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Recycling Von Premium zu Einzelteilen in 18 Sekunden: Apple-Roboter Daisy macht mit Ihrem iPhone kurzen Prozess

Apple-Erfindung: Recycling-Roboter zerlegt iPhones in Einzelteile
Apple/PR
Sehen Sie im Video: Recycling-Roboter "Daisy" zerlegt iPhones in Einzelteile – im Jahr schafft er 1,2 Millionen Stück.
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Apple legt viel Wert auf die lange Haltbarkeit seiner Produkte. Und hat mit "Daisy" trotzdem einen Roboter entwickelt, der sie besonders effektiv zerstören will. Das war eine größere Herausforderung als erwartet.

Es ist der Anfang vom Ende eines iPhones. Er beginnt mit einer zupackenden Bewegung, einem schnellen Griff. Ein weißer Arm schnappt sich das Gerät vom Fließband. Eine ruckhafte Bewegung bringt es über eine Öffnung, nach einer kritischen Prüfung durch die Kamera darunter wird es mit einem weiteren schnellen Schwung in eine Halterung befördert. Ein weiterer Arm greift zu, hält das iPhone 6s mit dem unteren Ende in eine Vorrichtung – und trennt mit einem flinken Hebeln das Display vom Gehäuse. Danach gehen die beiden getrennte Wege.

Der Arm gehört Daisy, Apples erstem smarten Recycling-Roboter. In einem abgeriegelten Gelände im niederländischen Breda steht Daisy in einer unauffälligen Fabrikhalle und trennt für Apple die Spreu vom Weizen, beziehungsweise die Ressourcen vom Elektroschrott.

Apples Recycling-Roboter Daisy zerlegt in mehreren Schritten iPhones in ihre Einzelteile
Apples Recycling-Roboter Daisy zerlegt in mehreren Schritten iPhones in ihre Einzelteile
© Apple / PR

Apple denkt um

Die Recycling-Bemühungen sind Teil eines Umdenkens im Konzern. Hatte man sich lange wie der Rest der Industrie um die Umweltfolgen der jedes Jahr hergestellten Dutzenden Millionen Geräte zu wenige Gedanken gemacht, arbeitet Apple seit einigen Jahren sehr aktiv daran, den ökologischen Fußabdruck des Konzerns zu verringern und irgendwann sogar umzudrehen. "Wir sind auf gutem Weg, unsere Produkte irgendwann ganz ohne Rohstoff-Abbau in Mienen herstellen zu können", erklärt die für Umwelt- und Politik-Initiativen verantwortliche Spitzenmanagerin Lisa Jackson im aktuellen Umweltreport des Konzerns.

Das gelingt auf zwei Wegen. Zum einen legt der Konzern viel Wert darauf, dass es bei wiederverwerteten Rohstoffen tatsächlich um recyceltes Material handelt und lässt sich das durch Zertifikate bestätigen. Zusätzlich nimmt man die Wiederaufbereitung eben auch mit Daisy und zwei weiteren Recycling-Robotern selbst in die Hand.

Smarter recyceln

In der Recycling-Branche herrschen immer noch deutlich einfachere Methoden vor. Viele Recycling-Unternehmen schreddern die Geräte schlicht, um sie in händelbarere Größe zu bekommen. Der große Vorteil: Von Laptop bis Smartwatch lassen sich viele verschiedene Produkte von derselben Maschine zerlegen. Das hat allerdings seinen Preis. Weil die Maschinen sehr grob arbeiten, werden beim Zerlegen viele Bauteile wie die empfindlichen Magneten beschädigt, sie zerfallen bei unsanfter Behandlung buchstäblich zu Staub. Damit sind wertvolle Ressourcen quasi unrettbar verloren: In den Magneten finden sich seltene Erden. Auch andere Recycling-Ansätze wie das automatisierte Kleinhämmern oder Siebtrommeln boten nicht den von Apple gewünschten Grad an Feingefühl. Also machte man sich an die Idee, einen Roboter dafür zu entwickeln.

Daisy verteilt sich über mehrere Kästen, in denen jeweils unterschiedliche Arbeitsschritte erfolgen
Daisy verteilt sich über mehrere Kästen, in denen jeweils unterschiedliche Arbeitsschritte erfolgen
© Apple / PR

Der Weg zu Daisy war durchaus lang. Ihr erster Vorgänger namens Liam 1.0 wurde bereits 2014 entwickelt. Ganze zwölf Minuten benötigte er noch, um ein einzelnes iPhone zu zerlegen. Der Nachfolger, der ein knappes Jahr später entwickelte Liam 2.0, brauchte nur noch 11 Sekunden. Daisy benötigt nun 18 Sekunden – kann dafür aber anders als die beiden Liam-Modelle nicht mehr nur ein einzelnes iPhone-Modell zerlegen, sondern gleich 23 verschiedene, von vier Varianten des iPhone 13 bis zum 2012 erschienenen iPhone 5.

Stanzen statt schrauben

Man habe komplett umdenken müssen, berichtet ein Apple-Ingenieur. Apple hatte vorher bei seinen Fertigungsanlagen das Zusammenbauen der Geräte perfektioniert, plötzlich war mit dem Auseinandernehmen genau das Gegenteil das Ziel. Während zu Anfang der Recycling-Experimente quasi einfach der Zusammenbau umgekehrt abgespielt wurde, stellte sich das schnell als wenig praktikabel heraus.

Das hat Folgen: Der erste Liam brauchte auch deshalb so lange, weil er vorsichtig jedes Schräubchen einzeln aus dem Gehäuse holte. Daisy geht heute weit weniger zaghaft vor: Mit einem sich schnell bewegenden Stab stanzt sie die Schrauben einem Locher ähnlich einfach eine nach der anderen durch die Hauptplatine. Und ist nach etwa drei Sekunden damit fertig. Schließlich spielt es beim Recycling keine Rolle, ob die Schraublöcher noch benutzbar sind. Auch ganze Bauteile wie die für die Vibration zuständige Taptic-Engine werden mittlerweile einfach herausgestanzt. Oben im Video können Sie die Demontage im Detail verfolgen.

Wenn der Roboter mit der Arbeit fertig ist, landen die iPhones ordentlich in gut verarbeitbare Teile zerlegt in sich langsam mit Gehäusen, Kamera-Einheiten oder Hauptplatinen füllenden Körben. Für das einzelne Gerät mag es das Ende sein, seine Rohstoffe werden in einem neuen Gerät neues Leben finden.

Die Einzelteile werden in Körben gesammelt. Rechts befinden sich etwa die Kamera-Einheiten, links die Aluminium-Gehäuse
Die Einzelteile werden in Körben gesammelt. Rechts befinden sich etwa die Kamera-Einheiten, links die Aluminium-Gehäuse
© Apple / PR

Recycelt ist nicht gleich recycelt

Trotz des relativ rabiaten Vorgehens ist Daisy viel sanfter als jeder Schredder. Weil die Taptic-Engine, die Lautsprecher mit ihren von seltenen Erden strotzenden Magneten oder die Kamera mit ihrem hohen Anteil an Gold und Kupfer in einem Stück erhalten bleiben, lassen sich die wertvollen Ressourcen zuverlässiger daraus zurückgewinnen als aus dem bei einem Schredder entstehenden Mischmasch aus Bruchstücken voller Plastik, Aluminium und Edelmetallen.

Gleichzeitig wird ein weiteres Problem der herkömmlichen Recycling-Prozesse vermieden: die durch die Vermischung verursachte Verschmutzung des Materials. Für Apple ist das enorm wichtig. Weil der Konzern bei der Fertigung seiner Produkte Wert auf eine extrem hohe Qualität der Materialien legt, ist die Verwendung recycelter Rohstoffe eine besonders große Herausforderung. Zwar ist es einfach, mit einem iPad-Gehäuse "Downcycling" zu betreiben und etwa eine Getränkedose daraus zu machen. Will man aber hochwertige und genauso stabile Neugeräte aus recycelten Materialien herstellen, muss man erheblich mehr Arbeit in die Wiederaufbereitung stecken und etwa Verunreinigungen durch Plastikreste oder andere Metalle vermeiden.

Genau das ist aber Apples langfristiges Ziel. Bei Aluminium ist der Konzern dabei schon sehr erfolgreich, wie der jährliche Umweltbericht zeigt. Ob die Apple Watch Series 7, die aktuellen Notebooks der Macbook-Air- oder Macbook-Pro-Reihe oder die gerade neu vorgestellten iPad Air: Beim Großteil der im vergangenen Jahr vorgestellten Apple-Geräte stammt das Aluminium des Gehäuses zu 100 Prozent aus recyceltem Material. Auch bei Gold oder den in Lautsprecher-Magneten genutzten seltenen Erden erreicht Apple in einigen Komponenten ähnliche Quoten. Bei den insgesamt 14 wichtigsten Materialien erreicht Apple eine bestätigte Recycling-Quote von 18 Prozent, der Konzern will sie weiter erhöhen.

Beim Zerlegen geht Apples Roboter durchaus rabiat vor
Beim Zerlegen geht Apples Roboter durchaus rabiat vor
© Apple

Lange Lebensdauer

Geht es nach Apple, ist Recycling aber nur der letzte Schritt. Mit immer stabileren Gehäusen, langer Unterstützung mit neuen Software-Versionen, einem günstigeren Batterie-Tausch und einem Programm zur Eigenreparatur zahlreicher Geräte versucht der Konzern bereits seit Längerem, die Lebensdauer der einzelnen Geräte zu erhöhen

Nach dem Motto "Besser in Benutzung als in der Schublade" kauft Apple dafür auch Altgeräte auf. Wenn möglich, werden die wiederaufbereiteten Geräte dann erneut Kunden angeboten, zuletzt begann man auch in Deutschland erstmals, wiederaufbereitete iPhones  im eigenen Online-Shop anzubieten. Sind abgegebene Geräte zu alt oder beschädigt, nimmt Apple sie allerdings nur kostenlos zur Entsorgung an – und verfüttert sie an Daisy. 

Große Pläne

Noch ist Apple längst nicht da, wo das Unternehmen hinmöchte. In seinem Bestreben nachhaltiger zu werden, ist es aber auf einem guten Weg. Bis 2030 will der Konzern komplett klimaneutral arbeiten. "Für unser eigenes Geschäft ist das bereits gelungen", betont Jackson. Der Betrieb des Firmensitzes in Cupertino und die Arbeit der Mitarbeiter seien komplett durch Umweltprojekte ausgeglichen, erklärt Apple, zudem arbeite man quasi müllfrei. Auch bei der Herstellung der Geräte und ihrer Bauteile ist Apple auf Kurs, diese klimaneutral umzusetzen. "Bereits heute haben sich 213 unserer Zulieferer verpflichtet, alle Apple-Aufträge mit 100 Prozent erneuerbarer Energie auszuführen", so Jackson. Das habe zudem eine Signal-Wirkung, heißt es aus dem Konzern: Viele der Zulieferer hätten begonnen, auch die übrige Produktion umzustellen. Ein durchaus gewünschter Effekt.

Auch beim Recycling bleibt noch Luft nach oben. 1,2 Millionen iPhones könnte Daisy jedes Jahr zerlegen, genauso wie ihre gleichnamige Schwester in Austin, Texas. Wie viele es tatsächlich sind, will der Konzern zwar nicht verraten, beide Recycler hätten aber noch Kapazitäten frei, bis es eng wird. Man würde gerne mehr Geräte verwerten, erklärt der Ingenieur. Doch die Kunden nähmen die Entsorgungs-Angebote des Konzerns aktuell noch weniger in Anspruch, als dieser es sich wünscht. Das sei auch der Grund, dass bisher nur das iPhone – das mit Abstand meistverkaufte Produkt des Konzerns – mittels des Roboters zerlegt wird. Sollte die Grenze von 1,2 Millionen Geräten irgendwann geknackt werden, wäre das für den Konzern kein echtes Problem: In der Lagerhalle in Breda wäre auch noch Platz für weitere Daisys.


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