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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich kokse immer mehr und meine Freundin weiß es nicht"

Theo B. möchte bald mit seiner Freundin zusammenziehen, verheimlicht ihr aber ein dunkles Geheimnis: Er kokst fast jeden zweiten Tag. Soll er es ihr die Sucht verraten oder verheimlichen? 

Sucht kann eine Beziehung zerstören, warnt Julia Peirano

Sucht kann eine Beziehung zerstören, warnt Julia Peirano

Hallo Frau Peirano,

ich, 39, habe ein Problem, das ich nicht mehr richtig in den Griff kriege. Ich bin in der Gastronomie und habe einen eigenen Laden mit Galerie. Wie es in meiner Branche oft üblich ist, wird viel getrunken. Man stellt sich zu den Gästen, trinkt ein Glas Wein, dann den nächsten, dann einen Absacker und so weiter. Ich habe schon als Jugendlicher viel getrunken, doch in den letzten fünf Jahren wurde mein Alkoholkonsum immer mehr. Dann habe ich versucht, das in den Griff zu kriegen. Das ging auch, aber nur, weil ich über Bekannte zum Koks gekommen bin. Erst war es alle paar Wochen, mittlerweile kokse ich fast jeden zweiten Tag. Meine Freundin wusste von meinem Alkoholproblem und hat sich mehrmals beschwert und gemeint, ich soll das mal in den Griff bekommen. Unter Alkoholeinfluss habe ich sie anscheinend mehrmals beschimpft oder bei ihr nachts nach der Arbeit Sturm geklingelt.

Meine Freundin war sehr glücklich und stolz auf mich, als ich das Trinken reduziert habe. Jetzt kann ich ihr doch nicht erzählen, dass ich stattdessen etwas viel Härteres nehme?Und dass das Problem gerade aus dem Ruder läuft?!?


Wir wollten eigentlich bald zusammenziehen und suchen nach einer gemeinsamen Wohnung. Ich denke, dass ich ihr unter diesen Umständen sagen muss, was Sache ist. Aber wie kann ich das so verpacken, dass sie mich nicht verlässt?

Vielen Dank,

Theo B.

Lieber Theo B.,

ich finde es einen guten und mutigen Schritt, dass Sie sich - zumindest vor mir - eingestehen, dass Sie ein ernsthaftes Problem haben. Ohne dieses Eingeständnis wird es Ihnen nicht gelingen, Ihre Sucht zu bekämpfen. Wer von Substanzen wie Alkohol, Drogen, Zigaretten abhängig ist oder sich im Sog von schädlichen Verhaltensweisen wie übermäßigem Einkaufen, Horten von Gegenständen oder absichtlichem Erbrechen befindet, empfindet logischerweise starke Schamgefühle. Man schämt sich vor sich selbst und natürlich auch vor anderen. Als Konsequenz wird die eigene Abhängigkeit verleugnet, zum Beispiel in dem man sich das Ausmaß des eigenen Problems nicht eingesteht, es verharmlost oder Entschuldigungen dafür findet. Deshalb ist Suchtverhalten in der Regel ein sehr einsamer Vorgang. Der Betroffene ist mit seinem "schmutzigen" Geheimnis alleine, und niemand anderes hat Zugang zu dem dunklen Bereich. Man trinkt alleine (sobald es ein gewisses gesellschaftlich akzeptiertes Maß übersteigt), kokst alleine, shoppt alleine und "kotzt" alleine. Niemand sieht es, niemand kann einem einen Spiegel vorhalten und fragen: Was machst du da eigentlich? Hör sofort auf damit.

Wenn Sie Ihr Problem vor Ihrer Freundin weiterhin verheimlichen, treibt Sie sich und ihr Problem weiter in die Heimlichkeit. Sie haben schon längst eine unsichtbare Mauer zwischen Ihnen und ihr errichtet – die wird dann noch viel höher, wenn Sie weiterhin heimlich Kokain nehmen.

Außerdem hat Ihre Freundin ein Recht, zu erfahren, was mit Ihnen los ist. Sie muss wissen, worauf sie sich einlässt.

Drogensucht hat extrem schädliche Folgen. Körperlich kann es zu Verwirrtheit und Bewusstseinsstörungen kommen. Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Krampfanfälle können auftreten, und es gibt häufig eine Übererregung (das Gefühl, unter Strom zu stehen). Auch psychische Veränderungen sind zu erwarten, wenn sie nicht schon längst eingetreten sind. Soziale und sexuelle Hemmungen verschwinden, es ist also zu erwarten, dass Sie sexuelle Beziehungen mit anderen Frauen aufnehmen. Im Alkoholrausch wussten Sie ja auch nicht mehr, was Sie getan haben. Stimmungsschwankungen als Folge des Entzugs und die Euphorie während des neuen Konsums kommen hinzu.

Ihre Freundin muss also wissen, was mit Ihnen los ist. Nur dann kann sie sich entscheiden, ob sie weiterhin an Ihrer Seite bleiben möchte und kann. In der Regel geraten die Partner von suchtkranken Menschen in eine Co-Abhängigkeit. Das heißt: Das ganze Leben beider Partner dreht sich um die Sucht, und es entstehen viele neue Probleme, die auch den Partner vor riesige Herausforderungen stellen und ihn viel, viel Kraft kosten.

Ein paar Beispiele: Inwieweit soll Ihre Partnerin sich in Ihren Konsum einmischen? Soll sie versuchen, es zu kontrollieren (wie es viele Partner tun) oder Ihnen "blind" vertrauen?

Was ist, wenn Sie mehr konsumieren, als vereinbart ist – soll sie wütend werden, ein klärendes Gespräch führen, sich distanzieren? Was soll sie beim hundertsten Vertrauensbruch machen?

Wie verhält sie sich, wenn Sie unter Drogeneinfluss fremdgehen, aggressiv werden, unzuverlässig sind? Soll Ihre Partnerin darüber hinwegsehen oder Konsequenzen ziehen?

Wie sieht es aus, wenn Sie mit der Bekämpfung Ihrer Sucht nicht vorankommen und Therapieangebote ablehnen, abbrechen oder halbherzig verfolgen? Ist es dann an Ihrer Partnerin, Sie dazu zu bringen, sich Hilfe zu suchen? Oder soll sie das allein Ihnen überlassen?

Sie sehen, dass Ihre Partnerin und Ihre Beziehung automatisch in Mitleidenschaft gezogen werden. Deshalb ist es der einzige Weg, ihr die Wahrheit zu sagen und ihr einen vollen Einblick in ihr Suchtproblem zu geben. Gleichzeitig ist es unumgänglich, dass Sie sich professionelle Hilfe bei einem auf Sucht spezialisierten Psychotherapeuten oder einer Drogenberatungsstelle suchen. Möglicherweise wird Ihnen für den Anfang auch eine stationäre Therapie empfohlen. Dazu werden Ihnen die Therapeuten, die Sie aufsuchen, aber eine Empfehlung geben können.

Es wird ein harter Weg, aber ich wünsche Ihnen viel Kraft dabei, aus den Fängen der Sucht zu entkommen.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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