VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Wie erkläre ich meinem Partner, dass ich seinen Freund nicht in die Nähe unserer Tochter lassen möchte?

Die Nähe anderer zu ihren Kindern ist für viele Eltern ein empfindliches Thema (Symbolbild)
Die Nähe anderer zu ihren Kindern ist für viele Eltern ein empfindliches Thema (Symbolbild)
© Martin Dimitrov / Getty Images
Ein Freund ihres Mannes sucht die Nähe zu Rebeccas sehr kleiner Tochter. Und löst damit in der Mutter dunkle Assoziationen aus. Wenn doch nur ihr Mann sie verstehen würde.

Liebe Frau Peirano, 

wir haben seit ein paar Monaten eine Tochter. Wie Sie sich vorstellen können, lieben wir sie über alles. Die Schattenseite von so viel Liebe ist aber, dass man sich plötzlich auch viele Sorgen macht. 

Nun zu meinem Problem: Mein Partner geht oft mit einem seiner besten Freunde und unserer Tochter spazieren. Neulich schickte er mir ein Foto davon, wie sie im Tragetuch an diesen Freund gebunden war. Ich muss ehrlich sagen, mir war das nicht geheuer.

Der Freund ist an sich ein liebenswürdiger, hilfsbereiter Mensch, der auf mich aber seit jeher etwas Undurchsichtiges ausstrahlt. Er hat in seinem ganzen Leben erst eine Beziehung gehabt und ist seit circa 20 Jahren allein. In der Zeit gab es keine Flirts oder Affären. Es mag daran liegen, dass er schüchtern ist, wenig Selbstbewusstsein und wenig Interessen und damit Anknüpfungspunkte an Frauen hat, sein einziges Interesse hat er eigentlich an seinen Freunden und Familie.  Obwohl sonst eher still und distanziert, geht er in der Präsenz von Kindern auf, so auch bei unserer Tochter. Bei mir löst das Ängste aus, weil ich für mich nicht ausschließen könnte, dass er Kindern gegenüber Neigungen hat. Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei. 

Als ich das meinem Partner schilderte, war der natürlich sauer auf mich und verurteilte mich. Das kann ich verstehen, da mein Gefühl ja nicht auf Tatsachen beruht. Das einzige was ich gegenüber dem Freund diesbezüglich wirklich anbringen kann, ist, dass er sich einmal im Gespräch anerkennend darüber geäussert hat, dass sein Cousin mal seine Frau geschlagen hat. Das hat bei mir Alarmglocken klingeln lassen. Es wirkt so auf mich, als ob dahinter ein grosses Misstrauen und vielleicht Angst gegenüber Frauen steckt. 

Dennoch schäme ich mich auch ein stückweit gegenüber meinen eigenen Ängsten, bzw. frage mich ob ich, wie mein Partner sagt, vollkommen übertreibe. Meinem Partner werfe ich vor, dass er als Mann so wenig Bewusstsein darüber hat, wie oft man als Frau schon in jungen Jahren zu Opfer von Sexismus oder sogar sexueller Gewalt werden kann. 

Ich selbst wurde einmal als 17-Jährige vom 28-jährigen damaligen Freund meiner älteren Schwester betatscht, der dachte, ich würde schlafen und nichts mitbekommen. Es ist nichts Schlimmeres passiert, da ich die Decke über mich gezogen habe. Aus Angst, dass es zum Eklat zwischen den beiden kommt, habe ich es meiner Schwester nie erzählt. Nun kam in mir der Wunsch auf, ihn ausfindig zu machen und zur Rede zu stellen. 

Mein Partner sagte dazu, was das denn nach 20 Jahren bringen solle, und dass ich es doch lieber meiner Schwester erzählen könne. Auch äusserte er, dass dieser Freund wahrscheinlich in dem Moment einfach geil war oder dachte, dass ich als jüngere Schwester auch auf ihn stehen würde. Mir haben diese Sprüche weh getan, da er letztlich wahrscheinlich unbewusst wieder diesen Typen in Schutz nimmt. Was mich dahinter aber noch viel mehr stört, ist, dass auch bei meinem Partner anscheinend kaum Kenntnis über so etwas wie Opferschutz und Rapeculture vorhanden ist, und da frage ich mich, ob er überhaupt unsere Tochter angemessen schützen kann, bzw. ob er Warnhinweise überhaupt sehen würde, so wie ich sie z.B. bei seinem Freund sehe. 

Viele Grüße 

Rebecca T.

Liebe Rebecca T.,

wenn der Kopf versucht, ein Bauchgefühl logisch zu erklären, wird es meistens kompliziert. Sie haben ein ungutes Bauchgefühl, wenn der Freund Ihres Partners Ihre kleine Tochter im Wickeltuch trägt. Basta. Das sollten Sie ernst nehmen. Ob dieses Bauchgefühl nun durch irgendwelche Gründe gerechtfertigt ist oder nicht, spielt aus meiner Sicht erst einmal keine Rolle. Denn es geht ja nur darum, dass Sie sich wohlfühlen und dass die körperlichen Grenzen in Ihrer Familie sauber gezogen werden. Und vielleicht kann man im Hinblick auf kleine Kinder auch sagen: Im Zweifelsfall lieber etwas zu vorsichtig sein als einen Übergriff zu riskieren!

Da Ihre Wahrnehmung auf der emotionalen Ebene stattfindet, würde ich Ihnen empfehlen, auch auf der emotionalen Ebene mit Ihrem Partner darüber zu sprechen: Ich fühle mich nicht wohl, wenn ein anderer Mann unsere Tochter am Körper trägt. Ich finde, das sollten nur wir als Eltern machen. Wenn Sie Ihre Gefühle mit dem Kopf begründen und untermauern wollen, verwickeln Sie sich in Anklagen und Unterstellungen, die Sie nicht begründen können. Es gibt ja keine Beweise. Und auf der Ebene "verlieren" Sie dann die Auseinandersetzung.

Dabei geht es ja nicht um das Verlieren oder Gewinnen, sondern darum, dass Sie sich als Paar auf einer emotionalen Ebene austauschen. Und auf der emotionalen Ebene gibt es kein Richtig und Falsch, keinen Gewinner und keinen Verlierer, sondern ein einfühlendes Austauschen, Mitfühlen und aufeinander Einlassen.

Und hier nehmen ich zwischen Ihnen beiden auch einige Baustellen war. Sie haben noch unangenehme Gefühle (Wut? Hilflosigkeit? Empörung?) auf den ehemaligen Freund Ihrer Schwester, der Sie nachts einfach "betatscht" hat. Sein Verhalten ist auch wirklich empörend! Und eventuell sogar strafbar. 

An der Stelle wäre es wünschenswert, dass Ihr Partner sich in Sie einfühlt und anerkennt, dass das eine erniedrigende und verstörende Erfahrung war, einfach schlafend gegen seinen Willen angefasst zu werden (auch weil Sie Ihrer Schwester nichts sagen und sich nicht wehren konnten.)

Ihr Freund interpretiert die Situation (wieder auf der Kopfebene) ganz anders: Er nimmt den Täter in Schutz und findet Begründungen für dessen Verhalten (war "geil", dachte, die kleine Schwester steht auf ihn). Auf der Gefühlsebene nehmen Sie diese Begründung wahr, als wenn Ihr Freund sich mit dem Täter solidarisiert und dessen Verhalten rechtfertigt. Dadurch gibt es auf der emotionalen Ebene die Wahrnehmung: zwei gegen eine. Und das trifft Sie und verletzt Sie (wieder auf der emotionalen Ebene).

Ich würde Ihnen und Ihrem Partner empfehlen, ein gemeinsames Training bei einer/m Paartherapeuten/in zu machen, um den Austausch über Gefühle und das Mitfühlen zu verbessern. Gerade auch mit dem Fokus auf Geschlechterrolle (Gewalt gegen Frauen - welche Gefühle kommen da auf?) und den Schutz der Tochter vor Missbrauch. Erarbeiten Sie doch auch den Punkt: Wo werden die Grenzen gezogen und wie werden die Grenzen des anderen akzeptiert? Es deuten sich da einige konfliktbehaftete Themen an, und es wäre bestimmt hilfreich, denen früh auf den Grund zu gehen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


Mehr zum Thema



Newsticker