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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Die Frau meines Bruders zerstört unsere Familie!

Familie, das ist Harmonie und Beisammensein, zumindest bei Britta, ihren Eltern und den Verwandten. Doch die Frau ihres Bruders will sich so gar nicht in das Familienidyll einfügen - und sorgt damit für mächtig Stunk. Wie soll man damit umgehen?

Das Familienidyll ist schnell gestört

Das Familienidyll ist schnell gestört

Getty Images

Sehr geehrte Frau Peirano,

vielleicht können Sie meiner Familie und mir helfen, mit folgender Situation umzugehen:

Mein Bruder hat vor etwa fünf Monaten geheiratet und meine Eltern mit der Wahl seiner Ehefrau unglücklich gemacht. Mich belastet die Situation natürlich auch.

Für uns war von Anfang an klar, dass sie keine Frau fürs Leben ist. Die beiden sind seit knapp 2,5 Jahren ein Paar. Seine Frau kennt kein Familienleben, sie hat nur ihre Mutter. Und hat auch kein Interesse, sich in unser Familienleben einzufügen. Mein Bruder nimmt sie und ihr Verhalten oft in Schutz. Wir haben uns immer gut als Familie verstanden. Nun droht diese Harmonie zu zerbrechen.

Zwei Beispiele:

  • Meine Mutter ist Anfang dieses Jahres 60 geworden. Groß gefeiert wurde im Sommer. Zu ihrem Geburtstagsessen im Frühjahr war es für uns Kinder eine Selbstverständlichkeit, dass wir in die Heimat fahren. Mein Bruder und seine Frau, die damals noch nicht verheiratet waren, leben in Süddeutschland. Sie hielt es nicht für nötig, zum Geburtstag unserer Mutter zu fahren – im Sommer sei doch die große Feier. Unsere Mutter hatte sie damit sehr verletzt. Zur Feier im Sommer reiste sie nach meinem Bruder an. Sie erschien, als meine Mutter fertig mit ihrer Rede war. Bei allen Gästen hat das Verhalten von der Frau meines Bruders für Unverständnis gesorgt. Sie selbst sieht sich stets im Recht und entschuldigt sich für ihr Verhalten auch nicht.
  • Ebenfalls im Sommer (mit den Feiern war es in diesem Sommer zufällig etwas gehäuft) hat mein Cousin geheiratet und dies groß gefeiert. Ein, zwei Wochen vor der Hochzeit deutete die Frau meines Bruders schon an, dass es für sie schwierig sein könnte zu kommen, da sie am Freitag zuvor noch eine Weiterbildung habe (Später hat sich herausgestellt, dass das Seminar nur bis 14 Uhr und nicht 18 Uhr ging und sie natürlich locker noch die vier Stunden Zugfahrt geschafft hätte) und es wohl für sie zu anstrengend werden könnte, noch zu fahren. Uns allen – meinem Mann, meinen Eltern – ist bei diesen Worten die Kinnlade runtergefallen. Aber es kam, wie es kommen musste, und wieder reiste mein Bruder alleine an. Sie selbst blieb in Süddeutschland und verbrachte das Wochenende lieber mit ihrer Mutter in einem Wellnesshotel. Selbstredend, dass sie damit das Brautpaar zutiefst verärgert hat. Wieder folgte weder eine Entschuldigung noch eine Erklärung oder sonstiges


Mein Bruder steht jedes Mal wie ein Depp dar. Er hat durchaus erkannt, dass ihr Verhalten eigentlich nicht zu tolerieren ist, aber er kann sich nicht durchsetzen. Meine Eltern haben ihm inzwischen mehrfach dazu geraten, die Beziehung zu beenden. Vor zwei Wochen kam dann scheinbar die für uns erlösende Nachricht, dass sie sich getrennt haben. Aber inzwischen scheinen sie sich wieder anzunähern.

Liebe Frau Peirano, ich merke in den fast täglichen Gesprächen, wie sehr meine Eltern unter der Situation leiden. Mein Bruder kann sich nicht dazu durchringen, eine Entscheidung zu treffen. Auch verurteilt er nicht klar ihr respektloses Verhalten meinen Eltern gegenüber. Das macht mich sehr wütend!

Wie können wir mit der Situation umgehen?

Herzlichst,

Ihre Britta B.


Liebe Britta B.,

Sie werden wahrscheinlich nicht gerne hören, wie ich die Situation einschätze, aber ich riskiere es trotzdem, da Sie mich um einen Rat gefragt haben.

Ich sehe - von meiner Position als Außenstehende -, dass die Frau Ihres Bruders von Anfang an einen sehr schweren Stand in Ihrer Familie hatte. Sie war "keine Frau fürs Leben" und ihr Verhalten ist "nicht zu tolerieren", sie belastet die ganze Familie, lässt Ihren Bruder wie "einen Depp" dastehen, macht alle unglücklich und eine Trennung von ihr wird sehnlichst erwartet.

Versetzen Sie sich doch mal für einen Moment in die Lage dieser Frau. Wie würden Sie sich fühlen, wenn die Familie des Mannes, den Sie lieben, Sie so ablehnt und Sie spüren, dass Sie den Erwartungen niemals genügen können? Sie sind einfach die falsche Frau. Punkt.

Wenn ich mich in ihre Situation versetze, wäre ich verletzt und würde als Reaktion der Familie gegenüber auf Distanz gehen. Im Klartext: Ich hätte keine Lust, mir ein Bein auszureißen, um nach einem anstrengenden Seminar noch vier Stunden zu fahren, nur damit ich physisch anwesend bin und die Fassade wahre - auch wenn mich insgeheim alle Scheiße finden und hinter meinem Rücken über mich lästern.

Haben Sie sich eigentlich mal gefragt, warum Ihren Eltern die Anwesenheit der Schwiegertochter so wichtig und ihre Abwesenheit/Verspätung so unerträglich ist? Worum geht es da eigentlich genau? Geht es darum, vor anderen als heile Familie dazustehen? Geht es um Konventionen, die man erfüllen muss (alle müssen gerne kommen, wenn Mutter feiert)?

Ich habe nämlich den Eindruck, dass die Einladung eigentlich keinen Wunsch ausdrückt (ich würde mich freuen, wenn du mit mir feierst, aber ich kann es auch akzeptieren, wenn du nicht kannst), sondern eine Forderung ist: Du MUSST kommen, sonst sind wir sauer. Warum ist das so?

Ich nehme an, dass Ihre Schwägerin das auch genau so spürt und sich alles in ihr dagegen sträubt. Was soll sich auch verbessern für sie, wenn sie sich anstrengt? Sie ist ja eh unten durch. Außerdem hat sie von ihrer Mutter gelernt, dass man seinen Gefühlen nachgehen kann, mit demjenigen Zeit verbringen darf, der einem etwas bedeutet und sich nach einer anstrengenden Seminarwoche auch gerne mal etwas Erholung und Wellness gönnen darf.

Ich vermute, dass es mit den unterschiedlichen Spielregeln in den Familien nötig wird, einen anderen Weg zu gehen, wenn Sie sich zukünftig mit der Schwiegertochter/Schwägerin vertragen wollen.

Wie wäre es, wenn Sie auch mal die guten Seiten an ihr suchen und versuchen, ihr positiv und interessiert zu begegnen? Ihr zu signalisieren, dass sie willkommen ist, wenn sie kommt. Und ihr zu sagen, dass Sie verstehen können, wenn sie die lange Reise nicht auf sich nehmen, sondern sich ausruhen will. Sie vielleicht selbst einmal zu besuchen und zu schauen, wie sie Treffen gestaltet. Vielleicht kann man auch noch einmal neu anfangen und sich langsam und mit Respekt annähern - und zum Beispiel nette Weihnachtsgrüße schicken oder einfach mal anrufen und fragen, wie es geht. Ein gemeinsames Thema suchen (den Hund, Backrezepte, Musik, Politik) und sich darüber immer mal freundlich und entspannt austauschen. Kurzum: Das nehmen, was man freiwillig bekommt, anstatt etwas vehement einzufordern, was für den anderen schwierig ist.

Ich denke, dass Sie auch ihren Bruder entlasten würden, wenn Sie eine Brücke zu seiner Frau bauen, denn für ihn ist die Situation auch sehr belastend!

Versuchen Sie doch, einen anderen Modus zu finden, um sich zu treffen, denn offensichtlich sind Familienfeiern, bei denen sie auch noch als der böse Buhmann dasteht, nicht ihr Ding. Vielleicht aber wäre sie dafür offen, dass Sie sie in Süddeutschland besuchen und Interesse an ihrem Leben zeigen?

Ich hoffe, dass ich Ihnen mit dieser Einschätzung nicht zu sehr auf die Füße getreten habe. Aber vielleicht hilft es Ihnen ja auch, die Spielregeln (und den Druck) in Ihrer Familie etwas zu reflektieren und auch zu akzeptieren, dass das nicht für alle der richtige Weg ist.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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