weitergeht, ist noch nicht ganz klar. Die Kündigung dürfte ihn wenig belasten Er wolle sich nach der Wahl aus dem Amt zurückziehen, hatte er Vertrauten laut der "New York Times" gesagt. Seine gute Arbeit ist im Silicon Valley bekannt. Nachdem die ersten Gerüchte zu einer möglichen Kündigung laut wurden, sprangen ihm viele Manager aus dem Tech-Bereich zur Seite. "Es ist schwer, diese Entscheidung nicht als Versuch zu sehen, ihn zum Schweigen zu bringen", schrieb etwa Ciscos Sicherheitschef Matthew Olney bei Twitter. Einen neuen Job in diesem Bereich zu finden, dürfte für ihn kein Problem sein.

Quellen: New York Times, Politico, Wired, Time, Washington Post


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