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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Freund liebt mich mehr als ich ihn - und ich schäme mich dafür

Wenn man sich liebt, will man alles teilen und sucht ständig die Nähe des anderen - so vermitteln es uns Unmengen von Liebesgeschichten. Und auch Irinas Freund will kaum von ihrer Seite weichen. Doch sollte sie sich schämen, wenn sie das gar nicht so dringend möchte?

Eine Frau schaut nachdenklich über die Schulter eines Mannes

Muss Liebe immer auch mit extremer Nähe verbunden sein? (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich bin 24 und mit einem sehr lieben und einfühlsamen Mann zusammen. Für ihn bin ich die große Liebe und er würde wirklich alles für ihn tun. Das sagt er mir auch immer wieder. Er hat vor mir noch nie solche starken Gefühle für eine Frau gehabt und kann sich auch eine Zukunft mit mir vorstellen. Er plant mich in alles mit ein (zum Beispiel will er auch Kinder mit mir, irgendwann ein Haus bauen…).

Ich liebe ihn auch und bin froh, dass ich ihn habe. Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, weil meine Gefühle für ihn nicht so stark sind wie seine für mich. Ich würde auch gerne mal einen Abend oder ein Wochenende alleine oder mit Freundinnen verbringen, gerne öfters auch alleine übernachten (ich schlafe dann einfach besser) und mal Zeit für mich haben. Ich habe aber das Gefühl, dass ihn das enttäuschen würde, und das will ich nicht. Deshalb sage ich nichts.

Ich frage mich, ob es normal ist, dass ich so viel alleine machen möchte, denn er ist wirklich in jeder Hinsicht der richtige Partner für mich.

Was können Sie mir raten?

Viele Grüße,

Irina F.


Liebe Irina F.,

mir wurde in Ihrer Schilderung recht schnell klar, warum Sie sich nicht so richtig wohl fühlen in Ihrer Haut. Sie erzählen sich nämlich zwei sehr unvorteilhafte Dinge über sich selbst.

Erstens schildern Sie sich selbst als jemanden, der nicht so viel, stark und intensiv lieben kann wie es sein sollte (bzw. Ihr Partner das tut). Dadurch vermitteln Sie sich selbst das Gefühl, dass Sie nicht wirklich liebevoll sind und vielleicht auch etwas egoistisch: Sie nehmen mehr Liebe, als Sie geben.

Das klingt vielleicht etwas übertrieben, aber prüfen Sie doch einmal, ob nicht ein wahrer Kern in meiner Vermutung steckt.

Dadurch, dass Sie sich Ihre Liebe oder Ihre Fähigkeit zur Liebe klein reden, greifen Sie sich und Ihr Selbstwertgefühl direkt an. Eigentlich ist ja jeder Mensch stolz auf das, was er geben kann. Insbesondere die Liebe für andere ist ein kostbares Geschenk, und wir fühlen uns wohl, wenn wir anderen dieses Geschenk machen können.

Nur in Ihren eigenen Augen ist Ihr Geschenk für Ihren Freund zu klein, zu mickrig, irgendwie geizig und nicht genügend. Sein Geschenk an Sie ist viel größer, großzügiger und besser.

Ich rate Ihnen dringend, mit diesem Vergleich aufzuhören, denn das ist der beste Weg Ihre eigene Liebe zu entwerten und über kurz oder lang nicht mehr zu spüren.

Ich vermute, dass es einen guten Grund hat, dass Sie die Gefühle für Ihren Freund nicht so stark spüren und pausenlos ausdrücken wollen: Er nimmt nämlich die nähesuchende Rolle in Ihrer Beziehung ein. Er will Sie mit Haut und Haaren, jetzt und in der Zukunft, und am besten jeden Tag und ohne Pause.

Eine gesunde Beziehung besteht aber sowohl aus Nähe als auch aus Autonomie.

Oder würden Sie gerne mit ihm zum Arzt gehen und sich zusammen nähen lassen wie siamesische Zwillinge?

Da Ihr Freund den Nähe- Part hat, nehmen Sie den Autonomie oder Distanz- Part ein. Sie sorgen dafür, dass jeder auch etwas eigenes unternimmt und Raum zum Atmen bekommt. Nur wer sich selbst spürt, kann auch den Partner wieder spüren. Also tragen Sie etwas Wichtiges zu Ihrer Beziehung bei.


Kommen wir zum nächsten kritischen Punkt, den Sie sich selbst erzählen:

Zweitens hinterfragen Sie sich immer wieder, ob Ihre eigenen Gefühle normal sind.

Wenn jemand die Richtigkeit oder Normalität seiner eigenen Gefühle hinterfragt, stellt er etwas sehr persönliches in Frage und verkleinert das eigene Selbstwertgefühl. Ob Gefühle "normal" sind oder nicht, ist eine Frage, die einem nicht hilft. Denn was heißt "normal"? Bedeutet es, dass die Mehrheit der Menschen so fühlt? Dann wäre ich nicht normal, weil ich mich für Fußball überhaupt nicht interessiere (im Gegensatz zu Millionen von begeisterten Fußballfans).

Alle Gefühle sind grundsätzlich in Ordnung. Wenn ich von meiner Kollegin genervt bin, mich von meiner Mutter nicht richtig unterstützt fühle, mich als Mutter von kleinen Kinder langweile oder extrem sauer auf die Frau bin, die schamlos mit meinem Freund flirtet - meine Gefühle sind in Ordnung und verraten mir etwas wichtiges über mich selbst und meine Gefühlslage.

Außerdem kann ich meine Gefühle nicht kontrollieren, sondern ich kann sie höchstens unterdrücken, und das ist nicht gesund.

Ganz anders ist das Verhalten. Ich bin verantwortlich für mein eigenes Verhalten und muss nicht der Frau, die mit meinem Freund flirtet, die Autoreifen zerstechen oder ihr Hassmails schreiben. Ich sollte darauf achten, dass ich meine Kinder nicht anschreie. Gefühle sind kein Freifahrtschein für egoistisches oder schädliches Verhalten. Denn das miese Verhalten wäre unter anderem wieder schlecht für mein Selbstwertgefühl, weil ich nicht stolz darauf sein kann, dass ich Autoreifen zersteche oder Hassmails schreibe. Gefühle liefern uns wertvolle Informationen über uns selbst und sind so etwas wie ein persönlicher Kompass. Es lohnt sich, sie genau wahrzunehmen!

Wie wäre es, wenn Sie sich immer wieder sagen, dass es in Ordnung ist, was Sie fühlen? Auch der Wunsch, mal alleine zu schlafen oder Freunde zu treffen, ist völlig Ordnung. Und genau so ist es auch in Ordnung, wenn Ihr Freund am liebsten pausenlos mit Ihnen zusammen wäre. Keines dieser Gefühle und Bedürfnisse ist besser oder schlechter als das andere.

Übrigens hat der Wunsch Ihres Freundes, ständig mit Ihnen zusammen zu sein, auch viel mit seinen eigenen Bedürfnissen zu tun. Vielleicht ist er ungern alleine, oder er hat wenige Freunde oder Interessen. Oder er fühlt sich einfach besser, wenn er mit Ihnen zusammen ist. Seine Art, Liebe zu empfinden und zu leben, unterscheidet sich von Ihrer Art zu lieben.

Aber beide Gefühle und Bedürfnisse sind völlig ok, und deshalb ist es wichtig, dass Sie gemeinsam eine Lösung dafür finden. Am Besten erzählen Sie Ihrem Freund, dass Sie Zeit für sich brauchen und erklären Sie ihm auch, dass das die Beziehung zu ihm nicht in Frage stellt, sondern ergänzt. Sie unternehmen auch gerne mal etwas mit Freunden oder ruhen sich alleine aus, weil Sie das gerne tun und brauchen. Passen Sie auf, dass Sie sich nicht rechtfertigen, denn damit stellen Sie sich selbst auch wieder in Frage und schwächen sich.

Ich hoffe, dass Sie sehr achtsam damit sein können, wenn Sie sich selbst in Frage stellen und lernen können, sich und Ihre Gefühle besser anzunehmen. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Wunsch, etwas mehr Raum für sich zu haben, als etwas Gesundes und Wichtiges annehmen können, das eine Beziehung genau so bereichert wie das Bestreben nach Nähe.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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