"Taser Partys" Kaffeekränzchen unter Starkstrom


Selbstverteidigung ist kein Relikt aus dem Wilden Westen, sondern ein ganz aktuelles Thema: Statt Tupper-Partys organisiert eine Amerikanerin "Taser Partys" zum Verkauf von Elektroschockern. Mit diesen Waffen sollen sich vor allem Frauen sicherer fühlen.
Von Karsten Lemm

Wann immer Dana Shafman die Fernsehnachrichten sieht, voller Meldungen über Raub, Diebstahl und Totschlag, fühlt sie sich bestätigt: Auf den Staat ist kein Verlass, die Polizei kommt gegen die Gewalt im Alltag nicht an. "Eine Tragödie folgt der anderen, es gibt einfach nicht genügend Polizisten", klagt die Unternehmerin aus Scottsdale, Arizona, und so hat sie beschlossen, Hilfe in der Selbsthilfe zu suchen. Seit einigen Monaten organisiert Shafman die moderne Variante der Tupper-Party: Kaffeekränzchen, bei denen ihre Landsleute lernen können, sich mit Elektroschock-Waffen anzufreunden.

"Die Verfassung gibt uns das Recht auf Selbstverteidigung", erklärt die 35-jährige Amerikanerin. "Mit allen nötigen Mitteln." Ein bis zwei Mal pro Woche versammelt sie Gleichgesinnte, um ihnen vorzuführen, wie man potentielle Angreifer mit einem "Taser" ausschaltet. Die Pistolen feuern Metallspitzen ab und erzeugen Blitze mit einer Stärke von bis zu 50.000 Volt, die jeden, der ihnen zu nahe kommt, vorübergehend außer Gefecht setzen. Taser werden laut gleichnamigem Hersteller in über 40 Ländern von Polizei und Sicherheitskräften genutzt. Allerdings sind die Schockpistolen höchst umstritten: Amnesty International zufolge starben seit 2001 allein in den USA fast 300 Menschen nach Taser-Einsätzen. Die Firma bestreitet jede Schuld. Dennoch bleiben ihre Produkte in einer Reihe von US-Bundesstaaten verboten.

Dana Shafman versteht die Aufregung nicht. "Missbrauch lässt sich mit allem betreiben", erklärt sie und argumentiert, genau wie der Hersteller, dass bei vorschriftsmäßiger Nutzung keine Gefahr für die Taser-Opfer bestehe - ganz anders als bei herkömmlichen Waffen. "Ein Taser wirkt nur vorübergehend", sagt Shafman, die sich probehalber selbst der Starkstrom-Behandlung unterzogen hat, um zu sehen, wie das ist. "Ein Schmerz, der durch Mark und Bein geht", sei das gewesen, aber eben nicht tödlich oder ernsthaft verletzend. Deshalb sei der Taser die perfekte Waffe für alle, denen Pistolen zu martialisch sind und Pfefferspray zu unzuverlässig.

Vom Taser begeistert

"Gerade für uns Frauen gab es bisher nichts, mit dem wir uns wirklich sicher fühlen konnten", sagt Shafman, die früher versuchte, ihre Furcht vor Einbrechern mit einem Baseball-Schläger zu bekämpfen. Als sie den Taser entdeckte, war sie so begeistert, "dass ich allen anderen davon erzählen wollte". So gründete sie die Firma "Shieldher" und tingelte eine Weile als unabhängige Vertreterin durchs Land - allerdings mit mäßigem Erfolg. Bis ihr der Gedanke kam, die Elektropistolen nicht von Tür zu Tür zu verkaufen, sondern in gemütlichem Beisammensein nach dem Modell der Tupper-Partys. Das soll eine Atmosphäre schaffen, in der man sich "ohne Angst über seine Ängste unterhalten kann".

Meist kämen 10 bis 20 Teilnehmer, berichtet Shafman, Männer genau wie Frauen, 18-Jährige ebenso wie 70-Jährige. In lockerer Runde geht es erstmal um Statistik: den Grund dafür, dass der moderne Mensch sich besser nicht unbewaffnet aus dem Haus wagen sollte, wie die Shieldher-Gründerin findet. Mehr als 1,4 Millionen Gewaltverbrechen wurden in den USA für 2006 gemeldet, darunter 861.000 Überfälle und 92.000 Vergewaltigungen. Das sind zwar 13 Prozent weniger Gewalttaten als vor zehn Jahren, aber aus Shafmans Sicht noch kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen. "Kriminalität gibt es überall", sagt sie, und die schlechte Wirtschaft mache die Situation nur noch schlimmer. "Selbst wenn das Risiko gering sein mag - warum sollte man es eingehen?"

Deshalb hat sie ihren Taser immer dabei, das neue Modell CS 2, das klein und handtaschenfreundlich ist und für Modebewusste auch in Rosa, Silber sowie "Electric Blue" zu haben. Zu jeder Taser-Party bringt sie eine Zielscheibe mit, in Alufolie gehüllt, damit beim Vorführen ordentlich Funken sprühen. "Das Schießen ist der unterhaltsame Teil der Veranstaltung", erklärt Shafman. "Da können die Leute sehen, wie einfach alles geht." Dennoch hält sich die Mehrheit mit dem Kauf zurück. Das mag am Preis von etwa 300 Dollar liegen oder daran, dass die abschreckende Wirkung sich bisweilen auf mögliche Kunden erstreckt.

"Taser sind nicht für jeden geschaffen", räumt Shafman ein. "Man muss bereit sein, sein Schicksal, seine Sicherheit in die eigenen Hände zu nehmen." Wenn sie Glück hat, verkauft sie an einem Abend fünf Geräte, oft sind es weniger. Sie bekommt keine Kommission, sondern bezieht die Taser zum Händlerpreis und verdient an der Differenz. Das sei genug zum Leben, aber nicht zum Reichwerden, erklärt Shafman. Doch es gehe ihr ohnehin nicht ums Geld, versichert die Selbstverteidigungs-Advokatin, sondern um den Kampf gegen Gewalt. Deshalb freue es sie auch, dass sich neuerdings im ganzen Land Nachahmer finden. "Wenn ich helfen kann, das Leben auch nur eines Menschen zu retten", sagt Shafman, "ist mein Ziel schon erreicht."


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