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Mobile World Congress Sony Ericsson schrumpft die Smartphones

Was macht ein Handy-Unternehmen, dessen Marktanteil schrumpft und das nichts mehr zu verlieren hat? Es erfindet sich neu. Sony Ericsson will mit anderer Strategie und kleineren Alleskönnern das soziale Netz erobern.
Von Gerd Blank, Barcelona

Es ist kein Fußballspiel, was Mitte Februar nach Barcelona lockt. Auch Kultur oder die spanische Küche stehen nicht auf dem Programm. Vom 15. bis 18. Februar findet der Mobile World Congress statt, die katalanische Stadt steht in dieser Zeit komplett im Zeichen von Smartphones und mobilen Diensten. Während die Cebit, nur zwei Wochen später in Hannover, immer mehr an Glanz verliert, polieren Nokia, Sony Ericsson, LG und Co. die Displays ihrer neuen Schmuckstücke.

Bereits am Vorabend der Messe können Fachbesucher einen ersten Blick auf die Hoffnungsträger der Mobilgerätehersteller werfen. Während Samsung auf dem Messegelände mit dem Wave seine neue Handy-Vision für 2010 präsentiert, lädt Sony Ericsson in die Innenstadt und will dort zeigen, dass das schwedisch-japanische Unternehmen noch nicht abzuschreiben ist. "Make People smile" ist der neue Schlachtruf. Nutzer sollen künftig die Handys von Sony Ericsson mit einem Lächeln benutzen.

Die Motorola-Falle

Der letzte Hit von Sony Ericsson ist schon ein Weilchen her. Viel zu lange hat man sich damit begnügt, immer wieder das gleiche Modell in neuer Verpackung herauszubringen. Dass so etwas nicht im Interesse der Käufer ist, hat auch schon der tiefe Fall von Motorola gezeigt. Deren Razr-Klapphandy war vor ein paar Jahren ein absoluter Verkaufsschlager. Über mehrere Jahre war allerdings die einzige Innovation Motorolas, dieses Gerät immer wieder nur leicht abgewandelt "neu" zu veröffentlichen. Aber während die Amerikaner mit dem Android-Smartphone Milestone inzwischen eine Kehrtwende in ihrer Systemstrategie vollzogen haben, musste ließ dieser wichtige Schritt bei Sony Ericsson bis 2010 auf sich warten.

Starke Marken waren es, die Sony Ericsson wohl zur Annahme verleiteten, ein aufgemotztes Design genüge, damit man über die wenigen wirklichen Neuerungen hinwegsehen konnte. Ob das Walkman-Handy - angelehnt an die Musikspieler - mehr Speicher und das Cybershot-Handy - benannt nach Sonys erfolgreicher Digitalkamera-Serie - mehr Megapixel an Bord hatte, war nicht mehr verkaufsentscheidend. Und selbst wenn Sony Ericsson mutig mit neuen Bedienkonzepten experimentierte, sahen die Geräte gegen Apples iPhone wie Handys aus der Vergangenheit aus.

Am Vorabend zur wichtigsten Handymesse der Welt präsentierte Sony Ericsson nun neue Smartphones. Das im März erscheinende Xperia X10, unter dessen Hülle Googles Android-Betriebssystem werkelt, hat noch zwei kleinere Geschwister bekommen. Während das größere Modell dem inzwischen zum Standard gewordenen iPhone-Formfaktor entspricht, kommt die Mini-Version mit einem deutlich kleineren Display (2,55 Zoll) aus. Trotz der geringen Abmessungen, lässt sich das X10 Mini per Touchscreen steuern, es kann sogar die Apps des Android-Markets nutzen. Wer zwar die kleineren Abmessungen schätzt, aber mit der virtuellen Tastatur nicht klar kommt, wird möglicherweise mit dem X10 Mini Pro glücklich, denn hier wurde zusätzlich eine vollwertige Tastatur verbaut. Die beiden Neuzugänge im Sony-Ericsson-Portfolio werden in verschiedenen Farben ausgeliefert. Das Unternehmen möchte damit die Smartphones auch einer weiblichen Kundschaft schmackhaft machen.

Bei den neuen Vivaz-Modellen bleibt der Handybauer dagegen dem Betriebssystem Symbian treu. Doch Käufer werden das System kaum bemerken, denn Sony Ericsson hat den Geräten eine neue Nutzerführung spendiert. Bei Vivaz kommt es nicht auf das Betriebssystem, sondern vielmehr auf die Funktionen an. So lassen sich mit der fünf-Megapixel-Kamera Videos in HD-Qualität aufzeichnen. Auch hier gibt es für Vielschreiber zusätzlich eine Version mit Tastatur.

Inhalt statt Hardware

Doch nicht die Hardware steht im Vordergrund. Für Handyhersteller wird es immer schwerer, Geräte mit Alleinstellungsmerkmalen zu produzieren. Die meisten Smartphones sehen wie iPhones aus: großer Touchscreen und schlankes Gehäuse. Künftig machen exklusive Inhalte den Unterschied aus. Während Nokia künftig eine Navigationssoftware verschenkt, nutzt Sony Ericsson endlich die starke Sony-Familie, um die Handymarke zu stärken. Künftig können auch die Smartphones auf Filme, TV-Serien und Musik aus dem Playstation Network zugreifen.

Das Playstation Network ist ein virtuelles Einkaufszentrum, dass für die Sony Playstation entwickelt wurde. Dort können Musik, Filme und TV-Serien gekauft werden. Bislang konnten diese Inhalte lediglich auf Spielkonsolen abgespielt werden, künftig sollen immer mehr Sony-Produkte, auch die Mobiltelefone von Sony Ericsson, diese Inhalte nutzen können.

Sony Ericssons Produktshow kam einer Zäsur gleich. Bei den neuen Geräten handelte es sich weder um ein weiteres Musik-, noch um noch ein Foto-Handy. Statt vertrauter Bedienkonzepte wollte das Unternehmen nichts anderes, als die Bedienung von Smartphones neu erfinden. Der Nutzer soll auch auf den zweiten Blick nicht erkennen, ob er ein Handy mit Android, Symbian oder sonst ein Betriebssystem hat. Die Verbindung zu sozialen Netzwerken steht klar im Vordergrund. Ob Facebook oder Twitter, ob Flickr oder Picasa: Was im Web gerade hip ist, lässt sich bei X10 oder Vivaz problemlos einbinden. So werden die Geräte nicht mehr über die Farbe des Gehäuses personalisiert, sondern über die genutzten Dienste.

Es wurde Zeit für einen Strategiewechsel. Die Marktanteile von Sony Ericsson gingen in Deutschland, aber auch im Rest der Welt, immer weiter zurück. Inzwischen verkaufen LG und Samsung mehr Geräte und Motorola kaum weniger. In Barcelona versucht das Unternehmen nun mit aller Kraft an alte Erfolge anzuknüpfen, an Zeiten, als Handykäufer bezahlbare Alternativen zu Nokia Einheitsgeräten suchten und bei Sony Ericsson fündig wurden. Doch ob die Kunden schon bereit sind, auf individuelle Software statt auf unverwechselbare Hardware zu setzen, wird sich erst zeigen müssen.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "So soll das PlayStation Phone aussehen"

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