Handy-TV Anpfiff zur WM geplant


Es gibt wohl kaum eine bessere Chance für die Einführung von Handy-TV als die Fußball-WM 2006. Ein rechtzeitiger Start scheint jetzt gewiss, allerdings mit Einschränkungen.

"Geplant ist, an den Austragungsorten der Spiele Handy-TV mit speziellen Geräten empfangen zu können", so Christian Schurig, Vorsitzender der technischen Kommission der Landesmedienanstalten. Anders als bisher sollen Fernsehinhalte nicht mehr über den UMTS-Mobilfunk transportiert werden, sondern über digitale Rundfunkfrequenzen.

Neue Geschäftsfelder

Mobilfunknetzbetreiber und Rundfunkveranstalter wittern im Handy-TV eine neue Einnahmequelle. Die Hersteller Samsung und LG Electronics wollten Handys mit speziellen Empfängern anbieten, sagte Schurig. Mit der neuen Technik soll es möglich sein, gleichzeitig mehrere TV- und Radiokanäle und auch andere Daten auf mobile Endgeräte wie das Handy zu übertragen und auch zeitversetzt wiederzugeben. Der Nutzer soll von Programm zu Programm zappen können und auch an interaktiven Angeboten, wie Gewinnspielen während der Übertragung, teilnehmen können. "Im Vergleich zu UMTS ist das Fernsehen über die digitalen Übertragungsstandards kostengünstiger. Kapazitätsengpässe wie bei UMTS, wenn viele Nutzer gleichzeitig Inhalte abrufen, gibt es nicht", erläuterte Schurig die Vorteile der neuen Technik.

Zwei Techniken zur Auswahl

Zwei Techniken konkurrieren um die Gunst der Nutzer. Der von Bosch/Blaupunkt entwickelte Digital Multimedia Broadcasting-Standard (DMB), der in Südkorea eingesetzt wird, basiert auf dem DAB-Standard, der für das terrestrische Digitalradio genutzt wird. Konkurrenztechnik ist das ebenfalls in Deutschland entwickelte Digital Video Broadcast-Handheld (DVB-H), dessen Grundlage der Standard für terrestrisches Digitalfernsehen, DVB-T, ist. "Der Unterschied der beiden Standards liegt in der Kapazität", erläuterte Schurig. "Mit DMB können drei bis vier TV-Programme übertragen werden, mit DVB-H 12 bis 16. Dafür ist der Aufbau eines Netzes für DVB-H aber auch wesentlich teurer."

Die Kosten für den Aufbau eines bundesweiten DMB-Sendenetzes mit gutem Empfang schätzt Schurig auf 50 Millionen Euro. Diese Kosten müssten die Unternehmen auch wieder reinholen. Deswegen geht er nicht davon aus, dass die Anbieter Handy-TV gebührenfrei anbieten werden.

DMB-Pilotprojekt geplant

Ein dreijähriges bundesweites Pilotprojekt sei zunächst mit dem DMB-Standard geplant, sagte Schurig. "Hierfür haben wir DAB-Kapazitäten, die auch bundesweit zur Verfügung gestellt werden können." Für DVB-H seien Kapazitäten flächendeckend noch nicht vorhanden, sondern nur im Norden von Deutschland, wo eine entsprechende Ausschreibung für den Testbetrieb laufe und wo es ein zeitlich befristetes Pilotprojekt geben werde. Auf einer Konferenz im Juni in Genf sollen weitere Übertragungskapazitäten international koordiniert werden. Es sei davon auszugehen, dass danach DVB-H auch bundesweit möglich sein werde. "Beide Standards müssen eine Chance haben und erprobt werden", sagte Schurig. Am Ende entscheide der Markt, welcher von beiden sich durchsetze.

Der zuständige Fachausschuss der Landesmedienanstalten will der Mobiles Fernsehen Deutschland GmbH (MFD) den Zuschlag für das bundesweite DMB-Pilotprojekt geben. Eine Entscheidung darüber müssen aber alle 15 Landesmedienanstalten eigenständig treffen. MFD gilt als unabhängiger Plattformbetreiber. "Wir wollen eine saubere Trennung zwischen Inhalteanbietern und Netzbetreibern, um kein neues Monopol zu schaffen", sagte Schurig. MFD strebt aber Kooperationen mit Fernsehsendern und Mobilfunkanbietern an.

Nikola Rotscheroth/Reuters Reuters

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