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Der geheime Code der Liebe: Ich lebe mit Frau und Kind zusammen – sehne mich aber nach meiner Ex

Jens hat ein ungeplantes Kind mit seiner Partnerin und lebt mir ihr zusammen. Doch er sehnt sich nach seiner Ex-Freundin. Seit zwei Jahren fühlt er sich zwischen den beiden Frauen hin- und hergerissen. Wie kommt er aus diesem Dilemma heraus?

Jens ist frischgebackener Vater – sehnt sich aber nach seiner Ex-Freundin (Symbolbild)

Jens ist frischgebackener Vater – sehnt sich aber nach seiner Ex-Freundin (Symbolbild)

Sehr geehrte Frau Peirano,

Ich befinde mich seit drei Monaten in einem emotionalen Ausnahmezustand. Ich lebe seit März 2016 mit meiner Freundin unter einem Dach. Dies ist unsere erste gemeinsame Wohnung. Wir sind zusammen gezogen, weil wir ein Kind erwartet haben. Das Kind war ungeplant. Meine Freundin musste ihr Studium abbrechen und zu mir ziehen. Ich wollte sie schließlich mit so einer Aufgabe nicht alleine lassen, weil es verantwortungslos wirken würde. Das Baby ist da und er bringt pure Lebensfreude in den Alltag.

Jedoch gibt es ein Problem. Erstmal zu unserer Vorgeschichte: Wir sind vor ungefähr sechs Jahren zusammen gekommen und waren dann vier Jahre zusammen. Dann haben wir uns getrennt, weil unsere Eltern unsere Beziehung nicht akzeptiert haben. Ich habe ein Jahr lang NICHTS von ihr gehört. Am Anfang war es hart, aber danach habe ich mich damit abgefunden. Dann lernte ich eine andere Frau kennen. Ich habe sie richtig geliebt und hatte immer das Gefühl, dass wir seelenverwandt sind. Wir waren sieben Monate zusammen.

Dann geschah das Unerwartete: Meine Ex-Freundin meldete sich bei mir und ich fing an, mich mit ihr zu treffen. Ich habe es vor meiner damaligen Freundin verheimlicht und es wurde eine Zeit lang zu einem Risikospiel. Dann habe ich mich für die Frau entschieden, mit der ich länger zusammen war und ließ die "Neue" weg, in der Hoffnung, dass es klappt. Nach ein paar Monaten war meine Freundin dann schwanger und mir war klar, dass ich die andere vergessen muss. Wir haben bis heute noch ab und zu mal Kontakt und ich spüre, dass ich eigentlich einen Fehler begangen habe. Jetzt sitze ich hier bei Frau und Kind und habe extreme Sehnsucht nach ihr.

Welchen Tipp können Sie mir geben?

Jens P.


Lieber Jens P.,

beim Lesen Ihrer Schilderung hatte ich das Gefühl, dass Sie völlig zerrissen sind. Ihre Gefühle und Ihre Gedanken sprechen zwei völlig verschiedene Sprachen! Ein paar Beispiele: Sie lieben Ihre erste Freundin und trennen sich dann von ihr, weil Ihre Eltern die Beziehung nicht akzeptiert haben. Wie kommt es, dass Sie Ihren Eltern so viel Macht über die Entscheidung geben, mit wem Sie zusammen sind? Sie und Ihre Freundin haben sich den Wünschen Ihrer Eltern gefügt und waren, wie es scheint, sehr unglücklich damit. Trotzdem haben sie beide es so durchgehalten. Obwohl Sie noch Gefühle für Ihre erste Freundin hatten, haben Sie eine andere Frau kennen und lieben gelernt. Sie haben die Beziehung zu Ihr als sehr schön und innig empfunden. Trotzdem haben Sie sich mit Ihrer ersten Freundin getroffen und mit Ihr eine Liebesbeziehung geführt – wie passt das zusammen? Wie fühlten Sie sich bei dem "Risikospiel", bei dem Sie eine Frau verletzt haben, die Sie anscheinend sehr liebten? Und was bedeutet Liebe für Sie überhaupt?

Sie haben sich dann für die erste Freundin entschieden, obwohl Sie ja anscheinend die zweite noch liebten. Hier sind Ihre Gedanken wieder völlig anders als die Gefühle: Sie waren länger mit der ersten Freundin zusammen und hatten die Hoffnung, dass es klappt. Waren denn damals die Probleme mit den Eltern behoben? Und haben Sie sich vorgestellt, dass Sie Ihre zweite Freundin einfach so vergessen könnten? Mit der ersten Freundin hatte es ja nicht geklappt.

Ihre zweite Freundin wurde ungewollt schwanger. Hier hat der Kopf vollendete Tatsachen geschaffen, während Ihr Gefühl noch völlig schwankte. Als nächstes ziehen Sie mit Ihrer Freundin zusammen, weil Ihr Kopf Ihnen sagt, dass es verantwortungslos wirken würde, sie alleine zu lassen. Aber so ganz sind Sie nicht bei der Sache, denn Ihr Gefühl zieht wieder in die andere Richtung: Sie treffen sich mit Ihrer zweiten Freundin und bereuen Ihre Entscheidung.

Lieber Jens, so widersprüchlich wie es in Ihnen aussieht, können Sie überhaupt keine "richtige" Entscheidung treffen. Es ist wie auf einer Schaukel, die immer hin und her schwingt: Machen Sie A, wollen Sie B. Entscheiden Sie sich dann für B, wollen Sie zu A zurück. Wenn ich Ihnen nun raten würde: Frau A ist die richtige und außerdem hat sie ein Kind von Ihnen, würde Ihnen das nicht helfen. Genauso wenig, als wenn ich Ihnen sagen würde: Verlassen Sie Ihre Freundin, denn Sie bekommen Frau B. nicht aus dem Kopf.

Mein Eindruck ist, dass Sie bei wichtigen Fragen in Ihrem Leben sehr schnell handeln und Tatsachen (oder besser Chaos) schaffen, ohne genau in sich hineinzuschauen. Das wird Ihnen, und wahrscheinlich auch den Frauen in Ihrem Leben, immer zum Verhängnis. Ich befürchte, dass dieses Problem so weiter gehen wird, wenn Sie nicht lernen, Ihre Gefühle besser zu lesen und auch Ihre Gedanken und Wertvorstellungen genauer anzuschauen. Die beiden sind, wie gesagt, meistens völlig gegensätzlicher Meinung. Ich schlage Ihnen deshalb vor, eine Psychotherapie zu machen, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Vermutlich haben auch Ihre Eltern etwas mit diesem Konflikt in Ihnen zu tun. Wenn sie sehr dominant sind und Entscheidungen immer für Sie getroffen haben, haben Sie bisher nicht gelernt, selbst die Verantwortung für Ihr Handeln zu übernehmen.

Ich hoffe, dass Sie mit diesem Rat etwas anfangen können und wünsche Ihnen einen guten Zugang zu Ihrem eigenen Innenleben.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

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