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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich bin mit 58 meiner großen Liebe begegnet – und völlig chancenlos

Durch einen Zufall trifft Thomas auf Diana - und ist nach einem gemeinsamen Tag in Paris schockverliebt. Und auch von ihr ist da klar etwas zu spüren. Wenn da doch nur nicht das übrige Leben der späten, großen Liebe im Weg stehen würde.

Wenn die große Liebe erst in der zweiten Hälfte des Lebens kommt, können die Dinge kompliziert werden

Wenn die große Liebe erst in der zweiten Hälfte des Lebens kommt, können die Dinge kompliziert werden

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich (58, wissenschaftlicher Mitarbeiter, eine 25-jährige Tochter), habe wohl in den letzten Jahren wenig auf mich geachtet. Viel gearbeitet, es herrscht großer Druck in meiner Firma, wenig Zeit für mein Privatleben gehabt, stecke in einer mehr oder weniger erträglichen On-and Off- Beziehung mit einer Stewardess, mit der ich wenig gemeinsam habe, und die - gelinde gesagt - oft nervt.

Die ersten gesundheitlichen Probleme kamen auch schon, Kniebeschwerden, ein Bandscheibenvorfall, weswegen ich auch nicht mehr klettern kann, was mir anfangs sehr gefehlt hat.

Trotzdem hatte ich mich irgendwie mit der Situation arrangiert und Zeit mit meiner Tochter, Freunden und die seltenen Reisen genossen. Ich dachte: In ein paar Jahren arbeite ich nicht mehr, da kommen bessere Zeiten.

Und dann kam durch einen Zufall eine Frau (Diana) in mein Leben, wie ich sie mir immer erträumt habe, und stellte alles auf den Kopf. Wir trafen uns am Schalter der Airline, weil unser Anschlussflug storniert war und wurden im gleichen Hotel untergebracht. Durch diesen Zufall hatten wir fast einen ganzen Tag in Paris miteinander. Die Zeit wurde nicht lang. Wir fuhren in die Innenstadt und gingen essen und danach tanzen. Aber jeder schlief in seinem eigenen Bett.

Sie erzählte mit viel Witz, Charme und Offenheit von ihrem Leben.

Ein traumhaftes Leben, wie es scheint. Sie ist selbständige Architektin, hat sehr nette Mitarbeiter und viel Freiheit im Beruf. Sie hat drei Kinder, ein Haus im schönsten Teil der Stadt und Zeit für ihre Interessen. Sie restauriert gerade eine historische Villa in der Toscana und liebt, wie ich, die Oper. Sie singt sogar selbst und tritt in ihrer Umgebung auf. All das in einer Person… Zudem ist sie wirklich schön und hat eine tolle Ausstrahlung.

Mir wurde klar: Sie lebt, und ich vegetiere nur dahin. Das machte meine Lage nicht unbedingt besser, ich habe neben meiner großen Bewunderung auch mit Neid zu kämpfen

Und mit großer Verwirrung, denn natürlich gibt es in diesem perfekten Leben, das sie lebt, auch einen Mann. Mit dem es, wie es scheint, sehr gut läuft. Natürlich ein sehr erfolgreicher und attraktiver Mann, ich habe ihn gegoogelt.

Trotzdem war bei uns von Anfang an eine erotische Spannung da, und eine große innere Nähe. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was eine so attraktive und spannende Frau an mir findet. Ich bin nichts Besonderes. Aber sie suchte auch meine Nähe, und beim Tanzen kam sie mir sogar sehr nah. Und dann kam heraus: Wir lesen die gleichen Bücher, sehen die gleichen Filme, hören die gleiche Musik. Eins zu eins. Wir lieben die gleichen Restaurants in den gleichen Lieblingsstädten und haben sehr ähnliche Gewohnheiten. Seelenverwandtschaft?

Unsere Begegnung ist jetzt 6 Monate her, wir schreiben uns sehr oft, sehr lang, und haben auch schon öfter telefoniert. Aber sie macht ganz klar, dass sie keine Affäre will. Immer wieder lenkt einer das Gespräch darauf, dass wir uns wieder sehen. Ich träume nachts davon, irgendwo in Rom oder Barcelona mit ihr ein paar Tage zu verbringen. Einmal hatten wir schon ein paar Tage ins Auge gefasst und ich konnte wochenlang an nichts anders denken. Aber sie meinte dann, sie wolle ihren Mann nicht anlügen und macht einen Rückzieher. Und den nächsten angedachten Termin habe ich dann abgesagt, aus Angst vor den Konsequenzen.

Ich habe schon öfter versucht, mich dem Kontakt zu entziehen. Es ist wunderschön und sehr schmerzhaft zugleich, einer umwerfenden Frau zu begegnen, mit der ich auf vielen Ebenen große Nähe erlebe, und gleichzeitig zu wissen, dass ich ihr erst so spät und zu einem Zeitpunkt begegnet bin, in dem wir keine Beziehung haben können. Manchmal schickt sie mir Fotos von ihrem Leben, und ich würde gerne neben ihr sitzen. Aber ich gehöre nicht dazu, ich bin nur ein Zuschauer, eine absolute Randfigur in ihrem Leben.

Ich muss mir eingestehen, dass ich mich so stark verliebt habe wie noch nie zuvor. Ob sie verliebt ist, weiß ich nicht, das würde sie nicht sagen. Aber sie kommt auch nicht von mir los und hakt sofort nach, wenn ich mich mal nicht melde. Sie macht Witze darüber, aber ich weiß, dass es ihr ernst ist.

In einem Moment denke ich mir, dass es das Beste wäre, den Kontakt zu beenden. Für sie ist es vielleicht nur ein Zeitvertreib, für mich ist es Quälerei, Inspiration und die einzige wirkliche Nähe, die ich seit Jahren hatte. Und im nächsten Moment habe ich wieder so große Sehnsucht nach ihr, dass ich mich fühle wie ein verliebter Teenager, und manchmal werde ich auch wütend auf sie, dass sie diese Gefühle in mir auslöst.

Wie sehen Sie diese Geschichte von außen? Sollte ich die Reißleine ziehen und mich von ihr verabschieden?

Viele Grüße,

Thomas S.

Lieber Thomas S.,

es hört sich so an, als wenn diese Frau Sie so richtig wachgerüttelt hat aus der Lethargie, in der Sie sich eingerichtet hatten. Ich gebe Ihnen Recht: Bei allen Gefühlen, die Diana in Ihnen auslöst, ist auch etwas sehr Tragisches dabei, dass diese Beziehung keine Zukunft hat. Sie bietet viel Raum für Sehnsüchte, wobei die Gründe für Ihr starkes Sich- Hingezogen-Fühlen sehr offensichtlich sind.

Sie sagen es selbst: Diana lebt mit Energie und Konsequenz all das aus, was in Ihnen angelegt war, aber jetzt brach liegt. Während Sie sich in wichtigen Bereichen Ihres Lebens mit Kompromissen arrangiert haben, hat Diana für die Erfüllung ihrer Träume gekämpft. Ein erfolgreiches Architekturbüro, eine glückliche Familie, lebendige Ehe und Auftritte als Sängerin fielen bestimmt auch Diana nicht in den Schoss, sondern sind die Früchte ihres Einsatzes.

Sie sind sehr ehrlich, wenn Sie sagen, dass Sie das alles nicht nur bewundern, sondern auch ein Stück beneiden. Können Sie sich vorstellen, dass Sie diesen Neid auch als Antrieb dafür nutzen könnten, wieder eigene Ziele zu verfolgen und eigene Träume zu verwirklichen, auch vor dem Ruhestand? Erstens liegen noch einige Jahre vor Ihnen, und zweitens haben Sie von einer Verschlechterung Ihres Zustandes gesprochen, über den Sie sich selbst nicht einmal im Klaren waren. Bis Diana Ihnen einen Spiegel vor Augen gehalten hat und gezeigt hat: So wie ich kann man auch leben!

Ich kann mir vorstellen, dass Ihre Verliebtheit neben aller Verbundenheit, erotischen Anziehung und allen Gemeinsamkeiten, die ja auch tatsächlich bestehen, ein Augenöffner sein könnte: Wach auf, mach was aus deinem Leben, kümmere dich um die schönen Seiten und arrangiere dich nicht mit faulen Kompromissen.

Allerdings scheint Ihr Selbstwertgefühl nicht besonders stark ausgeprägt zu sein: Sie sehen sich als "nichts Besonderes". Als ich das gelesen habe, bin ich zusammen gezuckt. Wie würde es Ihnen gehen, wenn ein Freund oder eine Freundin Sie so bezeichnen würde?

Wenn Sie es genau so verletzend und lieblos finden, wie ich es fände, sollten Sie sich verbieten, solche Dinge über sich zu sagen und zu denken. Haben Sie sich in letzter Zeit mit Ihrem Innenleben beschäftigt oder war das alles ein etwas brachliegender Garten, bis Sie Diana trafen?

Es wäre sicher hilfreich, wenn Sie sich mehr mit sich beschäftigen würden und Innenschau betreiben, um herauszufinden, was Sie wollen - und wie Sie mehr aus Ihrem Leben machen können. Möglicherweise sind die Rückenschmerzen und die Knieprobleme auch psychisch bedingt - durch muskuläre Verspannungen, die der wenigen Entspannung und Ihrer Unzufriedenheit geschuldet sind. Wenn das nicht aufgelöst wird, könnte die psychische Schieflage leicht noch weitere Probleme nach sich ziehen.

Ich würde Ihnen deshalb raten, sich eine therapeutische Unterstützung zu suchen und dort die Fragen genauer anzuschauen, vor denen Sie bisher davongelaufen sind: Wie kann ich meinen Beruf und mein Privatleben in Einklang bringen? Was für private Träume habe ich? Welche Menschen tun mir gut und welche Eigenschaften wünsche ich mir mehr in mir und in meinen Freunden?

Wahrscheinlich wird sich dann auch die Frage, wie Sie mit Diana umgehen sollen, weiter klären. Da hier Freude und Nähe auf der einen Seite und Schmerz und Frust auf der anderen Seite so nah beisammen liegen, gibt es sicher keine einfache Antwort. Dennoch finde ich es positiv, dass Diana Ihnen gegenüber klare Worte gefunden hat, was Sie von Ihnen möchte und was nicht möglich ist. Eine Affäre würde die Situation wahrscheinlich noch komplizierter und frustrierender machen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich ein Stück Engagement und Mut von Diana "abschneiden" und sich daran machen, Ihr Leben aufzuräumen.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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