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Corona-Kontaktverfolgung Polizei holt sich Luca-Daten: Nun rufen Politiker zum Löschen der App auf

Luca App
Von einem Check-In mit der Luca-App sollte eigentlich nur das Gesundheitsamt wissen.
© Rupert Oberhäuser/ / Picture Alliance
Noch vor wenigen Tagen versprach Luca-App-Chef Patrick Hennig dem stern, dass kein einziger Kontakt im System in die Hände unberechtigter Personen gefallen ist. Im Hintergrund verschaffte sich die Mainzer Polizei Zugriff. Als Konsequenz fordern nun sogar Politiker auf, die Software zu entfernen.

Vergangene Woche stellte sich der Luca-Chef der nicht enden wollenden Kritik an seiner App und gab dem stern ein Interview. Die wohl wichtigste Aussage: Die Luca-App sei sicher, es habe bis heute keinen unerlaubten Zugriff auf die Daten gegeben. Nur wenige Tage später war klar: Zum Zeitpunkt der Aussage stimmte das - ohne das Wissen der Betreiber - bereits nicht mehr, denn ein Gesundheitsamt hatte die Daten unberechtigterweise in einem Ermittlungsfall mit der Polizei geteilt. Dem Vertrauen in die Sicherheit der Luca-App half das nicht, auch wenn das System selbst tadellos funktionierte und erst das Gesundheitsamt das Leck verursachte. Nun fordern selbst Politiker der Regierungsparteien öffentlich zum Löschen der Software auf.

Den Anfang macht Alexander Salomon, Fraktionsabgeordneter der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg. Er bezeichnete die App als "mausetot" und ermutigte via Twitter explizit, sie von den Smartphones verschwinden zu lassen. Weiter bat er Gesundheitsminister Karl Lauterbach, dass sich Bund und Länder verstärkt hinter die Corona-Warn-App stellen sollten. Die Konsequenz des Appells wäre, dass anstehende Vertragsverlängerungen mit Luca scheitern könnten. Viele Bundesländer müssen darüber in den kommenden Monaten entscheiden.

Salomon reiht sich damit in eine wachsende Zahl kritischer Stimmen ein. Auch Medien wie die "NOZ" fordern öffentlich, der Finanzierung der privat geführten Luca-App einen Riegel vorzuschieben. Zuletzt musste Luca harsche Kritik seitens der IT-Entwicklerin Bianca Kastl einstecken, die der Wirksamkeit der App ein vernichtendes Urteil aussprach. Auch das Bundesministerium für Gesundheit scheint sich unsicher, was Luca aktuell zur Bekämpfung der Pandemie beiträgt. Der Zugriff der Behörden auf die Daten der App ist somit weiteres Wasser auf die Mühlen der Kritiker und ein großes Problem für die Betreiber der App.

Polizei Mainz schaut sich Luca-App-Daten an

Was war passiert? Bei Ermittlungen zu einem Todesfall griff die Mainzer Polizei unerlaubt auf die Daten einer Gaststätte zu. Ziel war es, unter den Gästen der Location mögliche Zeugen ausfindig zu machen. Das Infektionsschutzgesetz untersagt derartige Zweckentfremdung der Daten einer Software zur Kontaktverfolgung allerdings. Die zuständige Staatsanwaltschaft bestätigte den Fall und drückte ihr Bedauern aus. Man habe den Gesetzestext "fehlerhaft bewertet".

Luca veröffentlichte nach Bekanntwerden des Falls ein Statement und verurteilte das Vorgehen der Behörden scharf. Die Polizei habe die Sicherheitsvorkehrungen durch einen simulierten Infektionsfall ausgehebelt und über das Gesundheitsamt unerlaubt Einsicht in die Check-In-Listen erhalten.

Wie sich Luca nach diesem Daten-Desaster aus der Vertrauenskrise manövriert, bleibt abzuwarten. Schon seit August 2021 arbeiten die Betreiber der Luca-App, die culture4life GmbH aus Berlin, mit der Agentur Finsbury Glover Hering zusammen und versuchen, das beschädigte Image zu retten, während es durch öffentliche Sammlungen der bisherigen Fehltritte wie Luca.fail oder einen Twitter-Thread des Chaos-Computer-Club-Mitglieds Manuel Atug nahezu täglich Einschläge verzeichnet. Die größte Stärke der App, bislang keine Daten in die falschen Hände gegeben zu haben, ist jedenfalls passé. Ob die Entwickler oder das System hinter der Luca-App daran selbst Schuld hatten, spielt dabei in den Augen der Öffentlichkeit vermutlich eher eine untergeordnete Rolle. 

Quellen: Luca, Netzpolitik


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