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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Bei uns verschwindet Geld – ist meine Frau kaufsüchtig?

Peter glaubt, dass sein Geld in teuren Boutiquen landet (Symbolbild)
Peter glaubt, dass sein Geld in teuren Boutiquen landet (Symbolbild)
© PeopleImages / Getty Images
Geld ist in vielen Beziehungen ein schwieriges Thema. Peter und seine Frau sind finanziell eigentlich ausreichend versorgt. Trotzdem ist immer das Geld weg. Wie kann Peter das exzessive Kaufverhalten seiner Frau gemeinsam mit ihr in den Griff bekommen?

Hallo Frau Peirano,

in meiner Ehe gibt es ein Problem. Wir sind Mitte 40, seit 15 Jahren verheiratet, überwiegend glücklich, und haben ein Kind. Beide sind berufstätig. Ich habe eine Firma, sie ist Lehrerin in Teilzeit, so dass wir genug Geld zur Verfügung haben. Eigentlich. Doch unser Geld reicht nie. Kaum kann ich es mir leisten, mir mehr Gehalt zu zahlen (das letzte Mal waren es 900 Euro pro Monat mehr, eine beträchtliche Summe) verschwindet mehr Geld von unserem gemeinsamen Konto, so dass unser Konto immer im Minus ist. Es ist nicht existenzbedrohlich, aber es ärgert mich.

Ich habe das meiner Frau gegenüber angesprochen und verlangt, dass sie mir sagt, wo das Geld geblieben ist. Ich hatte geplant, mehr Geld anzulegen, damit wir uns Träume verwirklichen können. Ein Ferienhaus, früher in den Ruhestand gehen, renovieren, ein Segelboot…

Meine Frau hat auf meine Frage sehr aggressiv reagiert und ist mir ausgewichen. Leider konnte ich ihre Käufe nicht zurückverfolgen, da sie immer Bargeld abgehoben hat. Aber ihre Garderobe spricht eine deutliche Sprache: Prada, Gucci und Co. sind vertreten und ihre Kleiderschränke quellen über. Sie hat an die 100 Paar Schuhe und kauft auch Schuhe mit viel zu hohen Absätzen, die sie nie anzieht.

Ich habe daraufhin gefordert, dass sie mir gegenüber ehrlich ist und wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Sie wich aus und sagte, dass zu viel sparen für sie keinen Sinn macht, weil das Geld immer weniger wert wird.

Wir haben das Problem nicht wirklich geklärt und ich frage mich, ob sie so etwas wie eine Kaufsucht hat? Was kann ich dagegen tun? Ich bin nicht bereit, dass unser ganzes Geld in Boutiquen landet.

Viele Grüße und danke, Peter G.

Lieber Peter G.,

Ich kann gut verstehen, dass Sie sich mit der Antwort und Reaktion Ihrer Frau nicht zufrieden geben. Ihre Frau verschleiert anscheinend etwas und reagiert aggressiv, wenn Sie genauer nachfragen. Zusammen mit den Barentnahmen und dem mit Luxuskleidung gefüllten Schrank ergibt das schon ein besorgniserregendes Bild.

Vielleicht sollten wir uns erst einmal anschauen, was eine Kaufsucht aus psychologischer Sicht ist. Als Hilfe zu Diagnose gibt das ICD 10 (International Classification of Diseases; internationale Klassifikation von Krankheiten), das die genauen Symptome von psychischen Störungen auflistet und definiert, ab wann man von einer bestimmten Störung z.B. mittelgradigen depressiven Episode, sprechen kann. Das, was umgangssprachlich als Kaufsucht bezeichnet wird, gehört im ICD 10 zu den Zwangsstörungen oder Störungen der Impulskontrolle.

Festgelegt wird, dass es bei einer Kaufsucht nicht um den Besitz der Waren geht, sondern darum, dass der oder die Betroffene einen zwanghaften Drang nach der Kaufbeschäftigung verspürt, den er nicht stoppen oder kontrollieren kann. Wenn der Betroffene nichts kaufen kann, kann er Entzugserscheinungen wie eine starke Erregung verspüren.

Oft ist Kaufsüchtigen ihr Verhalten nach dem Kaufen peinlich, und die gekauften Gegenstände werde nicht ausgepackt oder sogar weggeworfen. Als Ursache für Kaufsucht gelten oft ein geringes Selbstwertgefühl oder tief verwurzelte andere Probleme wie Einsamkeit oder Frustration. Das Kaufen soll ein Gefühl von Verbundenheit schaffen und das Selbstwertgefühl erhöhen. Und in der Regel verschulden sich Kaufsüchtige in einem bedrohlichen Ausmaß.

Aus meiner Sicht klingt es nicht so, als wenn Ihre Frau eine voll ausgeprägte Kaufsucht hat, da sie die gekauften Kleider auspackt. Allerdings klingt ihr Kaufverhalten auch nicht gesund, sondern hat schon pathologische Züge. Alarmierend finde ich vor allem, dass Ihre Frau nicht bereit ist, ihr Problem einzugestehen. Schließlich beschreiben Sie Ihre Ehe als überwiegend glücklich, da wäre es wünschenswert, dass sie sich Ihnen anvertraut, wenn sie ein Problem hat. Und mit Ihnen gemeinsam nach Lösungen sucht oder Sie um Hilfe bittet.  Das wäre auch der erste Ansatz, den ich Ihnen empfehlen würde und der bei Menschen mit einer Sucht oder Vorstufen einer Sucht empfehlenswert ist.

Sprechen Sie klar und deutlich an, was Sie bemerkt haben (Geldverluste, mit Luxusgütern gefüllter Kleiderschrank, keine Bereitschaft zur Transparenz oder zu Absprachen mit Ihnen). Sagen Sie Ihrer Frau dann, dass dieses Verhalten für Sie nicht akzeptabel ist und bieten Sie ihr an, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Suchtverhalten bindet viele Energien (sowohl Kraft, Zeit als auch Geld), die denjenigen blockieren. Es ist wichtig, den Ursachen auf den Grund zu gehen (z.B. Langeweile, Einsamkeit, sich nicht mit anderen Menschen verbunden fühlen, Unterforderung, Frustration) und darüber zu sprechen. Sonst leidet darunter auch Ihre Beziehung, weil den wirklichen Ursachen nicht auf den Grund gegangen wird, sondern Ihre Frau diese durch Shopping kompensieren möchte. Es liegt auf der Hand, dass dieser Versuch natürlich vergeblich ist, und in der Realität muss immer mehr gekauft werden, um noch ein kleines Gefühl der Beruhigung zu empfinden. 

Beobachten Sie doch in nächster Zeit, ob noch andere Bereiche Ihres Lebens im Argen liegen. Verbringen Sie zum Beispiel weniger Zeit zusammen, hat die Zärtlichkeit abgenommen, gibt es weniger Gespräche? Anscheinend scheint die Verbindung zur Zeit nicht so eng zu sein, wenn Ihre Frau Ihnen gegenüber nicht über ihren Kaufdrang spricht.

Vielleicht können Sie auch eine Paartherapie oder Paarberatung vorschlagen, erst einmal mit dem klaren Ziel, nach 15 Jahren Ihre Ehe anzuschauen und zu verbessern. Wenn Ihre Frau motiviert wäre, wäre sicher auch eine verhaltenstherapeutische ausgerichtete Therapie nötig.

Wenn Ihre Frau Gespräche - ob mit oder ohne Therapeutin oder Therapeuten - verweigert, wäre es auf jeden Fall sinnvoll, dass Sie beide die Konten trennen. Jeder hätte sein eigenes Gehaltskonto, von dem die gemeinsamen Ausgaben wie Miete, Lebenshaltungskosten, Ansparungen für Reisen etc. in einem fairen Schlüssel (z.B. prozentual zum Gehalt) auf ein gemeinsames Haushaltskonto abgehen. Für dieses Konto sollten Sie nur gemeinsam Geld abheben oder überweisen können, sonst könnte Ihre Frau das auch plündern. Den Rest hätte jeder zur eigenen Verfügung.

Damit verhindern Sie, dass Ihre Frau Ihr Gehalt ausgibt, und Sie sorgen dafür, dass Sie eigene Ziele verwirklichen können (z.B. Ansparungen für ein Ferienhaus). Das wird eine Menge Ärger reduzieren und das Gefühl, ausgenutzt und hintergangen zu werden. Ihre Frau kann dann den Rest ihres eigenen Gehaltes ausgeben. Wichtig wäre schon, ein Auge darauf zu haben, wie viel sie wirklich kauft und wie viel Zeit sie damit verbringt. Möglicherweise wird auch Ihr Kind einbezogen und muss ständig mit seiner Mutter shoppen gehen, das wäre ja auch nicht in Ihrem Sinne.

Sie beide sind verheiratet, da würden Sie auch für die Schulden Ihrer Frau haften, falls es hart auf hart kommt. Vielleicht können Sie das einmal praktisch klären, z.B. jedes halbe Jahr das Konto Ihrer Frau einsehen, um zu sehen, ob sich die Lage verschlechtert.

Ich wünsche Ihnen einen klaren Blick, viel Konsequenz und Beharrlichkeit.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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