Verrücktes Japan Entscheidungen? Gibt's am Automaten


Kaum ein Land auf der Welt geht bei der Technisierung des Alltags so weit wie Japan: Millionen von Automaten verkaufen die skurrilsten Dinge. Der neueste Hit: eine Maschine, die dem Kunden die Entscheidung abnimmt, was er kaufen möchte.

Sie stehen in Bahnhöfen, auf erleuchteten und dunklen Plätzen, auf dem schneebedeckten Gipfel des Fujiyama oder vor Shinto-Schreinen, sie verkaufen Getränke, Bananen, warmes Essen, Blumen, Wegwerfschirme und Orakel: In Japans Straßenbild sind Verkaufsautomaten inzwischen so allgegenwärtig wie Ampeln. Fünf Millionen dieser manchmal gar nicht mehr so stummen Diener gibt es in dem Land. Der Trend dabei geht zu Maschinen, die mehr können als nur Getränke ausspucken - Gedanken lesen zum Beispiel und dann für den Kunden Entscheidungen treffen.

"Sie sind so praktisch, am liebsten hätte ich einen in meinem Zimmer" - Hibiki Miura lacht. Die 18-Jährige hat sich gerade aus einem der Automaten eine einzeln abgepackte Banane gezogen. Genau die gleiche Banane hätte sie im Tante-Emma-Laden um die Ecke bekommen können, aber auf den Gedanken kommt sie gar nicht mehr, seit es den Automaten gibt. Wie die meisten ihrer Landsleute könnte sie sich ihren Alltag ohne diesen nicht mehr vorstellen. "Die Leute haben einfach ihren Spaß mit ihm", sagte eine Sprecher der Firma Dole Japan, die hinter dem stummen Bananen-Verkäufer steht.

Kein Thema ist zu abseitig

Dass Automaten geknackt werden, kommt in dem Land der niedrigen Verbrechensraten nur selten vor. Deshalb vermehren sie sich täglich: Neben den 2,5 Millionen klassischen Getränkeautomaten gibt es nochmal so viele Maschinen, die die unterschiedlichsten Produkte verkaufen. Um sich von ihren Rivalen abzuheben, informieren einige inzwischen auch über die neuesten Schlagzeilen oder den Punktestand beim Basketballmatch. In einem abgelegenen Dorf der Insel Okinawa steht ein Getränkeautomat mit eingebautem Mikrofon, das den Gesang seltener Vogelarten einfängt.

Andere Getränkeautomaten werfen nach Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen ihren Inhalt kostenlos aus: Als im Februar nach dem schweren Erdbeben in Chile eine Tsunami-Warnung für die Präfektur Hokkaido ausgegeben wurde, versorgte eine Maschine die geflüchteten Einwohner mit 680 Flaschen.

Entscheidungen auslagern

Der jüngste Hit ist eine High-Tech-Maschine, die Entscheidungshilfe leistet: Mit Hilfe einer Kamera und einer speziellen Marketing-Software erkennt der Automat Geschlecht und ungefähres Alter des Kunden und schlägt ihm dann vor, ob er lieber einen Espresso nimmt oder ein Kaltgetränk. Hidemi Mio hat den Automaten am Tokioter Bahnhof Shinagawa ausprobiert. Unter den 47 verschiedenen Getränken wählte er drei für sie aus, darunter einen Eistee. "Glücklicherweise hat er genau meinen Geschmack getroffen", sagte die 48-Jährige. Sie will ihn jetzt häufiger nutzen: "Besonders, wenn ich mich nicht entscheiden kann".

Der Erfolg des neuartigen Automaten ist umwerfend. Im August ging er in Betrieb, und schon jetzt setzt er drei Mal so viel um wie all die anderen 50 herkömmlichen Getränkeautomaten in der Station, wie der Vertriebschef des Betreibers JR East Water Business Co, Toshinari Sasagawa, sagt. In den kommenden zwei Jahren sollen an den Bahnhöfen 500 der intelligenten Maschinen aufgestellt werden. JR East Water Business Co, dessen Besitzer die Japans Bahn ist, plant bereits den nächsten Schritt: Ein Automat, der mit seinen Kunden "kommuniziert". "Wir wollen, dass der Verkaufsprozess zu einem wahren Erlebnis wird, der über den simplen Automatenkauf hinausgeht", schwärmt Sasagawa von der neuen Generation - einer Art Tante Emma der Zukunft.

Miwa Suzuki, AFP AFP

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