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Wracktaucher Jewgenij Tschernjajew Keiner kennt die "Titanic" so gut wie er


Er lieferte für Camerons Blockbuster "Titanic" die Unterwasseraufnahmen. 80 Mal tauchte Jewgenij Tschernjajew zum Wrack - und entdeckte immer wieder Neues, wie er im Interview berichtet.

Herr Tschernjajew, 1991 tauchten Sie zusammen mit dem kanadischen Regisseur Stephen Low zum ersten Mal zur "Titanic". Können Sie sie noch an den Moment erinnern, als Sie das Wrack erblickten?
Natürlich. Wenn ich mich unter Wasser einem Objekt nähere, stürmen immer sehr viele Gedanken und Eindrücke auf mich ein. Bei der "Titanic" spürte ich sofort die Tragik ihrer Geschichte, die vielen Menschen, die dort gestorben sind. Ich stellte mir vor, wie dieses riesige Schiff über den Ozean geflogen ist und wie viele mutige Männer und Frauen dort gearbeitet haben. Das Wrack der "Titanic" ist hoch wie ein fünfstöckiges Haus und vollkommen überwuchert. Ich näherte mich den Bullaugen und sah ins Innere. Ich erkannte Details der Mechanik, ich denke, es waren Winden. Sie waren aus Bronze und sie glänzten immer noch. Nach so vielen Jahren. Einfach unglaublich.

Gab es später noch Beobachtungen, die Sie ähnlich beeindruckt haben?
Die "Titanic" ist immer wieder aufs Neue faszinierend. Die Fragmente des Schiffes liegen über einen Kilometer am Meeresboden verteilt, sie ist in drei Teile zerbrochen. Ich habe die Reste des Ausgucks gesehen, von dem der Matrose zu spät den unglückseligen Eisberg sah, Säulen mit prächtig geschnitzten Holzverkleidungen - weder von der Zeit noch von Mikroorganismen beschädigt. Einmal fand ich eine Flasche. Der Korken war nicht wie bei allen anderen Flaschen durch den Druck unter Wasser vollständig nach innen gedrückt worden. Ich hob sie mit einem Greifarm auf und begutachtete die Flasche eine Weile. Dann verstand ich, dass die Flüssigkeit darin gärte. Die entstehenden Gase bildeten ein Gegendruck zur Tiefsee und der Korken blieb an seiner Stelle.

Kann man sagen, dass niemand das Wrack der "Titanic" so gut kennt wie Sie?
Ich habe etwa 80 Tauchfahrten zum Schiff unternommen, das macht etwa 1000 Stunden unter Wasser, mehr hat niemand auf der Welt. Aber ich habe das nie geplant, von Reisen zur "Titanic" habe ich nie geträumt, noch nicht einmal daran gedacht. Das ist mir einfach so passiert.

Wie kam es, dass schon im Jahr 1991, also mitten in der Umbruchzeit in der Sowjetunion, ein kanadisches Filmteam und ein russisches Forschungsteam zusammen tauchten?
Das passte einfach gut zusammen. Das Kinounternehmen Imax suchte damals gerade ein U-Boot, mit dem es den Dokumentarfilm Titanica verwirklichen konnte. Sie schauten sich auf der ganzen Welt Tiefsee-U-Boote an und kamen zum Schluss zu uns.

Ausgerechnet zu den Russen.
Stimmt, der Gedanke, mit Russen zusammenzuarbeiten, war ja nicht gerade naheliegend. Aber ich glaube, wir waren ihre letzte Hoffnung. Und als sie unsere beiden Mir-Boote sahen, waren sie begeistert. Sie sind sehr mobil, können tief tauchen, und die breiten Frontscheiben waren ideal für ihre großen Kameras. Als Stephen Low mich fragte, wie viel Energie für Beleuchtung zur Verfügung stehe, sagte ich: "Sie können von mir so viel Energie haben, wie sie möchten." Die Sache war dann schnell entschieden.

Waren Sie sich damals schon Ihrer besonderen Aufgabe bewusst?
Ich fand zunächst einmal das Steuern ziemlich schwierig. Im U-Boot können drei Personen mitfahren, und auf dem Platz, auf dem ich normalerweise saß, stand die Kamera. Ich lag mehr und musste mich ziemlich verrenken, um an die Steuerung zu kommen.

Aber die "Titanic" ist eine Legende. Haben Sie daran gedacht?
Für uns Russen war das damals eine sehr schwierige Zeit. Das ganze Land brach zusammen, die Wirtschaft lag total am Boden. Wir am Institut wussten überhaupt nicht, ob wir unsere wissenschaftliche Arbeit überhaupt noch fortsetzen können. Während dieser ersten Expedition lastete unglaublich viel Druck auf uns. Wir hatten keine Erfahrung mit solchen Tauchgängen, und während der ersten drei Tage konnten wir wegen schlechten Wetters nicht arbeiten. Ich war mit der Vorbereitung so sehr beschäftigt, dass ich nicht viel zum Nachdenken kam. Als ich dann schließlich unten war, war alles anders. Es war wie ein Märchen. Das ist es für mich immer, wenn ich unter Wasser bin. Die Tiefsee ist meine Leidenschaft.

Der Höhepunkt Ihrer Filmkarriere und die der Mir-Boote waren sicherlich die Dreharbeiten mit James Cameron für den Blockbuster "Titanic".
Cameron ist zum Glück ein technisch versierter Mann. Er versteht die Sprache der Ingenieure, denkt wie ein Ingenieur, man kann mit ihm auf gleicher Ebene diskutieren. Ich mag die Zusammenarbeit mit ihm, weil er immer das Beste rausholen will: die beste Technik, die beste Mannschaft, das beste U-Boot. Er will immer etwas Einzigartiges schaffen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite wie die Dreharbeiten mit James Cameron abliefen und wie Jewgenij Tschernjajew sich auf die Fahrten in die Tiefe vorbereitete.

Er ist ein Perfektionist?
Ja, das machte die Arbeit aber auch sehr anstrengend. Die Welt unter Wasser hat so ihre Tücken: Strömungen, aufgewirbelter Meeresboden behindert die Sicht. Aber Cameron rückte nicht von seinen hohen Ansprüchen ab. Er war es gewohnt, Kamerafahrten zwei oder drei Mal zu machen. Manchmal dachte ich: "Gott sei dank! Geschafft!" Und dann stellte sich heraus, das er gar nicht gedreht hatte, sondern nur geprobt. Mein letzter Tauchgang mit ihm dauerte 18 Stunden, allein für Ab- und Aufstieg benötigten wir fünf Stunden.

Und das alles in dem kleinen, unbequemen U-Boot.
Für diese Arbeit braucht man sehr viel Begeisterung, ansonsten macht man so etwas nicht mit. Die Tauchgänge mussten ja auch vorbereitet werden. Zeit zum Schlafen blieb da nicht viel übrig.

Wie haben Sie sich auf die Fahrten vorbereitet?
Wir hatten ein Sechs-Meter-Modell der "Titanic" in einem schwarzen Zelt. Damit wurden vorher fast alle Kamerafahrten geprobt. Um das trübe Wasser zu simulieren, wurde Rauch in das Zelt geblasen. Der Schauspieler Lewis Abernathy, der in dem Lewis Bodine spielte, wurde unser Mitarbeiter. Er maß alle Abstände, wir übertrugen sie auf eine Skala und legten so die spätere Tauchroute fest.

Hat Ihnen das Produkt Ihrer Arbeit, der Film "Titanic", gefallen?
Es ist ein guter Film, natürlich keine Dokumentation. Aber James Cameron arbeitet sehr nah an der Realität, das gefällt mir. Ich habe sehr viele Filme über die "Titanic" gesehen, die meisten sind Kunstprodukte. Das Wrack unter Wasser strahlt einfach eine natürliche Schönheit aus, es nimmt einen sofort gefangen. Diesen tollen Anblick kann keine Technik, und sei sie auch noch so gut, simulieren.

Ihre letzte Fahrt zur "Titanic" ist schon ein paar Jahre her. Werden Sie noch einmal zum Wrack tauchen?
Pläne und Überlegungen gibt es immer, das ist klar. Aber im Moment steht nichts Konkretes fest. Die beiden Mir-U-Boote liegen in ihrem Hafen in Kaliningrad.

Diana Laarz

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