Editorial Sie hat ihren Mut mit dem Leben bezahlt


Liebe stern-Leser!

Sie war eine moralische Instanz in Russland. Eine mutige Journalistin der regierungskritischen Zeitung "Nowaja Gaseta". Korruption, Kriegsverbrechen in Tschetschenien, Putins diktatorischer Regierungsstil - das waren die Themen der freiheitsliebenden, in ihrem Auftreten unscheinbaren Journalistin. Nun ist Anna Politkowskaja tot. Ermordet durch vier Pistolenschüsse im Treppenhaus ihres Moskauer Wohnhauses. Im vergangenen Jahr war sie noch Gast im Auditorium des Verlages Gruner + Jahr, der auch den stern herausgibt. Sie beantwortete damals Fragen unserer heutigen Washington-Korrespondentin Katja Gloger und des stern-Auslandschefs Hans-Hermann Klare nach ihrer gefährlichen Mission für die demokratischen Rechte der Russen. Natürlich habe sie "fürchterliche Angst" um ihr Leben, räumte sie ein und berichtete den 250 Zuhörern, wie sie bereits einen Giftanschlag knapp überlebt hatte, der vermutlich auf das Konto des russischen Geheimdienstes geht. Andreas Albes, Korrespondent des stern in Moskau, über Anna Politkowskaja: "Ich kenne keinen russischen Kollegen, der so unerschrocken für Demokratie und Menschenrechte eingetreten ist wie Anna!"

Das stern-Interview mit Murat Kurnaz ("Meine vier Jahre in Guantánamo", Nr. 41/2006) sorgte vorige Woche für einige Eruptionen auf der politischen Ebene. Kurnaz hatte erklärt, dass er von deutschen Soldaten verhört und misshandelt worden war ("Er hat meinen Kopf auf den Boden geschlagen"). Und dass er 2004 ein weiteres Mal von einem Deutschen verhört wurde. Diese Aussage ist brisant, weil bislang nur ein Verhör im Untersuchungsbericht der Bundesregierung eingeräumt wurde. Reaktion der Regierung auf Kurnaz' Äußerungen: Halb wird dementiert, halb wird hingehalten. Auf Seite 62 präzisiert der stern die Vorgänge noch einmal. Keinen einzigen erhellenden Kommentar hingegen war den Behörden die Tatsache wert, dass die Amerikaner Kurnaz schon 2002 nach Bremen zurückschicken wollten. Ihm war nichts vorzuwerfen, analysierten damals CIA und BND-Beamte. Dennoch haben ihn die Deutschen kalt ausgesperrt. Der damalige BND-Chef Hanning hatte laut Sitzungsprotokoll am 29. Oktober 2002 für eine "Einreisesperre für Deutschland" plädiert. Kanzleramt und Innenministerium "teilten diese Auffassung". Eine Entscheidung, die Murat Kurnaz fast vier weitere Jahre seines Lebens im Folterlager Guantánamo kostete.

über 3,3 Millionen Muslime leben in Deutschland, es ist die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Republik. Als neulich Innenminister Schäuble zur ersten Islamkonferenz bat, zu der neben Vertretern religiöser Verbände auch nicht praktizierende Muslime und ausgesprochene Islam-Kritiker wie die Soziologin Necla Kelek eingeladen waren, lobte ihn dafür selbst der britische "Economist": Endlich nähmen die Deutschen die Muslime nicht nur als Sicherheitsrisiko, sondern auch als Religionsgemeinschaft wahr. Doch was ist eigentlich Islam in Deutschland, und wer sind die deutschen Muslime? Und warum ist das Zusammenleben der Deutschen mit ihrer größten religiösen Minderheit so fragil? stern-Redakteure besuchten Moscheen und alevitische Gebetsstätten, Vereine und eine Sufi-Herberge. Sie sprachen mit Hausfrauen, Architekten, Polizisten, Lehrern, Schauspielern - und Fanatikern. Sie lauschten Predigten und Gebeten, sie nahmen am "Iftar" teil, am Fastenbrechen, und sie saßen in ganz normalen Wohnzimmern herum. Ergebnis: Den Islam in Deutschland gibt es nicht, die Religion ist so vielfältig wie die Menschen, die ihr angehören, und die Länder, aus denen sie oder ihre Eltern kommen. Einige von ihnen - der Verfassungsschutz schätzt ihre Zahl auf knapp 300 - werden als sogenannte Gefährder eingestuft, die im Namen Allahs Gewalt anwenden könnten. Die Übrigen leiden darunter, dass sie unter Generalverdacht stehen.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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