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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Ich kann mich nicht wirklich auf meine Freundin einlassen

Es ist nicht immer einfach, sie auf eine Beziehung einzulassen (Symbolbild)
Es ist nicht immer einfach, sie auf eine Beziehung einzulassen (Symbolbild)
© LeoPatrizi / Getty Images
Vier Jahre waren Marco und seine Freundin zusammen, bevor sie seine Eltern kennen lernte - durch Zufall. Jetzt stehen ein gemeinsames Haus und ein Kinderwunsch zwischen den beiden. Können sie ihre unterschiedlichen Vorstellungen überwinden?

Hallo Frau Peirano,

ich bin seit vier Jahren in einer Beziehung mit meiner Freundin (31). Da ich wenig soziale Kontakte habe, spielt sich fast mein ganzes Leben zwischen meiner Freundin und meiner Familie ab (Eltern und Schwestern). 

Meine Eltern kommen nicht aus Deutschland und sind traditionell (muslimisch) erzogen, in Ihrer Kultur stellt man seine Freundin seiner Familie erst vor, wenn es etwas Ernsteres ist.  Das hat zwischen meiner Freundin und mir für Konflikte gesorgt. Diese Konflikte haben bei mir nur die Angst geschürt, dass ein Treffen nicht positiv ausgehen wird. 

Ich habe mich deshalb zweimal von ihr getrennt, wir haben aber immer wieder zueinander gefunden. Meine Eltern nehmen daher auch die Beziehung zwischen mir und meiner Freundin nicht für voll und fragen auch mal nach, ob ich denn eine (neue) Freundin habe. Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen, da sich meine Freundin nicht wertgeschätzt fühlt und dass ich das "on-boarding" auch nach 4 Jahren nicht hinbekommen habe. Außerdem war ich mir lange nicht sicher, ob das zwischen meiner Freundin und mir was Ernstes ist. Mittlerweile hat meine Freundin meine Eltern kennen gelernt, aber eher durch Zufall.

Seit ca. zwei Jahren läuft es auch sehr schlecht im Bett bzw. fast gar nicht. Durch die oben beschriebenen Probleme ist auch die Lust aufeinander vergangen. Auch hier war ich wieder der Initiator, ich habe mich schuldig gefühlt und mich dadurch immer mehr zurückgezogen. 

Hinzukommt, dass wir auch nach vier Jahren nicht zusammenwohnen. Wir leben ca. 40 km (45 min) entfernt voneinander. Sie möchte nicht zur mir ziehen, ich habe eine Eigentumswohnung, weil ich Ihr nicht die nötige Sicherheit gebe und weil die Fahrzeit zu lange ist. 

Ein Jobwechsel kommt für sie nicht in Frage, da sie in der Schweiz arbeitet. Sie wiederum lebt noch bei ihren Eltern in Deutschland. Nun möchte sie sich in Ihrem Dorf ein Haus kaufen und will, dass ich zu ihr ziehe. Meine Freundin will das Haus notfalls auch ohne mich kaufen.

Ich habe meine Eigentumswohnung vor zwei Jahren gekauft und habe ich mich erst jetzt eingelebt. Außerdem möchte ich kein Haus in einem Dorf, ich bin kein "Hausmensch" und lebe lieber in einer schönen Wohnung. Ich kenne in dem Dorf außer meiner Freundin auch niemanden. Meine Freundin delegiert gerne Hausarbeiten an ihre Eltern oder ihren Bruder. Ich habe die Angst, dass die ganze Hausarbeit an mir hängen bliebe, wenn ich  zu ihr ziehe. 

Ich hatte den Vorschlag, dass wir uns erstmal eine Wohnung gemeinsam mieten, die für uns beide geografisch gut ist. Das fand meine Freundin nicht toll, da mieten für sie keine gute Option ist. 

Der andere Punkt ist die Familienplanung. Ich wäre gerne bald Papa, meine Freundin sagt zwar, sie will auch Kinder, aber ich merke ihr an, dass es aus ihrer Sicht nicht wirklich wichtig ist, ob und wann sie Kinder hat. Sie verbindet Kinder oft mit Gehaltseinbußen und sagt, dass ein Hund doch viel unkomplizierter ist.   Für sie müssen die Rahmenbedingungen für ein Kind passen (Haus und finanzielle Absicherung). 

Meine Freundin ist der beste Mensch, denn ich kenne, sie hat einen tollen Charakter und hat mir die Trennungen verziehen, wir verstehen uns super und können viel gemeinsam lachen. Bei mir mehren sich allerdings die Gedanken, dass wir uns vielleicht selbst betrügen, weil wir Angst vor dem Alleinsein haben.

Das Ganze bedrückt mich sehr, ich kann mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren und bin oft sehr schlecht gelaunt und traurig. Ich mache mir sehr viel Druck, weil ich auch das Gefühl habe, dass ich für den Großteil der Probleme verantwortlich bin.

Wie können wir die Probleme lösen bzw. lassen die Probleme sich lösen? Und wie würden Sie versuchen, herauszufinden, ob wir eine gemeinsame Zukunft haben?

Liebe Grüße, 

Marco U.

Lieber Marco U.,

Bei Ihrer Schilderung hatte ich den Eindruck, dass es Ihnen und Ihrer Freundin sehr schwer fällt, sich wirklich aneinander zu binden und zueinander zu bekennen. Die Anzeichen dafür: Sie haben sich bisher nie wirklich getraut, Ihre Freundin Ihren Eltern und Schwestern vorzustellen. Doch was genau befürchten Sie, wenn Sie Ihre Freundin mit nach Hause bringen? Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Eltern etwas in Ihrer Freundin sehen, dass ihnen nicht gefällt und dass Sie deswegen Konflikte mit Ihrer Familie haben? Oder glauben Sie, dass Sie Ihre Freundin quasi durch die Augen Ihrer Familie sehen und Sie Ihnen nicht mehr so gut gefällt? Es lohnt sich bestimmt, darüber nachzudenken, denn irgendetwas scheint nicht so zusammen zu passen.

Wenn ein Partner sich nicht wirklich zu dem anderen bekennt, wird dieser meistens unsicher und geht auch nicht mehr aufs Ganze. Und das bekommt der andere wiederum mit und denkt sich: Wenn sie nicht alles für mich (auf)gibt, dann werde ich das auch nicht tun. Ein Teufelskreis. Insgesamt ist das eine schwierige Voraussetzung für eine Beziehung mit Perspektive. 

Aus meiner Sicht sind Ihre Gründe z.B. für die getrennten Wohnungen zwar nachvollziehbar, aber haben auch den Anklang von Ausreden. Keiner von Ihnen beiden möchte die Komfortzone verlassen, sondern lieber genau das durchziehen, was ihm selbst gefällt (Wohnung versus Haus im Dorf). Ich kann mir vorstellen, dass Sie beide kein tiefes Vertrauen in die Beziehung haben und dann lieber keine allzu großen Kompromisse eingehen wollen. Daher kommt vermutlich auch Ihre sexuelle Lustlosigkeit, denn Ihre Beziehung bewegt sich nicht vorwärts, obwohl Sie beide ja "eigentlich" gerne eine Zukunft planen müssen.

Und nun ist es an Ihnen, mal in sich zu gehen und zu klären, woran das Problem liegt:

  • a) Hatten Sie immer schon Ängste, sich zu binden und alles in einer Beziehung zu geben? War es auch mit anderen Frauen so? Wenn Sie sich noch nie fest einlassen konnten, kann ich Ihnen das Buch: "Jeder ist beziehungsfähig" von Stefanie Stahl empfehlen als Einstieg zum Thema Bindungsängste.
  • b) Liegt es an der Beziehung mit dieser Frau, in der es Ihnen schwer fällt, wirklich Nägel mit Köpfen zu machen? Haben Sie beide trotz aller Zuneigung füreinander vielleicht völlig unterschiedliche Pläne für die Zukunft?

Ich denke, es wäre wichtig, intensiv nachzudenken, wie Sie sich eine Zukunft vorstellen und ob Ihre Freundin ähnliche Pläne hat. Es hört sich für mich so an, als wenn Sie ganz unterschiedliche Werte und Vorstellungen haben.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie den Mut haben, Ihre Gefühle genau anzuschauen und auch mit Ihrer Freundin zu klären, ob Sie auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Wenn nicht, sollten Sie loslassen, denn Sie blockieren sich nur.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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