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Kampf gegen das Virus: Singapurs Corona-App ist das Vorbild der deutschen - und zeigt ein gigantisches Problem

Die Contact-Tracing-App gilt als wichtiger Bestandteil der Corona-Strategie. Doch das Vorbild aus Singapur lässt Zweifel an ihrem Erfolg wach werden: Kaum jemand dort hat die App installiert.

Singapurs Tracing-App TraceTogether ist bereis Ende März erschienen

Singapurs Tracing-App TraceTogether ist bereis Ende März erschienen

AFP

Es klingt wie ein großartiger technischer Kompromiss: Indem wir mit einer App anonym protokollieren, wer länger Kontakt mit einer positiv auf das Coronavirus getesteten Person hatte, können wir zeitnah alle potenziell über sie infizierten Menschen warnen - und so die Ausbreitung effektiver eindämmen. Das erlaubt dann weitere Lockerungen, hofft die Bundesregierung. Berichte aus Singapur zeigen nun, dass man die Erwartungen vielleicht etwas dämpfen sollte.

In dem asiatischen Stadtstaat ist das Vorbild der Corona-App bereits seit Ende März im Einsatz. Wie die noch in Entwicklung befindliche deutsche App setzt auch ihr Vorbild namens "TraceTogether" auf Bluetooth, um längere Kontakte zwischen Personen zu erkennen und zu protokollieren. Wird eine von ihnen als positiv getestet, erhalten Personen, mit denen ein Kontakt gespeichert war, eine Meldung. So weit, so theoretisch sinnvoll. 

Kaum jemand installiert die App

Doch damit die App wirklich gegen die Verbreitung des Virus hilft, ist vor allem eines wichtig: Um Risiko-Kontakte und mögliche Infektionen erkennen zu können, müssen entsprechend vielen Menschen bereit sein, sich mit ihrem Smartphone an dem Contact-Tracing-Programm zu beteiligen. Doch genau das scheint in Singapur nicht zu passieren.

Von den 5,6 Millionen Einwohnern Singapurs haben nur knapp 1,4 Millionen TraceTogether auf ihr Smartphone gelassen, berichtet die "South China Morning Post". Was zunächst gar nicht schlecht klingt - immerhin entspricht das einem Viertel der Bevölkerung -, ist nach Ansicht vieler Experten zu wenig. Mindestens drei Viertel der Bürger müssten es nach Ansicht des singapurischen Entwicklungsministers Lawrence Wong sein, der die Taskforce zum Kampf gegen den Virus leitet. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung müsste also noch hinzukommen. 

Sicherheitsbedenken im Überwachungsstaat

Eine Umfrage habe ergeben, dass etwa 45 Prozent der Singapurer zwar von der App gehört, sie aber trotzdem nicht installiert hätten, berichtet die "SCMP". Die Gründe für die Ablehnung sind zahlreich. Einer der meistgenannten: Viele Bürger fürchteten, dass der Staat weitere Daten über sie sammeln kann. Das ist durchaus bemerkenswert. Während die Deutschen etwa als Privatsphäre-Schützer gelten, ist man in dem autokratisch regierten Stadtstaat durchaus gewohnt, überall mit Sicherheitskameras und anderen Überwachungsmethoden kontrolliert zu werden. Singapur ist nach einer Studie der am elftmeisten überwachte Staat der Welt - und findet in der Regel wenig Anstoß daran.

"Im Kern geht es um das Vertrauen", zitiert die Zeitung die Sicherheits-Forscherin Teo Yi-Ling. In der Vergangenheit habe es mehrere Cyber-Attacken gegeben, bei denen enorm persönliche Daten wie auch Gesundheitsinformationen von staatlichen Stellen gestohlen wurden. "Die Menschen denken sich: Ich will der Regierung keinen Zugriff auf diese Daten geben, wenn ich nicht sicher sein kann, dass sie geschützt sind", erklärt Teo die Zurückhaltung.

Frau schaut genervt auf ihr Smartphone

Das Paradox der geringen Nutzung

Doch neben der Überwachungs-Angst gibt es auch viel banalere Gründe. "Ich gehe nicht viel raus", erklärte etwa eine Singapurerin den "Tagesthemen". "Ich bin da einfach zu faul für", feixt eine andere. "Ich habe die App wieder abgeschaltet", erklärt ein Mann. Die App habe ihm mit dem im Hintergrund aktiven Bluetooth den Akku zu schnell leergesaugt.

Zumindest das letzte Problem dürfte die deutsche App nicht haben. Sie baut auf einem Grundgerüst auf, das Apple und Google direkt in ihren Smartphone-Betriebssystemen iOS und Android verbauen. Die Integration hat gleich mehrere Vorteile. Zum einen muss die App nicht ständig im Vordergrund laufen, das senkt den Energiehunger. Zum anderen verbieten die beiden Konzerne den auf ihrer Technik basierenden staatlichen Apps, das Contact Tracing zur Überwachung zu benutzen. Die auch in Deutschland zu erwartende Angst davor wäre also unbegründet, zumal die aktuell geplante App ohnehin keine Daten zentral erfassen soll. Auch eine Zwangsinstallation, die für eine rasante Verbreitung der App sorgen würde, ist von den Konzernen verboten. Die Bundesregierung hatte sie für Deutschland vorher schon ausgeschlossen.

Doch das wohl größte Hindernis können auch Apple und Google nicht lösen. Viele Menschen installieren die App schlicht deswegen nicht, weil sie nicht nützlich ist, solange sie nicht von vielen anderen installiert wird. "Ich verstehe die soziale Verantwortung, sie zu installieren"; erklärt etwa Student Zhu der "SCMP". "Aber es funktioniert sowieso nicht, bevor sie nicht große Teile der Bevölkerung installieren. Und bis dahin ist mir das den Nachteil nicht wert."

Quellen: South China Morning Post, Tagesthemen