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Betrug: Millionen-Coup am Geldautomaten

Nur zwei Informationen brauchen die Verbrecher für ihren Trick. Um an sie zu gelangen, ist jedoch großer Einfallsreichtum gefragt. Wie Betrüger unbemerkt EC-Karten kopieren und die Geheimnummer ausspähen - und was die Polizei den Bankkunden in Deutschland rät.

Von Carsten Görig

Ganz harmlos sehen die Beweisstücke aus, die Kriminalhauptkommissar Reinhard Geistert auf den Tisch im Hamburger Landeskriminalamt legt: ein Rauchmelder, ein Raumbefeuchter, die Zierleiste eines Geldautomaten. Alle stammen von ähnlichen Tatorten: den Räumen, in denen Banken ihre Geldautomaten aufstellen. Alle sind präpariert. Winzige Gucklöcher für Kameras wurden hineingebohrt, Aussparungen für Speicherkarten und Elektronik eingeschliffen. Dazu legt Geistert noch täuschend echt aussehende Tastaturen zur Geheimzahleingabe und Blanko-Geldkarten.

Die Utensilien dienen alle demselben Zweck: nichtsahnenden Bankkunden an einem Geldautomaten die Daten ihrer Geldkarte zu entlocken und später Bares abzuheben. Das schaffen die Ganoven immer besser. Mehr als 54.000 Geldautomaten gibt es in Deutschland, an 459 davon haben Betrüger im vergangenen Jahr Daten von 70.000 Geldkarten kopiert. Damit haben sich die Angriffe auf Geldautomaten im Vergleich zum Vorjahr um fast 50 Prozent gesteigert. 21 Millionen Euro beträgt der Verlust, der den Banken 2007 durch diese Masche entstand. Die nämlich ersetzen ihren Kunden den entstandenen Schaden.

Methoden und Tricks

Zwei Informationen brauchen die Verbrecher für ihren Trick. Sie müssen die Daten auf dem Magnetstreifen der Geldkarte auslesen und ihre Geheimzahl kennen.

Letzteres gelingt zum Beispiel mit versteckten Kameras, die die Eingabe der Geheimzahl filmen und das Video auf einem Datenchip speichern, den der Dieb später abholt. Der Kriminalhauptkommissar zeigt eine selbst gebastelte Zierleiste mit Kamera, die oben an einen Automaten geklebt wurde und in den Firmenfarben der Bank gestrichen ist. Und einen Raumbefeuchter, der mit Kamera ausgestattet wurde. Manche Teile sind sogar maschinell gestanzt worden, "in Serie hergestellt und an den Automatentyp angepasst", sagt Geistert.

Ein anderer Trick: Betrüger kleben gefälschte Nummernfelder auf die echte Tastatur. Die registrieren und speichern die Eingabe, geben die Zahl aber auch an den richtigen Ziffernblock weiter. So merken die Kunden nicht, dass etwas faul ist, denn ihr Geld bekommen sie problemlos - ebenso wie später der Dieb.

Auch mit einem unauffälligen Gerät vor dem Kartenschlitz des Geldautomaten, das oft wie ein Rahmen aussieht, lässt sich der Magnetstreifen auslesen. In dem Rahmen steckt ein winziger Lesekopf, der die Daten der Karte speichert. Meistens merken weder Kunden noch Bankangestellte etwas von solchen Manipulationen. Gibt es Anhaltspunkte, die Kunden skeptisch machen können?

Ein paar Tipps von der Polizei, worauf zu achten ist:

  • Niemals an Türöffnern, an denen die Geldkarte durchgezogen werden soll, auch die Geheimzahl eintippen.
  • Grundsätzlich die Tastatur mit der anderen Hand verdecken, weil so die Eingabe nicht gefilmt werden kann.
  • Wackeln Automatenteile oder wirken Zusatzgeräte unpassend, ist es besser, einen anderen zu benutzen oder in der Filiale nachzufragen.

Wo die Datendiebe zuschlagen, ist nicht vorherzusagen. "Früher gab es die meisten Fälle in Süddeutschland", sagt Geistert. Inzwischen ist der Norden genauso betroffen. Beliebte Ziele sind Automaten in belebten Einkaufsstraßen, bevorzugt am Wochenende. Denn in der Hektik des Shoppings achten viele Menschen nicht auf verdächtige Dinge in der Nähe des Automaten, zudem können innerhalb kürzester Zeit viele Daten gesammelt werden.

Eine Hürde jedoch ist für die Betrüger nicht zu nehmen, jedenfalls innerhalb der Bundesrepublik: "Deutsche Geldautomaten fragen neben der Geheimnummer noch ein weiteres Sicherheitsmerkmal ab", sagt Geistert. Das ist der in der Geldkarte verborgene Chip, der weder ausgelesen noch nachgebaut werden kann. Dennoch kommen die Diebe ans Geld. Die von den Magnetstreifen geklauten Daten werden auf Blankokarten übertragen und im Ausland benutzt. Die Automaten dort fragen nicht nach dem Chip - sie spucken Bargeld aus. So lange, bis die Karte gesperrt oder das Limit erreicht ist.

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