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RoboCup 2006: Ball. Tor. Treten. Tor!

Elf Titel an einem Tag - das müssen menschliche Fußballer erst mal nachmachen. Dass künstliche Kicker außerdem über Charme verfügen, zeigte der "RoboCup". Ergebnisse und Eindrücke von der WM der Roboter.

Von Ralf Sander

Sie wollen eigentlich nur Fußball gucken - und dürfen sich plötzlich wie ein Ball fühlen: "Zieh Dein Hemd aus, sonst kommt er und tritt dich", sagt ein Zuschauer - nur halb im Scherz. Für die Spieler nämlich ist alles, was grell orange leuchtet, ein potenzieller Ball. Sie sind Männchen aus Metall und Plastik, reichen Menschen bis zur Hüfte und sind für Sportler überraschend wackelig auf den Beinen. Doch dies ist der "RoboCup 2006", die Weltmeisterschaft der Roboter. Hier im Bremer Messezentrum wird mitgefiebert wie in den Stadien mit den menschlichen Kickern. Gleichzeitig wird gestaunt, wenn wieselflinke Kästchen sich im Doppelpassspiel versuchen, Plastikhunde zum Dribbelsolo ansetzen und mechanische Männer im Hechtsprung den Ball auf der Linie retten. Und klaglos ducken sich Erwachsene und Kinder hinter der Spielfeldbande, weil ihre orangefarbenen oder roten Kleidungsstücke die Kameraaugen der Spieler verwirren könnten.

Die Welt zu Gast bei Freunden - lebendigen und künstlichen: 13.600 Menschen kamen an den vier Tagen zum größten Spektakel seiner Art. 2600 Teilnehmer in 440 Teams aus 36 Ländern traten in unterschiedlichen Wettbewerben gegeneinander an, 22 Fernsehteams aus 19 Ländern berichteten. Auch sportlich hagelte Erfolge für den Gastgeber: Deutschland liegt mit elf von 33 möglichen Titeln vorne. Zweiter wurde China mit neun und Dritter Japan mit sechs ersten Plätzen.

Abstraktes wird fassbar

Informatik und Ingenieurswissenschaft - Begriffe, die nicht nur mit "I" beginnen, sondern die bei vielen Menschen einen vergleichbaren Laut ("Iiiieeehhh!") hervorrufen, werden auf dem "RoboCup" mit Leben erfüllt, lösen Emotionen aus, bauen Berührungsängste ab. Wenn die Aibo-Roboterhunde sich einen Ball zwischen die Vorderpfoten klemmen und zum Sololauf starten, entfährt nicht nur den zahlreichen Kindern unter den Besuchern ein "Ist das süß!". Handfeste Action gibt es bei den großen rollenden Robotern der Middle Size League. Da kann schon mal die Spielfeldbegrenzung umkippen, kräftig geschlagene Flanken fliegen hoch ins Aus. Zuschauer und Wissenschaftler brüllen bei Torszenen und vergebenen Chancen, als hätten die Akteure nicht nur optische Sensoren, sondern auch Mikrofone und eine eingebaute Anfeuerungsauswertungssoftware.

Die Kunst der kleinen Bewegungen

Neben viel Spaß ist die Schlacht der Roboter vor allem Forschung und technische Herausforderung (siehe auch den Artikel "Auf Sieg programmiert"). Nirgendwo werden diese Aspekte unterhaltsamer und gleichzeitig auch für Laien einfacher nachzuvollziehen als bei den humanoiden Robotern. Sie sehen uns Menschen am ähnlichsten und erinnern in ihren noch unbeholfenen Bewegungen an kleine Kinder. Die Fußballspiele bestehen zurzeit nur aus Strafstoß-Duellen, weil ein richtiges Feldspiel noch gar nicht möglich wäre. Dennoch gibt es große Szenen: Kicker, die zielstrebig am Ball und gleich weiter am Tor vorbei und vom Spielfeld laufen. Schützen, die beim Ausholen einfach umfallen. Torhüter, die völlig überraschend einen Spagat zeigen und den Ball abwehren. Das ist alles sehr lustig - und lehrreich. Bewegungen, die wir gar nicht mehr wahrnehmen, werden wieder sichtbar. Wenn der Roboter in kleinen Schritten vor dem Ball tanzt, versucht er sich in Position zu bringen. Gleichzeitig zuckt sein Kopf mit der eingebauten Kamera. Blick auf den orangefarbenen Kreis am Boden (Ball), Blick auf das weiße Rechteck (Tor). Immer wieder abgleichen. Dann auf einem Bein stehen. Nicht umfallen, während das andere schwingt. Ball treffen. (Einen Eindruck von diesem Prozess vermitteln die ersten beiden Videos, die weiter oben im Artikel verlinkt sind.)

Es menschelt

Manchmal entsteht aus dieser Abfolge sogar mehr als nur die Summe kleiner Bewegungen: Im Spiel KMUTT aus Thailand gegen die Darmstadt Dribblers scheint einer der Deutschen einen ganz schlechten Tag erwischt zu haben. Offenbar erkennt er den Ball nicht, stattdessen läuft er blind herum, steht irgendwann sogar mit dem Rücken zum Zieltor. "Gibt es beim Elfmeterschießen eigentlich auch Eigentore?", wird auf der Tribüne diskutiert. Völlig überraschend lässt sich der Torhüter in eine Ecke fallen. Der Schütze dreht sich um und versenkt den Ball seelenruhig in der freien Ecke. Sensorenprobleme. Fehlende Daten. Ist schon klar. Wissen wir Zuschauer alles. Und doch können wir uns allzumenschlicher Gedanken nicht erwehren: War der Torhüter gelangweilt? War das eine Finte des Schützen?

Mit Material von DPA
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